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Kuh an Keller - 14.03.1874

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Emil Kuh an Gottfried Keller - 14.03.1874


Meran, 14. März 1874.

Machen Sie Sich auf abgerissene Tagebuchblätter gefaßt; einen zusammenhängenden Brief werde ich kaum zu Wege bringen.

Wie warm haben Sie mir das letzte Mal geschrieben und wie sehr war ich gerade in der Zeit, als ich diesen Brief empfing, der Wärme eines männlichen Gemüthes bedürftig! Mitten in meine ernsten Arbeiten, in meine Träumereien und in meinen häuslichen Frieden hinein war eine Neigung gefallen, die den ganzen innern Menschen zerstörungslustig aufgerührt hat. Und weil sie dies gethan, so war auch der Quell hervorgebrochen, den ich seltsamer Weise vor einigen Monaten als verschüttet gegen Sie bezeichnet habe und auf dessen Wiedererscheinen ich nicht im Mindesten gefaßt sein konnte. Im Januar und Februar habe ich buchstäblich nichts Anderes als Verse gemacht, einen kleinen Band Gedichte; wohl viel Besseres, wie ich glaube, als jemals in meiner Jugend, ohne daß ich mir deshalb einbilde, daß der Schriftsteller in mir an dem dichterischen Talent einen zu fetten Bissen bekommen habe. Warum sollte ich Ihnen nicht ein paar Proben geben dürfen!?

Abends.

Wenn ich nicht wieder heil wäre: ich hätte Ihnen dann wahrscheinlich nicht Einblick in meine Zustände vergönnt, schon deshalb nicht, um mich nicht dem Verdachte auszusetzen, als wollte ich den Heilkünstler in Ihnen anrufen, Sie sozusagen um moralischen Succurs angehen. Meine gute Frau, die viel viel mehr werth ist, als die Erweckerin der mitgetheilten Gedichte, hat öfters, wann wir schwere, bittere, leidenschaftliche, schauerliche Gespräche mit einander hatten, das Wort variirt anhören müssen: „Meinst du, daß Keller in dem was ich jetzt gesagt, mir Unrecht gäbe?“ So haben Sie denn auch in eine meiner innern Krisen hineingespielt.

Ihre Erzählung: Missbrauchte Liebesbriefe wirkte auf meine Frau sogar in jenen dunklen Tagen - und sie wirkte rein, in ihrer vollen Schönheit. In Parenthese bemerke ich, daß meine Frau sehr ungehalten wäre, wenn sie wüßte, daß ich gegen Sie in Rücksicht auf Ihre Dichtungen von ihr spreche. Denn sie will eigentlich gar nicht besprochen werden, und sie ist außer in ihrem Verkehr mit mir, verschlossen gegen Jedermann.

Die Mißbrauchten Liebesbriefe sind in der That der Gipfel Ihrer Darstellungskraft; die Gestalt der Gritli nach meiner Ueberzeugung das anmuthigste Weib, das in der Poesie nach Goethe geschaffen worden. In mein Taschenbuch notirte ich die nachstehenden Bemerkungen, die Sie corrigiren mögen, wenn Sie durch dieselben dazu veranlaßt werden sollten.

Was gehörte für eine Sicherheit, für ein Zutrauen in sein eigenes Vermögen dazu ein solches Programm in dem Eingange der Erzählung Mißbr. Liebesbr. zu geben, und dann mit der Dichtung selbst doch nicht den Eindruck des angewandten Beispiels zu machen. Gritli. Ein einziges Mal fehlt sie, wird sie zum Fehlen gedrängt, und nun bezahlt sie dafür mit ihrem scheinbar häuslichen Glück, um sich schließlich damit ihr wesentliches Glück zu erkaufen.

Die einfachsten Verhältnisse - und doch steht bei Keller Alles unter geheimer Aufsicht.

Die Kühnheit der neueren Dicher, Alles anzurühren: vielleicht auch eine Folge des Einflusses der Naturwissenschaften. Alle psychologischen wie sittlichen Vorgänge sind vogelfrei geworden. Wir suchen hier gleichfalls tiefere Grundlagen; die bisherigen des Uebereinkommens reichen nicht mehr aus. Daher das Ueberhandnehmen der Darstellung des Intimsten in der Poesie. - Seitdem der feudale Gutsherr aufgehört hat und mit ihm sein ausschließliches Jagdrecht, geht jeder Bauer mit der Flinte in’s Feld und schießt den Hasen. So hat Jeder jetzt auch seine eigene geistige oder sittliche Gerichtsbarkeit. Das nenne ich das Moderne.

Sie aber, lieber Keller, haben dabei noch etwas von der classischen Unbefangenheit und machen mit den Vorrechten oder Uebergriffen der Poesie der Gegenwart nicht Staat, wähnen nicht, daß Homer, mit uns „Modernen“ verglichen, einen Schusterhorizont hatte und jauchzen nicht über das grauenhafte Zuviel unserer Erkenntniß.

Eines ist mir nunmehr in Betracht Ihrer poetischen Eigenthümlichkeit aufgegangen: Sie sind der erste Humorist unter unseren Dichtern, der zugleich ein Dichter ist. Der siebenfarbig gespaltene Strahl des Humors hört bei Ihnen nicht auf ein Regenbogen zu sein, der die Landschaft einrahmt, während bei den anderen deutschen Humoristen, die fälschlich so heißen, die sieben Farben zwar vorhanden sind, aber nicht mehr im künstlerisch einrahmenden Bogen.

Die Erzählung Dietegen, für deren Aushängebogen ich treulich danke, macht mir noch zu schaffen: ich kann noch nichts Bestimmtes darüber sagen. Die Symmetrie des Burlesk-Gräßlichen, welche in der Staffage herrscht, leitet glücklich wieder in die Sphäre des Humors hinüber. Ob aber das letzte Schicksal des Mädchens nicht zu symmetrisch mit dem Jugendschicksale Dietegens ist? ist mir noch immer ein ungelöster Scrupel. Vortrefflich dagegen finde ich die innere Entwicklung Dietegens vorgebildet und ausgeführt. Gewaltig ist der Schritt des Bösen oder Grausamen aus der Herbheit seines Wesens heraus gezeichnet. Auch die jungfräuliche Wildheit jener Burgunderkriege spricht die Phantasie des Lesers lebhaft an. Wann kommt der 4te Band?

Wundersam, daß Sie im vorigen Herbst dieses Gedicht zu Ende bringend am Mondsee saßen, als ich - vielleicht zur selben Zeit - in Berchtesgaden oder in Ischl verweilte. Freilich müssen wir uns im nächsten Sommer sehen. Ich habe gar nichts Anderes vor, als: entweder zu Ihnen zu reisen oder Sie in oder bei Meran zu erwarten oder an irgend einem tyrolischen oder schweizer oder bayrischen See mit Ihnen zusammenzutreffen. Ich wage es, ein Wort der Rahel zu gebrauchen, welche einmal an ihre Freundin Pauline Wiesel schrieb: Wie freue ich mich, Dich zu sehen, mit Dir zusammen zu sein, weil wir einander gar nichts zu sagen haben!

Schade, daß Sie mir die Stelle des Ludwig’schen Briefes verschwiegen haben? Könnte ich sie nicht nachträglich von Ihnen erfahren? Vielleicht würde sie sich hübsch meinen projectirten Aufsätzen über die Leute von Seldwyla einfügen lassen.

15. März.

Da Sie die Westermann’schen Hefte zu Gesichte bekommen, so werden Sie vielleicht die im Märzhefte erschienene Erzählung Theodor Storms: Viola tricolor gelesen haben; mir hat sie der Dichter, wahrscheinlich im Aushängebogen, schon im Februar gesendet. Ein ergreifendes Fragment seelischen Lebens, kunstvoll isolirt, nicht künstlich hergerichtet - eigentlich müßte man sagen präparirt. Auf alle Fälle haben wir nicht nöthig, nach Amerika hinüber zu blicken und einen Bret Harte anzustaunen, der Seelenzustände mit ethnographischen Streifen verwebt in Fetzen darbietet, indessen ein Poet, wie Storm, sie uns in schönen Flocken gibt. Ich möchte im Uebrigen nicht voreilig über Bret Harte geurtheilt haben, denn ich las nur Eine Erzählung von ihm, Carrie betitelt, im Dezemberheft der Revue des deux mondes. Gustav Freytag allerdings, der diesen Autor, wie ich hörte, überaus angepriesen haben soll (im deutschen Reich) könnte mir von vornherein den Gepriesenen verleiden. Was weiß der Ingraban- und Soll und Haben-Schriftsteller vom Mysterium der Poesie! Ueber Freytag ist gleichfalls noch nicht die Wahrheit gesagt worden. Ich fürchte, sie wird zu spät gesagt werden, nämlich erst dann, wenn Freytag schon wieder vergessen oder in die bibliographische Unsterblichkeit eingegangen ist.

Ich war zum Voraus überzeugt, daß Sie Rümelin über die Achsel ansehen müssen. Als die erste Auflage seiner realistischen Shakespeare- Studien erschien, da hatte ich vor, dieselben in einer Artikel-Reihe zu zerpflücken; doch ließ ich die Arbeit liegen, weil sie zu viel Vorstudien in Anspruch genommen hätte. Rümelin ist mir ungleich widerwärtiger als ein Subject, wie Benedix, der bloß ein Cretin ist, der Musterknopf der Handwerkerdummheit und des Handwerkerneids. Rümelins Geistreichigkeit aber macht mir seine rationalistische Auffassung des brittischen Dichters erst recht verhaßt. Goltz’ Vater sagte einmal zu dem Sohne: Wenn du Dreck bist, stink! Rümelins Buch überduftet den Gestank, den es ausströmt.

Neulich las ich das Buch des Prof. Brandstäter: Die Gallicismen in der deutschen Schriftsprache, einen patriotisch philologischen Wegweiser, der manches Lehrreiche zum Besten gibt, aber vom Genius unserer Sprache nichts versteht. Er ist viel correcter als unser Einer, aber ich zähle nicht zu den Eseln, deren Farbe der Herr Prof. trägt und deren sentimentale Ohrenbewegungen er sich angeeignet hat. Schillern mutzt er auf, daß er sich ausgedrückt: Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen! Ein Gallicismus. Wenn Schiller ein lederner Professor in Danzig gewesen wäre, dann hätte er sicherlich geschrieben: Es pflegt die Welt u. s. w. Ferner schulmeistert B.: „Rechte der Völker (droit des gens)statt Völkerrecht. Schiller, Dreißigj. Krieg. V, 432: Er bemächtigte sich gegen alle Rechte der Völker der Person des Kurfürsten(!) (Dagegen 489: Er ließ ihn gegen alles Völkerrecht erhalten.)“ - Als ob das Eine das Nämliche wäre wie das Andere! Bei „Sein von denen“ anstatt Theilnehmen, führt er den Gallicismus Goethes im Werther an: Das sind nun wieder von deinen Grillen, sagte Albert. - Goethe hätte nach B. schreiben müssen: Das gehört nun wieder zu deinen Grillen. - Den meisten Raum des Buches nehmen Beispiele aus den Schriften Rodenbergs, Hesekiels, Mundt’s, Spielhagens, Max Rings u. dgl. ein. Das sind für Herrn Prof. B. Autoren! Daß Gott erbarme. „Ob aber diese billige Rücksicht auch angesehenen Schriftstellern, wie Th. Mundt, Hesekiel, Spielhagen, Brachvogel, F. Lewald, Hackländer, ja Duller, Hebbel u. A. in ihren wohlüberlegten und zum Drucke bestimmten Schriften zu Gute kommen darf, das ist eine andere Frage..“ „Ja Duller, Hebbel“ ist doch kostbar. Und Hackländer, Brachvogel, diese Schmierer, die vor das Tribunal des Kellners in Ihren Mißbrauchten Liebesbriefen gehören, schreiben „wohlüberlegt“!! Die Gartenlaube, sage die Gartenlaube, wird häufig als Anwalt der Sprachreinheit achtungsvoll citirt. Unter das freche Wort eines Herrn v. Sallwürk Stilistische Studien (nicht stylistisch) Ztg. f. Gymn.: „Wir thun Unrecht Goethes Prosa unter den Mustern unseres Styls zu nennen. Von Schiller kann in dieser Beziehung ebenfalls nicht die Rede sein...“ drückt der Danziger Esel sein Siegel. Einen bornirten Menschen, wie Götzinger, der sich an Goethes „wohlig“ im Fischer gestoßen hat, um nur Ein Beispiel zu nennen, ruft er als ehrenwerthen Belastungszeugen gegen Goethe heran! Solche Leute machen den wünschenswerthen Proceß gegen die Verwälschung und Verhunzung unserer Sprache anhängig. Die verschiedensten deutschen Blätter rühmen das Buch Brandstäters und veröffentlichen in diesem Augenblicke Riesenartikel über Victor Hugos neuesten Roman. Es ist etwas Wahres an dem Ausrufe Grillparzers: Daß die Deutschen einen Zug des Treulosen haben. Ich möchte sagen: des Niederträchtigen.

Mir geht es ziemlich gut und ich freue mich auf den Frühling, der in Meran, wie die Ortskundigen versichern, Blüthenwolken über das Thal breitet. Vorläufig ringen die linden Lüfte noch mit den Stürmen aus Nordost.

Ich lege dieser Epistel den Separatabdruck eines Aufsatzes über David Strauss bei; der Aufsatz bildete den letzten Abschnitt der unseligen Anti-Nietsche-Arbeit.

Treulich Ihr
Emil Kuh.

Wenn Sie nicht mühevoll kramen müssen, dann leihen Sie mir freundlichst meinen Artikel über Ihre Legenden.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
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