Title:

Keller an Kuh - 12.02.1874

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Emil Kuh - 12.02.1874


Zürich 12. II. 74.

Meine Briefschulden haben sich wieder tüchtig gehäuft und ich kann sie auch jetzt nicht nach Gebühr abtragen, was Gott bessern wolle, ich werde es schwerlich thun!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre gute Meinung von den neuen Novellen, soweit Sie dieselben kennen; aber rauchen Sie den starken Lobtabak nicht weiter, wenn Sie mir nicht Feinde erwecken wollen wie Sand am Meer! Ich muß ihn für mich selbst noch auslaugen, wenn ich das mir zukommende u zuträgliche Friedenspfeifchen davon genießen will in stiller Ruhestunde. Da das 4t. Bändchen immer noch 2–3 Wochen zögern wird, so schicke ich Ihnen wenigstens die Aushängebogen der einen kleineren Erzählung desselben. Die erste Hälfte ist vor 10 Jahren gemacht, die zweite neulich am Mondsee im Salzburgischen. Dazwischen liegt nicht ein aufgezeichnetes Wort und von der ersten Hälfte hab' ich selbst das ursprüngliche Manuskript in die Druckerei gegeben. Und doch ist der Schluß anders, als er vor 10 Jahren geworden wäre, oder etwas anderes, d. h. nicht mit Bezug auf die Fabel oder Erfindung. Dieß sage ich, weil ich dieser Tage eine Aeußerung von unserm Otto Ludwig über den 1t. Band der Leute v. Seldw. von 1861 gelesen habe aus einem Briefe an B. Auerbach, den Julian Schmidt der Schwätzer in der Westermann'schen Monatsschrift in einem Aufsatze über Ludwig reproducirt. In dieser Aeußerung, mit welcher ich unverdient gut weg komme, fiel mir nämlich wieder das Grübeln über die Mache auf, dieses aprioristische Spekuliren, das beim Drama noch am Platz ist, aber nicht bei der Novelle u dergleichen. Das ist bei dieser Schule ein fortwährendes Forschen nach dem Geheimmittel, dem Rezept und dem Goldmacherelixir, das doch einfach darin besteht, daß man unbefangen etwas macht, so gut mans gerade kann, und es das nächste Mal besser macht, aber bei Leibe auch nicht besser als mans kann. Das mag naturburschikos klingen, ist aber doch wahr.

Sie können Sich denken, daß ich bei Entdeckung der fraglichen Stelle in dem Ludwigsbriefe beinah' humoristisch angeregt wurde, da mir natürlich meine eigene Aeußerung über den Wackern einfiel, die Sie haben abdrucken lassen. Sie ist allerdings etwas zu eckig und hart für die Veröffentlichung gewesen.

Die letzte Geschichte des 4t. Bändchens habe ich dagegen nochmals umgewendet, da sie mir zu niedrig gegriffen und zu skurril erschien als Abschluß des Ganzen. Vielleicht finden Sie, daß gerade hierdurch das was der oben bezeichneten Schule so Kopfzerbrechens macht, verloren gegangen ist und ich es doch habe besser machen wollen, als ich kann.

Für Ihr Auftreten gegen den Benedix'schen Unglücksnachlaß bin ich Ihnen sehr dankbar. Ich hatte leider das Buch, weil ich dessen Inhalt nicht gar so kraß glaubte, als gleichgültiges Zeug mit der gleichzeitig erhaltenen neuen Auflage des Rümelin'schen Buches ungelesen zurückgeschickt. Seither habe ich den unglaublichen Inhalt (unglaublich weil von einem gebildeten deutschen Manne herrührend) in den „zwölf Briefen eines Shakespearomanen“ von Noiré zum Theil kennen gelernt und wieder gesehen, daß der Lebenstrieb der Neidhämmel doch die stärkste Kraft ist, denn sie setzt über Jahrhunderte hinweg! Ja über Jahrtausende! Denn ich habe selber einen mehr als Bruchstück gebliebenen Epiker unserer Tage, der auf Homer jaloux war, einmal den letzteren ärgerlich „dieser Mann“ nennen hören, als ob er jetzt und in der gleichen Straße mit uns lebte.

Man sollte aber das Benedix'sche Satyrspiel als Beigabe zu einer Tragirung des Rümelin'schen Wesens brauchen; denn auch hier ist die Strafe noch nicht vollzogen. Ich bin der Meinung, daß hier des Pudels Kern nicht der Handwerksneid, aber ein unberechtigter u unbewiesener nikolaitischer Geschmackseigensinn oder vielmehr eine Geschmacksbeschränktheit ist trotz der feineren Rhetorik.

Ihre verschiedenen Aufsätze will ich Ihnen gelegentlich zurückschicken und dazu schreiben, wenn ich sie nochmals gelesen habe. Inzwischen danke ich Ihnen tausendmal dafür.

Die Placirung Ihrer Besprechung der Legenden in der N. Fr. Presse habe ich nicht bemerkt, dagegen haben Sie recht, wenn Sie Ihre Arbeiten nicht gern hinter diejenigen meines Mit-Zürich-Bewohners u guten Bekannten Scherr gesetzt sehen, der alle Tage trivialer und seiltänzerischer wird.

Ihre Frau Gemahlin kann glaube ich den beifolgenden „Dietegen“ (ein Taufname, der nur noch in unser'm Zürcherkalender vorkommt, wo ich ihn geholt habe, sollte eigentlich Dietdegen geschrieben werden) den Kindern vorlesen; ich bin aber in diesem Punkt nie ganz sicher.

Schreiben Sie mir immer ein par Nachschriften, so lang Sie Platz haben, das ist behaglich und wärmt, wie ein Schnäpslein. Den Passus wegen des die Mutter umhalsenden Knaben verstehe ich ohne Mißverständniß. Ich war ein Kind von kaum 5 Jahren, da ich von einer Nachbarin sagen hörte, man werde ihre Vermählung feiern. Ich verstand „Vermehlung“ und träumte gleich darauf von ihr, d. h. von der Person, wie sie entkleidet, in einen Backtrog gelegt und mit Mehl eingerieben und zugedeckt wurde, und dieser Traum hinterließ mir einen sehnsüchtig-traurigen Eindruck, der mich lange Jahre trotz allen Gelächters nie verließ

Doch nun gute Nacht nach diesem Hauptstück von Kinderei. Es ist 9 Uhr.
Ihr G. Keller

Nächsten Sommer werde ich ziemlich sicher auf ein par Wochen nach Wien gehen. Da muß doch was abgeredt werden.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum