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Kuh an Keller - 10.02.1873

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Emil Kuh an Gottfried Keller - 10.02.1873


Neapel, 10. Februar 1873.
Riviera di Chiaja 171.

Hochverehrter Herr,

Schon der Aufgabsort auf dem Couvert dieses Briefes wird Sie in Verwunderung setzen. Sie glauben mich in Wien, den Gaul meiner Berufsarbeiten antreibend, am wenigsten vermuthen Sie mich in Süditalien. Mein Halsleiden war eben so hartnäckig und gab zu solchen Besorgnissen Anlaß, daß ich mich im Spätherbste genöthigt sah, um einen längeren Urlaub bei der Handelsacademie zu bitten. Man rieth mir Neapel an und so ging ich denn, nachdem ich September und October unter der klimatischen Glasglocke Merans umsonst auf eine Heilung meines Uebels gehofft hatte, hinunter an den schönsten Golf des Mittelmeers. Meine Familie nahm ich mit, da das Leben in Wien kostspieliger ist als in Italien und nur die Reiseauslagen in's Gewicht fielen. Seit dem 11. November bin ich hier und empfinde von Tag zu Tag stärker die heilende Wirkung der Seeluft, der südlichen Wärme und Lichtfülle. Von den Balkonen meiner Wohnung aus sehe ich über die Obstbäume, Eichen und Palmen des Gartens an der Riviera hinweg auf den Meeresspiegel und auf Capri. Wenn ich einige hundert Schritte mache, befinde ich mich auf dem Posilip, mit seinen grotesken Tuffsteinschluchten, in denen Orangen, Citronen, Rosen und Lorbeer, Pinien und Cactusgestalten den Hügel hinan oder zum Meere hinab stehen, mit seinen anmuthigen Villen, Osterien und Vignen. Die nach Innen sich verkriechende Seele des Deutschen meiner Artung gewöhnt sich nur allmählich an die taghelle, formenklare Landschaft und an die unbefangene Sinnlichkeit des süditalischen Lebens. Mit der Gewöhnung aber kommt die Freude, ja das Glück, das diese Sinnlichkeit einflößt, in unser Herz, eine Sinnlichkeit, welche, um ein Dichterwort zu variiren, ausgestoßen hat jeden Zeugen seelischer Bedürftigkeit. Der nicht verdorbene Mensch muß in Italien den letzten Rest der Ueberschwänglichkeit verlieren, die in ihm noch arbeitet, und jenes Behagen an dem Unaussprechlichen, das eigentlich ein leeres Spinnen in dem Unbestimmten ist. Man braucht nicht Kunstzwecke in Italien zu verfolgen, um einen Lebensgewinn aus dem Aufenthalte in diesem Lande zu ziehen. Die italienischen Reisen sind, seitdem Goethe einen inneren Umschwung durch die seinige erfahren hat, der obligate Wendepunct in dem Dasein jedes Nippwaaren-Novellisten und jedes Vogelhausanstreichers geworden. Italienische Reisen gehören nun in den Kreis der Künstlerstipendien und anderer Aufmunterungen vielversprechender Talente. Wie sie fruchten nehmen wir an den Werken der Aufgemunterten wahr. Wichtig ist es, dß man für Italien reif nach Italien komme. Das einfachste Individuum kann dafür reif sein, wie der hervorragende Geist unreif. Letzteres war z. B. bei Friedrich Hebbel der Fall, welcher ungeachtet einzelner reiner Eindrücke, die er in Rom und Neapel empfing, sich dann erst recht in die unerquicklichsten Prozesse versenkte, was nicht möglich gewesen wäre, wenn er zu guter Stunde den Weg nach dem Süden angetreten hätte.

Ich beschäftige mich jetzt beinahe ausschließlich mit der Biographie dieses Dichters, die schon lange eine Last ist, welche ich abschütteln muß. Sie werden der Darstellung seines Entwicklungsganges weder Ihren geistigen Antheil, noch Ihre Gemüths-Theilnahme versagen können. Den typischen Merkzeichen Ihres Grünen Heinrich werden Sie häufig begegnen.

Gegen Ihre Bedenken in Betreff meines Wunsches, Sie sollten mir biographische Skizzen über Ihr Leben senden, habe ich nichts zu bemerken. Aber ein Mißverständniß, durch meinen letzten Brief hervorgerufen, möchte ich beseitigen. Sie irren vollständig, falls Sie meinen, ich stellte mir Ihre Vergangenheit als einen seltsamen oder schauerlich verschlungenen Knoten vor. „Schinder-Hannesartig“ war Ihr Ausdruck. Im Gegentheile. Ich bin überzeugt, dß sich Ihr Leben äußerlich ziemlich normal abgewickelt hat und meine Bezeichnung „criminalistisch“ bezog sich auf Ihr keckes und kaltes Anfassen der verborgensten innern Vorgänge. Auch „entern“ will ich Ihr „treibendes Schifflein“ nicht. Daß ich Ihre Dichtungen genieße, nicht als Rezensent betrachte, dächte ich denn doch durch meine Artikel über Ihren Roman und Ihre Legenden dargethan zu haben.

Berechtigt ist Ihre Mißbilligung der norddeutschen Phrasen über Grillparzers Werth. Den Leuten, die ehegestern in Robert Prutz und Karl Gutzkow bedeutende Dichter, gestern in Gustav Freytag eine große schöpferische Kraft und heute in Fritz Reuter, in Paul Heyse und Adolph Wilbrandt gottbegnadete Poeten erblickt haben, steht es wahrlich schlecht an, aesthetisch-zollamtliche Einwendungen gegen eine zu hohe Anerkennung, die dem todten Grillparzer wird, zu erheben. Gleichwohl weiche ich in der Werthschätzung Grillparzers von Ihnen ab. An dramatischer Energie halte ich Kleist, Hebbel und Otto Ludwig für größer, an lyrischer Macht Mörike, Uhland und Heine ihm weitaus überlegen. Ich schrieb in einem der Artikel, welche ich über die Schriften des Nachlasses Grillparzers in der Wiener Zeitung veröffentlicht habe, er sei im Umriß der beste nach Schiller und Goethe, aber nicht in der Ausgestaltung. Die kritischen Arbeiten beurtheile ich der Hauptsache nach, ganz so, wie Sie. Ich schickte diese Aufsätze einem Freunde in Meran und will ihn ersuchen, er möge sie an Sie weiter befördern. Laube ist ein Herausgeber und Kunstrichter, wie er ein Schriftsteller und Dichter – daß Gott erbarm – ist. Er riecht überall nur den Leim und hat nur sein Augenmerk auf den Effect, den die geschnitzten Tische und Spiegelrahmen üben; vom Selbstzwecke der Kunst weiß er soviel, wie der Hund, der den Geschlechtstrieb befriedigt, von der generatio aequivoca.

Die Aussicht, dß ein zweiter Band der Leute von Seldwyla kommt, erfüllt mich buchstäblich mit Frühlingserwartungen. Das wäre was, wenn ich auf Capri, wo ich die Wochen vom halben April bis Mitte Mai zubringen will, dieses Buch von Ihnen erhielte. Zu Ihren feinsten Lesern unter den Deutschen zähle ich sicherlich, dessen darf ich mich schon rühmen.

Ein Paar naive Aeußerungen meines neunjährigen Jungen werden Sie ergötzen. Als der Knabe mit uns im Museum war, sagte er zu seiner Mutter: Mama, wie haben denn die Blätter den Göttern gehalten? Und als er die hübschen Ammen sah, welche die Kinder der vornehmen Neapolitanerinnen säugen, da fragte er seine Mutter: woher kommt es denn, dß die Ammen immer schöner als die Frauen sind?

In den Sommermonaten werde ich die oesterreichischen oder bairischen Alpen aufsuchen. Da Sie nach Wien gehen wollen – ich fürchte die Ausstellung wird eine neue Blamage Oesterreichs, – so könnten wir uns vielleicht irgendwo ein Stelldichein geben. Machen Sie, wenn ich bitten darf, keine zu lange Briefpause! Unter diejenigen, welche Ihre Muse lieben, zählt auch der jetzige Minister DrGlaser in Wien, einer meiner Jugendfreunde, an den ich Ihnen gerne ein warmes Brieflein schicken würde.

Mit bestem Gruße, Ihr Sie innig verehrender
Emil Kuh.

  
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