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Kuh an Keller - 18.08.1875

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Emil Kuh an Gottfried Keller - 18.08.1875


Bad Ratzes am Schlern, Tirol, 18. Aug. 75.

Seit 1. August lebe ich hier mitten im Lärchenwalde, nachdem ich bei Frau und Kindern in Sais, eine Wegstunde von Ratzes entfernt, mehrere Tage zugebracht habe. Ich bin im Uebrigen auch jetzt mit meiner Familie viel zusammen, weil sie mich beinahe täglich besucht. In der vorigen Woche kam mein jüngster Bruder an, den ich acht Jahre nicht gesehen und den ich sozusagen recht kennen lernen mußte, da wir von einander auch früher stets getrennt gewesen, räumlich wie geistig.

Seine ganze Jugend bestand aus lauter Thorheiten, Fehltritten, ja Nichtswürdigkeiten. Er stellte eine Abenteurer-Existenz ersten Ranges vor. Endlich raffte er sich auf, die Besinnung kehrte wieder und mit ihr trat eine kalte, überlegene Auffassung der Menschen und Verhältnisse hervor, wie sie bei Menschen seines Alters (er zählt 29 Jahre) selten angetroffen wird. Durch eines meiner Geschwister wurde er mit Ihrem Grünen Heinrich bekannt, den er einige Male gelesen und über den er manche ausgezeichnete Bemerkung gemacht hat. Interessant war mir seine Mittheilung: er habe als Knabe von 6 Jahren einst vor dem Einschlafen träge übermüthig vor sich die Worte hingesprochen: Dieu est un âne, Dieu est un animal! gleich darauf habe er bitterlich zu weinen angefangen und nach einer meiner Schwestern gerufen, er fürchte sich im Zimmer, er wolle nicht allein bleiben! Als er auf jene Scene im Grünen Heinrich stieß, wo dieser in ähnlichen Ausdrücken über Gott sich ergeht, da sei es ihm kalt über den Rücken gelaufen.

Es ist characteristisch, daß die verschiedenartigsten Individuen von dem Naturgeiste Ihrer Dichtungen gleich stark ergriffen werden, daß der Eindruck derselben auf sie in der Hauptsache dem wesentlichen Gehalt dieser Dichtungen entspricht, während in die sogenannte aesthetische Beurtheilung Ihrer Poesie sich eine so große Menge schiefer Gesichtspunkte, falscher Auslegungen, dummer Schlußfolgerungen mischt. Ein Beispiel der Art war die briefliche Auslassung Faust Pachlers, worauf ich diesem ungefähr das Nämliche geantwortet habe, was Ihre Glosse darüber enthielt. Sie nennen Manier, schrieb ich unter Anderem, was ich Styl nenne, Sie bezeichnen, indem Sie sagen, daß Keller nur darstelle, was er selber wahrnehme, als eine Eigenheit oder Eigenthümlichkeit des Einzelnen, was das Merkmal der dichterischen Darstellung überhaupt ist, die ohne das Medium der bestimmten Persönlichkeit natürlicherweise nicht zu denken ist; es fragt sich dabei nur, ob dieses Medium möglichst rein vermittle, ob die Ränder der Linse nicht in Regenbogenfarben spielen. Am entschiedensten wies ich das kleine Stückchen Himmel zurück, das Sie angeblich durch ein kleines Fensterchen sehen. Die Vorstellung von demEinfluß großer Städte auf den Künstler, der blöde Aberglaube, daß die äußere Umgebung, „der Pulsschlag“ der „Capitale“ u. dgl. für den Poeten im höchsten Grade wichtig und bedeutsam ist, gehört längst zu den Themen, über welche ich mir vorgenommen, etwas zu schreiben. Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich mit Ihering über diesen Gegenstand hatte und wobei ich mit dem geistvollen Juristen und vollen Menschen durchaus in Uebereinstimmung war. Hinter jenemAberglauben verbirgt sich bei den Meisten, die ihn theilen, die verdächtige Einbildung, daß das starke dichterische Vermögen mehr wie eine Speise gekocht und zubereitet als wie eine Baumfrucht aus den geheimen Säften der Erde und unter dem Segen der Sonne und des Regens hervorgelockt und gezeitigt werde. Den Geburtsort, die Glücksgaben, Erziehung und Dressur möchten sie gerne für die Eins ausgeben und das angeborene Talent für die Zwei, weil dann der Abstand zwischen ihnen und dem hervorragenden Künstler sich minder groß ausnimmt, weil sie sich dann leichtlich mit dem Wenn und Aber behelfen können, diesen elendiglichen Krücken menschlicher Rathlosigkeit und Ohnmacht.

Daß ich vollkommen Ihrer Ansicht beistimme in Betreff der Wichtigkeit, welche Otto Ludwig auf die „Uhrmacherei des psychologischen Räderwerkes“ legt, brauche ich Ihnen nicht mehr ausdrücklich zu versichern. Unbegreiflich ist mir aber Ludwigs Wort: daß Sie, wie die großen italienischen Coloristen, nicht zeichnen könnten, auch wenn ich jene Wichtigkeit als die Motivirung dieses Worts mir vergegenwärtige. Gerade den präcisen Zeichner muß Jedermann, der Augen hat, in Ihren Dichtungen bewundern. Otto Ludwig selbst ist gar kein vortrefflicher Zeichner, ungeachtet seines hin und wieder hervorbrechenden plastischen Talents. Das plastische Talent bei Ludwig entstammt nach meiner Empfindung, meiner Ueberzeugung einer zuweilen poetisch verdichteten Stimmung, es ist, wenn ich so sagen darf, die Plastik des Zustandes, nicht die Plastik der Gestalt, die er gibt. Wenn ich Ihre Eugenia lese oder Ihren Dietegen, so verlieren sich niemals die Contouren in den Luft- Licht- und Dunstwellen des einen und andern Gemüthszustandes der Personen, gleichsam in der eben herrschenden Tageszeit der Seele, in dem Farbenton derselben, mit Einem Worte in der Stimmung; und dennoch sind die Contouren von der jeweiligen Situation, wie Stimmung der Personen modifizirt, bald blasser, bald heller, bald im Profil, bald en face zu sehen. Ludwigs Personen jedoch, wo sie nicht die Formel ihres Seins aussprechen, sondern sich einmal unbefangen ausleben, werden derart dem Stimmungsgeiste der Scene, die sich eben ereignet, botmäßig, daß eine Scheidung nicht mehr angeht, weshalb ich von seinen Characteren ungefähr den selben Eindruck zu empfangen wähne, wie von einem eigenthümlich beleuchteten Baum oder wie von Felsengesichtern in einer Landschaft. Es ist schwierig, sich hiebei verständlich zu machen und ich weiß nicht, ob mir dies annähernd gelungen ist.

Da Sie sogar ein größeres, umfassendes Werk über Hebbel nicht alsüberflüssig erachten, so darf ich hoffen, daß meine Lebensarbeit kein Schlag in's Wasser sein wird. Wenn nur der nächste Winter mir soviel Gesundheit läßt, damit ich die zweite Hälfte des zweiten Bandes vollenden kann. – An dem Tage, als ich in Recoaro Ihren jüngsten Brief erhielt, der auch der liebenswürdigen, neidlosen Natur Paul Heyses gedenkt, bekam ich ein paar herzliche Zeilen von Heyse, in Folge meines Gedenkblatts an Mörike, das ich ihm unter Kreuzband geschickt hatte. Haben Sie die sachlich anregende Schrift Notters über den edlen Hingeschiedenen schon zu Gesichte bekommen? Die angefügte Grabrede Vischers fand ich phrasenhaft und in eine unleidliche dichterisch-wissenschaftliche Sprache gekleidet. – Die Zeitschrift: Im neuen Reich, die mich wiederholt um Beiträge ersuchte, veröffentlicht in diesem Augenblick einen litterarischen Abschnitt aus meiner Biographie Hebbels, betitelt: Die Litteraten des jungen Deutschlands. Ich werde Ihnen den, leider von bösen Druckfehlern wimmelnden Aufsatz zusenden, wenn er vollständig gedruckt ist. – Rahels Briefe erwecken in mir neben erhebenden Gefühlen vielfach Wiederstreben und Mißmuth. Ein Rahel-Entusiast bin ich schon lange nicht mehr und das seelische Graswachsen-Hören wird mir nachgerade peinlich. Mir fiel da und dort beim Lesen die cynische Bemerkung ein: Eine Lücke bleibt immer unausgefüllt. Auf alle Fälle sind die geschlechtlichen Entbehrungen der tiefsinnigen und wahrhaftigen Frau nicht zu übersehen. Den Aufsatz, den ich vor acht Jahren über die Rahel geschrieben, werde ich Ihnen gelegentlich aus Meran schicken.

Am 22. reise ich nach Gmunden, Ende der ersten Septemberwoche nach Baden-Baden.

Mit herzlichem Gruße, Ihr
Emil Kuh.

  
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