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Kuh an Keller - 27.05.1875

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Emil Kuh an Gottfried Keller - 27.05.1875


Meran, 27. Mai 1875.

Diesmal haben Sie länger als sonst geschwiegen, so daß ich eine Zeit lang glaubte, der in Ungeschicklichkeiten erfindungsreiche Postbote hätte einen von Ihnen herrührenden Brief verloren. Dann hoffte ich wieder, daß Sie mit der Zusammenstellung Ihres Novellenbandes beschäftigt seien. Auf alle Fälle erfreute mich Ihr Brief und der unverkümmerte Humor, der heraus spricht.

Mir ist es inzwischen elend ergangen; so schlimm, wie im letzten Winter und Vorfrühling bin ich noch nie daran gewesen. Schon als ich die Studie über Storm schrieb, im October, fühlte ich mich physisch armselig, bald darauf litt ich unter Abgeschlagenheit und Eßunlust, endlich stellten sich auch Fieberfröste ein. Mein Arzt, der stets sein Augenmerk auf meine nun völlig gesunde Brust gerichtet hatte, bemerkte nicht, daß ein Magenkatarrh im Anzuge sei. Die Reproduktion Ihrer Leute von Seldwyla fiel in eine Zwischenpause meiner krankhaften Zustände. Vom Januar an steigerte sich mein Leiden derart, daß ich Monate hindurch nicht einmal recht lesen konnte. Aus dem Bette auf das Sopha, vom Sopha in's Bett, bei beständiger Bitterkeit im Munde und einem ausgesprochenen Abscheu vor Nahrung, so schlichen Wochen um Wochen dahin. Ich sehnte mich, buchstäblich genommen, aus dem Leben hinaus. Die Hebbel-Biographie blieb liegen, was nicht minder zu meinem schweren Mißmuthe beitrug. Gegen Mitte April fing ich an aufzuathmen. Da traf mich in den ersten Maitagen ein harter Schlag. Einer meiner Brüder, den ich mit am liebsten unter meinen Geschwistern hatte, starb eines plötzlichen Todes; er verunglückte auf der Vogeljagd in dem weitläufigen Garten seiner anmuthigen Besitzung zu Mira an der Brenta bei Venedig. Im März hatte er uns auf einige Tage hier besucht. So krank ich damals war, er erquickte mich dennoch durch seine edle Heiterkeit, seinen leichtbeflügelten Sinn, seine unbefangene Auffassung der Welt. Ihre Sieben Legenden hatte er nach Venedig mitgenommen und mir das Büchlein acht Tage vor seinem Tode zurückgesendet. Das war sein Abschiedsgruß. – Ich half mir über diesen „Wonnemonat“ hinweg, indem ich die Lebensgeschichte Hebbels weiter führte. Nun sind anderthalb Bände fertig, also drei Viertheile des Buchs, bei dessen Abfassung ich öfter an Sie denken muß als an irgend Jemanden sonst.

Von starken Lobpassagen in meiner Besprechung Ihrer Seldwyler weiß ich nichts; die Vergleichungssüßigkeiten lasse ich gelten. Ihre letzte Novelle werde ich demnächst wieder lesen; wahrscheinlich wird sich alsdann der erste Eindruck so corrigiren, wie dies bei Dietegen der Fall gewesen, den ich jetzt in die vorderste Reihe Ihrer Productionen stelle. Daß Sie mit meiner entschiedenen Zurückweisung des Herrn Schröer einverstanden sind, gereicht mir zu besonderer Befriedigung. Prof. Adolf Pichler in Innsbruck meinte, ich hätte das miserable Buch nicht berühren sollen. Wo das absolut Schädliche in der Litteratur hervortritt, da ist auch nach meiner Ueberzeugung die Abwehr geboten. Der Aufsatz scheint sehr gewirkt zu haben. Wenige Tage nach der Veröffentlichung desselben empfing ich einen impertinenten Brief von dem Lyrikus Herrn Martin Greif in München. Ich hatte diesen Mann, einfach, weil ich ihn unter den von Schröernicht aufgezählten, aber denn doch erwähnenswerthen Poeten vergaß, ohne es zu ahnen, gerade dadurch auf das Furchtbarste verletzt. Sein Brief hauchte mich mit einem wahren Drachengrimm an. Und warum war just ich verpflichtet, Herrn Greif zu nennen? Deshalb, weil ich ihm, als wir einander vor zwei Jahren auf Capri begegneten, anerkennende Worte über ein paar seiner Gedichte gesagt hatte; ferner aus dem Grunde, weil ich ihn, wie er hoch und teuer versicherte „gegen einen angesehenen“ Journalisten in Wien als denjenigen Dichter bezeichnet habe, „welcher neben Eduard Mörike und Gottfried Keller den rechten Platz in der Litteratur der Gegenwart einnehme.“ Dieser Sperling! Das Subject ist offenbar wahnsinnig! sagte ich zu meiner Frau, und als jüngst Daniel Spitzer, der Verfasser der „Wiener Spaziergänge“, bei mir vorsprach, da erzählte er mir, Herr Martin Greif hätte vor vielen Jahren mehrere Monate in einer Irrenanstalt zugebracht.

Storm hat mir am Neujahrstage einen sehr warmen Brief geschrieben, der meine Verstimmung gegen ihn löste. Im Uebrigen halte ich das aufrecht, was ich einmal gegen Sie über seine Prätentionen äußerte. Er will, was auch seine letzten Briefe an mich bezeugen, nicht nur der „stille Goldschmied“, der „silberne Filigranarbeiter“ sein, wie Sie ihn nennen, er will auch zu jenen Dichtern gezählt werden, welche erschütternde Accorde anschlagen und über die Töne der Leidenschaft verfügen. Daß ich das Letztere ihm bestreite, war eben der Differenzpunct. Denn über meine Darstellung seiner Erzählungen bekannte er, ich sei ihm in die Seele hinein gestiegen.

Ich jauchzte, indem ich Ihre zehn Ausrufungszeilen über die Rahel las, womit Sie dieses außerordentliche Wesen characterisirt haben. Die eben erschienenen vier Bände Briefwechsel kenne ich nicht; ich kenne nur das Buch des Andenkens, die drei Bände Briefe, welche Varnhagen vor dreißig oder vierzig Jahren herausgegeben, und ihre Correspondenz mit der Wiesel. Ihr Anerbieten nehme ich an. Wenn Sie mir die vier Bände auf einige Monate leihen wollen, dann werde ich sie im Hochsommer genießen. Ich schrieb einst einen größeren Aufsatz über die Rahel und möchte gar zu gerne einmal ein Bild derselben entwerfen. Besteht das Zusammentreffen mit Goethe, wovon Sie sprechen, nicht darin, daß er zu früher Stunde, wo sie noch nicht Toilette gemacht hat, in Frankfurt, sie besucht, daß sie rasch eine Mantille umwirft und in wenig anmuthendem Negligé ihn empfängt, nur um Goethen nicht warten zu lassen, daß sie aber, nachdem er wieder fort gegangen, sich nachträglich schmückt, um gleichsam vor sich selbst den unholden Eindruck zu verwischen, den sie, wie sie empfindet, auf den großen Menschen geübt haben muß? Der merkwürdige Brief, der dieses Zusammentreffen schildert, ist in dem Buch des Andenkens enthalten und hat sich mir unauslöschbar eingeprägt. – Auf das Hartmann'sche Buch verzichte ich dankend.

Zu Ihrem Ergötzen packe ich einzelne Allotria zusammen. Der „Dichter“ Josef Weilen, welcher zufolge der Cotta'schen Buchhändleranzeige, Grillparzer nachstrebt, erzieht seinen Jungen mit Vorbedacht zum Poeten. Schon als der Range erst 6 Jahre alt war, ward er von dem züchtenden Vater in den rechten Begriffen der Metrik unterwiesen. Der hochbegabte Knabe redete einmal zum Geburtstage des damals etwa 36jährigen Weilen diesen mit dem Eingangsverse an: „Ich grüße dich, du greiser Vater!“ Weilen kam zu Grillparzer und zeigte dem Meister das Gedicht. Der boshafte Grillparzer erzählte am Abend einem Bekannten davon, indem er hinzusetzte: „Der rasend dumme Bub siecht nicht einmal was, er siecht nit, daß der Vatter braune Haar hat.“ – In einer der Mainummern der Wiener Abendpost zeigte Hieronymus Lorm das Buch OscarBlumenthals „Allerhand Ungezogenheiten“ emphatisch an. Die Einleitung des Artikels setzte mit ekelhafter Rabulistik auseinander, daß er den „Muth der Freundschaft“ aufbringen müsse, um einen Schriftsteller loben zu dürfen, zu dem er in inniger Beziehung stehe; ja dieser Muth sei eigentlich heilige Pflicht. Er ist ausnehmend groß dieser Muth, denn Lorm erklärt rundweg, OscarBlumenthal schließe sich zweifellos an Lichtenberg und Börne. (Wie kommen, nebenbei bemerkt, diese zwei zusammen?) Hierauf gibt Lorm Proben, welche die tiefe Bedeutung der „Allerhand Ungezogenheiten“ darthun sollen. Lauter platte Witzelei; von dem jüdisch albernen Motto angefangen: „Meinen lieben Feinden gewidmet.“ Eine der Gnomen habe ich behalten: „Man sagt immer: klug, wie der Tag; man sollte aber sagen: klug, wie die Nacht, weil die Nacht keines Menschen Freund ist.“ Ausgezeichnet! – Ein Herr Johannes Nordmann wieder, ein windiger Geselle, Redactionsmitglied der N. Fr. Presse, edirte ein „Epos“, sammt einem Vorworte, in welchem, wie ich aus einer Anzeige des Opus entnahm, folgende Stelle vorkommt: „Wie Dante und Goethe vorhandene Dichtformen benutzt hatten, um ihren innersten Gedanken Ausdruck zu geben, so glaube auch ich das Resultat meines geistigen Lebens in der epischen Form niederlegen zu dürfen, si magna licet componere parvis.“

Und nach den Jahrmarktslarven ein Gesicht. Faust Pachler, ein sinniger, feiner, aber ängstlicher, unter den oesterreichischen Beamtenverhältnissen verschüchterter Mensch, schrieb mir, einige Tage nachdem er meinen Aufsatz über Ihre Erzählungen gelesen, Nachstehendes, das Sie interessiren dürfte:

„Einverstanden bin ich mit dem, daß Sie sagen, man sei wegen Romeo und Julia ungerecht gegen Kellers andere Novellen, und ich stelle gleich Ihnen Frau Regel und die Liebesbriefe, sowie die Kammmacher hoch. Es ist übrigens eine solche Eigenart in Keller, daß er sich absolut mit keinem andern Autor vergleichen und daher auch im Grunde nicht abschätzen läßt; Autor im Sinne von Dichter zu nehmen, denn dies ist er. Er gemahnt mich an die Schweizer Holzschnitzereien in seinen sorgfältig überdachten und langsam ausgearbeiteten Werken. Es ist etwas von der Freiheit des Gefangenen darin, wenn ich paradox sein darf; ein so rechtschaffen idealer Mensch, so weltvergessen und weltunbedürftig, wie einer, der seine Zelle liebgewonnen hat und nicht mehr hinaus will. Er sieht nicht mehr Himmel, als sich ihm von seinem hochgelegenen Fenster aus bietet; aber auf diesem kleinen Stückchen sieht er mehr, als alle andern, und wie die Phantasie des Kindes aus dem Schachbrett sich eine Schaubühne, aus den Schachfiguren die Schauspieler einer Tragödie oder dgl. machen kann – (ich that's) – so zaubert er sich und damit Andern ein Fleckchen Himmel zum Weltall und glaubt an die Wirklichkeit seiner Träume, ja macht auch Andere daran glauben. Wenigstens ich finde seine Gestalten das, was man sonst in alter Zeit Geistererscheinungen nannte: die Lichtgestalt des Körpers, die für den und den in dieser und jener Stunde sichtbar, aber nicht greifbar herum wandelt. Er zeigt nur, was er sieht, nicht, was wirklich ist; und dadurch macht er selbst das Triviale poetisch und das individuell Persönliche zum allgemein Giltigen. Er gibt mehr als alle heutigen Novellisten den Schein für die Sache, und bei ihm verzehrt (nach Schiller) die Form den Stoff völlig. Er kann daher und soll auch nicht nachgeahmt werden. Nur ein Mensch, wie er, kann ein Dichter sein, wie er, frei von jeder Schablone und enggeschnürt in die spanischen Stiefel der von ihm beliebten, ihm passenden und von ihm bewußtvoll ausgebildeten Manier. Daran an Manier, grenzt es; aber ihm verzeiht man sie. Ihn unter die Dorfgeschichtenschreiber, die häßlichsten Realisten, die es gibt, zu werfen, ist geradezu ein aesthetisches Verbrechen. Ebenso gut könnte man Perlen und Diamanten mit Kieselsteinen in dasselbe Collier fassen. Doch was sage ich das Ihnen?..“

Sie haben mir noch nie über Fritz Reuter gesprochen. Ich, der ich freilich das Hauptwerk Reuters „Ut mine Stromtid“ nicht kenne, theile nicht die allgemeine Bewunderung dieses Poeten.

Am 15. Juni gedenke ich nach Recuaro zu gehen, drei Stunden von Vicenza entfernt, um dort Brunnen zu trinken. Der Ort liegt an 2300 Fuß über dem Meere, an der venezianisch tirolischen Grenze. Alsdann möchte ich in Tirol ein paar Wochen mich aufhalten, im nördlichen; ich habe Kitzbühel im Auge, wenige Stunden von der Station Wörgl gelegen. Man hat dort Nadelwald und das vorzüglichste Unterkommen, die beste Küche. Was werden Sie unternehmen? Wohin muß ich im Juni und Juli meine Briefe an Sie richten?

Gute Wünsche in Ihre neue Wohnung! Daß bei Gelegenheit Ihres Umzugs meine „Drei Erzählungen“ durch Ihre Hände glitten, berührte mich eigen; überraschend aber die Thatsache, daß sie überhaupt zu Ihrer Kenntniß gelangt sind. Ueber die Magyaren denke ich, wie Sie. Dieses malerische Culturvolk, das viel früher finanziell und daher auch politisch zugrunde gegangen sein wird, bevor es auch nur zum kleinsten Theile seine Barbarei abgestreift haben kann, ist mir, seitdem ich reif geworden, in innerster Seele zuwider. Ich empfinde beinahe Uebelkeit, wenn ich von „Oesterreich-Ungarn“ höre. Ebenso gut würde „Preußisch-Posen'sche Monarchie“klingen.

Den freundlichsten Gruß
Ihr
Emil Kuh.

  
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