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Kuh an Keller - 30.12.1874

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Emil Kuh an Gottfried Keller - 30.12.1874


Meran, 30. December 74.

Hier ist die kleine Characteristik der Leute von Seldwyla. Wenn Ihnen nur der Gesammtton und ein paar Stellen Vergnügen gewähren, dann bin ich in Rücksicht auf diese Arbeit vollauf zufrieden. In den letzten Monaten habe ich mit einer freisinnigen Frau, der Princessin Marie Hohenlohe in Wien, (der Tochter der Liszt-Enthusiastin Fürstin Wittgenstein) einige Briefe über Ihre Dichtungen gewechselt, namentlich über Ihre Sieben Legenden, welche dort auf Widerstand gestoßen sind. Sie vertheidigte sich gegen meine Einwürfe anmuthig und zwar so, dß Sie selber daran Ihre Freude haben könnten.

Merkwürdiger Weise ist mir schon öfters bei Lesung Ihrer epischen Werke der Gedanke gekommen, dß auch die dramatische Production Ihnen im Handgelenke liegen müsse. Sonst denke ich Solches nicht, wenn mir das volle epische Talent entgegen tritt. Wahrscheinlich hat die in meinem letzten Briefe erwähnte Aehnlichkeit, die mir zwischen Ihnen u. Shakspeare auffiel, auf jenen Gedanken unbewußt Einfluß geübt. Das mir mitgetheilte, von Herrn Josef Weilen schmählich verpfuschte Sujet hängt mit Fäden der Volksüberlieferung bei Romanen wie Germanen zusammen, was Sie wahrnehmen werden, wenn Sie Uhlands Abhandlungen über die Todten von Lustnau lesen, wo allerdings das Gemüthvolle gegen das Grauenhafte überwiegt. Ihre Auffassung der Agnes-Bernauer-Fabel scheint mir die für das Drama allein angemessene. Melchior Meyer hat in die Behandlung dieses Stoffes seine eigene Armseligkeit hinein getragen; Hebbel hat sich künstlich für das allgemeine Staatspathos erhitzt und in der Agnes Bernauer, wie er glaubte, eine andere Antigone hingestellt. Nun erfuhr ich aber durch den ausgezeichneten Philologen Lehrs, aus dessen populairen Aufsätzen über griechische Poesie und Mythologie, dß es ganz und gar unhellenisch gedacht sei, wenn man sich einbilde, dß Sophokles in der Antigone das Recht des Staates habe verherrlichen wollen; er habe vielmehr dem Menschlichen darin die Ehre gegeben. Otto Ludwig endlich ist so lange klügelnd und nach Handhaben suchend um den Stoff herumgegangen, bis er selbst nicht mehr recht wußte, wo der tragische Hebel anzusetzen sei. Sie hätten das Richtige gethan: das Schwergewicht auf den Herzog Albrecht zu werfen.

Neulich erzählte mir der Director des Gymnasiums in Meran, ein sittenkundiger Benedictiner aus dem Vinschgau, einen Vorfall, der sich vor Jahren hier in der Nähe ereignet hat und der Sie vielleicht zu einer Erzählung anregt, kurz vor dem epischen Thorschluß, den Sie mir angekündigt haben. Ein zwanzigjähriger armer Bursche heirathet ein hübsches junges Mädchen von irgend einem Bauernhofe her. Nachdem das Paar getraut ist, reicht der Bursche der Dirn treuherzig die Hand und sagt: Nun behüt dich Gott! und geht nach Meran zurück an seine Handwerkerarbeit. So unschuldig ist er, dß er mit dem kirchlichen Act Alles abgethan wähnt. Er bleibt wohnen, wo er gewohnt hat, während das betroffene Mädchen weinend zu den Ihrigen heimgekehrt ist. Diese legen sich endlich in's Mittel, und dergleichen die Freunde und Bekannten des Burschen; die Capuziner, welche allen Meranern die Beichte abnehmen und in alle Familienheimlichkeiten und Klätschereien des Städtchens eingeweiht sind, müssen das Menschenkind, an dem die Erbsünde glücklich vorbeigegangen ist, bearbeiten, auf daß es anfange, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen. Und so wird nun das matrimonium schließlich consumirt. Köstliche Situationen und so liebenswürdig schlüpfrig, daß man sofort davon naschen möchte.

Was sind das für lyrische, jetzt in Schwang gehende Umtriebe, worüber Sie zu schreiben versprachen? Was Sie gepeitscht wünschen, das verdient sicherlich Hiebe. – Haben Sie die ersten Artikel der Mad. Betty Paoli in der Allgem. Ztg. über Grillparzer durchflogen? Dieses Frauenzimmer scheint die Genialitätin dem air der Kühnheit zu suchen, womit sie: Ich wünsche wohl gespeist zu haben! sagt. Sechsmal Gedroschenes schüttet sie zum siebenten Mal auf die Tenne. Ich will der Allgem. Ztg. nächstens einen Aufsatz senden über Anklagen und Einbildungen der Oesterreicher.

Jüngst kam mir eine „Characteristik“ Ludwig Uhlands von dem Herrn August Silberstein, gleichfalls einem Oesterreicher, zu Gesichte, welche an unfreiwilliger Komik einzig zu nennen ist. Es wird Sie erlustigen, wenn ich Ihnen etliche Sätze daraus mittheile. – „Am 13. Nov. 1862 verschied in Tübingen ein daselbst am 26. April 1787 geborener, also 75jähriger Mann, aus dem Reiche der Lebenden.“ – „Die spätere ungestüme Liederzeit der dreißiger und noch mehr der vierziger Jahre hat ihn eher zu den Todten als den „Lebendigen“ gezählt, aber was über sogenannte oder wirkliche „Tyrannen“ gesungen wurde, des Längeren, ist kleinlich aufbäumend und bleibt verschwindend gegen die erhabenen und stetigen, schlagwerthhaften zwei Zeilen: Und was er sinnt ist Schrecken ... u. s. w.“ – „Keine Strophe eines Andern erreicht die durch ihre stählerne und stahlblanke Festigkeit schwerthaft zu nennende seine, gegen Ungerechtigkeit, Härte, Willkür, Tyrannen auf prunkenden Höhen.“ – „Man fragt sich unwillkürlich ... worin die Wirkung bestehe? Und da man sich stets die Antwort geben muß, sie liege in der unmenschlich tiefen und wahren Poesie, muß man einem Poeten die vollste Huldigung gewähren, der in sich den Ausdruck des im Menschenherzen unausgesprochen Gelegenen verkörpert.“ – „.. er ist auf dem Schloß am Meere und in der Gefängnißzelle, er schreitet neben der Mäherin in der Wiese, er sitzt und schäkert bei Tische, er lehrt die Muttersprache verwenden, er ist beim Hause, wenn es errichtet wird, bei Schmäusen, Hochzeiten und Geburten, bei Noth und Tod und Gedenken Seliger.“ – Dieses Subject, von welchem Gedichte, in mehreren Auflagen, Novellen, Romane herrühren, haben schon verschiedene unserer Litteraturzeitungen als ein vollwüchsiges Talent gepriesen. – Wer weiß, ob er nicht gar hinter dem Rücken des deutschen Volkes dessen „Liebling“ geworden ist, neben dem bekannten Mützelburg.

Ich fange kein neues Blatt mehr an. Freundliche Grüße von mir und meiner Frau.
Ihr
Emil Kuh.

Ein arbeitsfrohes Jahr 75.

Schreiben Sie nicht erst dann wieder, wenn Sie über meinen Storm-Artikel und über meine Lyrika zu sprechen Lust haben. Zu dem erstgenannten kommen Sie schon einmal; die zweitgenannten habe ich selber längst still beigesetzt.

  
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