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Kuh an Keller - 08.01.1874

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Emil Kuh an Gottfried Keller - 08.01.1874


Meran, 8. Januar 1874.
Abends 6 Uhr.

Daß Sie das größte Dichtertalent sind, welches unsere gegenwärtige Litteratur besitzt: war schon nach Ihrem Grünen Heinrich meine Ueberzeugung. Die Sieben Legenden, die formklarsten Ihrer Productionen, bestärkten mich darin und heute wieder und abermals die neuen Erzählungen im 3. Bande der Leute von Seldwyla. Ich habe nur die ersten zwei gelesen: Kleider machen Leute und der Schmied seines Glückes, da ich mir die einzige neue, die ich vorläufig noch habe, auf morgen aufsparte. Ich empfing die drei Bände heute Vormittag, durch die Buchhandlung Gerold aus Wien.

Welch eine Heiterkeit ruht auf diesen Bildern! welch ein Fabelmund hat sich in Ihnen aufgethan! Die Geschichte von dem blassen Schneiderlein muthet mich als die jetzt erst ausgedichtete Erfindung vom Verwunschenen Prinzen an. Bisher war sie trotz ihrem Reize äußerlich geblieben. Die Geschichte von dem müßiggängerischen Nachhelfer seines Glückes würde unter den Rubinen des Boccaccio noch immer einer der seltensten Steine sein.

Ich kenne noch einen deutschen Erzähler unserer Tage – in angemessener Entfernung von Ihnen – Theodor Storm, in welchem die Poesie erzählt – alle übrigen „Novellisten“ und Romanschriftsteller, darunter ich einige je nach ihrer Begabung wohl zu schätzen weiß, rechne ich nicht zu den Dichtern. Storm ist ungemein enge auf sein poetisches Gütchen angewiesen, während Ihre Kraft zum Großgrundbesitze gehört, aber Storm hat Resonanz, die Cardinalbedingung tieferer Wirkung. –

Warum kann ich nicht mit Ihnen persönlich sprechen, in Momenten der Erregung, wie jetzt! Wenn man im innersten Gemüthe bewegt ist, auch künstlerisch bewegt, dann vermag man gegen eine wahlverwandte Natur zu sprechen, aber nicht zu schreiben.

Ich werde morgen die Verlagshandlung bitten, mir sofort den Schlußband senden zu wollen, wenn er erschienen. In der Wiener Abendpost gedenke ich ausführlich über die Leute von Seldwyla zu reden. Der Neuen Presse könnte es abermals in den Sinn kommen, wenn ich Ihre neuesten Dichtungen dort anzeigen wollte, einen ordinairen Pariser Brief, der eine Hinrichtung „schildert“, als erstes Feuilleton zu geben. Das hat Herr Etienne thatsächlich gethan; der Pariser Pöbel hörte zu johlen auf, nachdem der Henker sein Werk beendet hatte – und mein Artikel über die Fabulistik der Kirche fing an. Aber „Hammerschläge und Historien“, eines der „modernen“ Meisterstücke, die ich nicht lese, wenn ich nicht muß, ward an erster Stelle in dem sudelhaften Weltblatte angezeigt. Ich verzeihe Herrn Etienne diese, wahrscheinlich nicht mit Absicht begangene, Gemeinheit niemals. Die absichtslose ist immer die niederträchtigere.

Verzeihen Sie, dß ich von dem Ausdruck reiner Genußfreude zu solchen Dingen herabgeglitten bin. Wenn Sie mich näher kennten, würden Sie die sonderbare, nicht hübsche Eigenschaft an mir längst wahrgenommen haben, dß ich dicht an das Segenswort einen Fluch zu rücken pflege, weil ich, im Anblick des Gartenglücks schwelgend, sofort die Buben erblicke, welche Bäume beschädigen und Steine über die Mauer herüber werfen.

Ihr treu ergebener
Emil Kuh.

Eben fragt mich meine Frau, ob sie den Kindern die Erzählungen vorlesen dürfe? worauf ich erwiderte: die erste allerdings. Spiegel das Kätzchen hatte ihnen meine Frau ungefähr heute vor einem Jahre in Neapel vorgelesen, und erst vor einigen Tagen sagte mein Paul (11jährig) vor sich hin: „Immer fleißig, Herr Pineiß, immer fleißig.“ Ich habe überhaupt gefunden, dß halbwegs aufgeweckte Kinder Manches von den letzten Dingen der Poesie dumpf ahnungsvoll empfinden, etwan wie den Geschlechtstrieb, der in dem unschuldigsten Knaben den Iste streift, wenn er die Mutter zärtlich umhalst. – Das ist eines der merkwürdigen Capitel. Ihnen darf ich ja schreiben was ich will. Sie können nichts mißverstehen.

Jetzt mache ich schon die Seite mit der zweiten Nachschrift voll. Ihre dichterische Heiterkeit ist deshalb so wunderbar, weil sie der Farben- und Lichterschmelz ist auf der grauen Untermalung der Welt und des Menschenwehs. Und gar kein deutscher Dichter außer Ihnen hat diese Art Humors, die nur einzelnen Engländern, namentlich Sterne eigenthümlich.

  
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