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F.Duncker an Keller - 03.05.1860

Beschreibung:  Ein Brief von Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Franz Duncker an Gottfried Keller - 03.05.1860


Berlin den 3ten Mai 1860.

Lieber Herr Keller!

Ein Manuskript von Ihnen ist eine so seltene u. so erfreuende Erscheinung, daß es mir äußerst schwer fällt Ihnen den Apotheker von Chamouny wieder zurückzuschicken. Ich habe denselben mit dem größten Interesse gelesen u. mich an der Schönheit verschiedener Stellen z. B. gleich dem Anfang, dann aber namentl. Heines Begräbniß, dem tollen Spuck auf dem Kirchhof u an der Montblancfahrt des Dichters wahrhaft erbaut. Weniger günstig ist der Eindruck des Ganzen u. die Läuterungsidee des Dichters erscheint zu weit ausgesponnen, manches so namentl. der Abgesang schwer verständlich. Wie ich das Publikum zu kennen glaube wird das Gedicht daher aus diesen Gründen u. weil die Himmelfahrt des Dichters seinem wirkl. Heimgang etwas spät nachfolgt, kein Glück machen, u. aus diesem Grunde lehne ich den Verlag ab u. möchte Ihnen, wenn ich mir in solchen Dingen einen Rath erlauben darf, u. ich spreche ihn überhaupt nur aus, weil nach Ihrem Briefe Sie selbst schon geschwankt haben, – von der Veröffentlichung des Gedichtes abreden. Sie haben mit Ihren Leuten von Seldwyla einen so schönen Erfolg gehabt, daß mir u. jedem Ihrer Freunde ein weniger günstiger Erfolg eines folgenden Werkes sehr schmerzhaft sein würde, zumal Sie mit Ihren Novellen, wenn Sie sich endlich entschließen, dieselben zum Druck abzusenden, gewiß einen großen u. durchschlagenden Erfolg zu erwarten haben, der durch ein minder günstig aufgenommenes Zwischenstück einigermaßen gefährdet werden würde. Soweit haben Sie mit aller Offenheit meine Meinung u. werden mir dieselbe auch wenn Sie Ihnen nicht gefällt, gewiß nicht entgelten lassen, was ich aus der Kürze der Zeit entnehmen werde, in welcher Sie der diesmaligen Sendung die der Novellen nachfolgen lassen werden Dr. Frese u. meine Frau grüßen Sie aufs beste, den Passus in Ihrem letzten Brief an Frl. Assing wegen des Abschiedes von Zürich hat meine Frau nicht verstanden, sie hat sie am letzten Tage ihrer Anwesenheit in Zürich noch erwartet, hat Sie aber ihrerseits nicht aufsuchen lassen wollen, um nicht aufdringlich zu erscheinen u. Sie, der vor allen Besuchen eine solche Bange zu haben scheinen, nicht noch mehr zu behelligen.

Mit bestem Gruß
Ihr
Franz Duncker

  
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