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Keller an Melos - 19.07.1877

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Maria Melos - 19.07.1877


Zürich 19 Juli 1877.

Hochverehrte, theuerste Fräulein u Freundin.

Ihre Güte u Freundlichkeit, die Sie mir neuerdings mit Ihrem reichbedachten Briefe vom 30 April angethan, hat einen schlechten Dank gefunden. Daß mein Schweigen aber nicht eigentlicher Undank, sondern mehr Mißgeschick u Unbilde der Zeit ist, glauben Sie mir wohl auf mein inständiges Gebitt und Ansuchen!

Freiligraths Werke habe ich bald nach Ihrem letzten Briefe durch die Verlagshandlung im Auftrage der erlauchten Wittwe erhalten und ich bitte Sie, Ihrer verehrten Frau Schwester meinen tiefgefühlten herzlichsten Dank ausrichten zu wollen. Ich bin stolz darauf, dieß letzte Geschenk und Andenken an den Verewigten noch neben den mancherlei frühern Zeichen seiner Freundlichkeit zu besitzen.

Und wie soll ich Ihnen selbst für das liebe Bildchen danken, das Sie mir geschenkt? Es hat mich ganz unvermittelt überrascht, wie wenn man Jemand nach dreißig Jahren unerwartet wieder sieht. Aus dem dunkeläugigen rosigen Jungfräulein ist freilich ein gestrenges Tantchen geworden; allein ich glaube doch nicht, daß es allzu böse gemeint sei mit dem Ernst der Züge.

In diesem Augenblicke bringt man mir einen Brief, welcher Ihre zierliche Geburtstagskarte enthält. Sie müssen nämlich wissen, daß in unserm Hause, wie in den meisten zürch. Familien, der Geburtstag nicht gefeiert wird. Ich speziell denke nie an denselben am betreffenden Tage selbst und so habe ich diesen gegenwärtigen Brief unbewußt an unserm gemeinschaftlichen Geburtsfeste angefangen, welcher Zufall mich einigermaßen darüber tröstet, daß ich Ihnen nicht auch ein Zeichen der Theilnahme gesandt habe. Das nächste Mal will ich es besser machen. Für jetzt danke ich Ihnen gar schön für die Rosenknospen. Das Jahr Vorsprung müssen Sie mir aber lassen. Ich bin unabänderlich anno 1819 geboren. Ich muß mich nächstens einmal dem Glas des Photographen aussetzen u will Ihnen dann den sichtbaren Beweis meiner höheren Alterswürde zukommen lassen.

Wenn Sie sich an den Zürch. Novellen ein bischen amüsirt haben, so freut mich das sehr. Ich werde Ihnen dann das Buch schicken, das etwa nächsten Herbst erscheinen wird, mit ein par Stücken vermehrt.

Hasenclevers Dictum über mich hatte mir schon Ferdinand erzählt während seiner letzten Anwesenheit in Zürich. Der lustige Maler muß selbst bekneipt gewesen sein; denn als ich 1850 mit Ferdinand ein par Tage in Düsseldorf war, that von Morgens bis Abends die ganze Gesellschaft, bei der wir waren, nichts anderes als Essen und Trinken, u es freut mich gerade nicht insonderlich, daß ich allein das Opfer u nach so viel Jahren durch den Personalienschwätzer Strodtmann als „mürrischer Fresser u Trinker“ ausgetrommelt wurde. In dem bewußten Aufsatz ist überhaupt alles durcheinandergeworfen, wie Kraut u Rüben.

Die Zürcher Straßen, deren Sie sich nicht erinnern, sind alte krumme Nebengassen im Innern der Stadt, die Sie kaum betreten haben. Ich wohne jetzt in der sog. Enge auf linker Seeseite auf dem obern Bürgli, ein Hügel, von welchem ich den ganzen See u das Gebirge, die Wälder des Sihlthals u das Limatthal, kurz die ganze Rundsicht überschaue. Da hause ich im obersten Stockwerk mit meiner Schwester Regula, welche allerlei unzulängliche Versuche anstellt, mich zu tyrannisiren.

Für heute muß ich nun enden, werde aber, ohne pedantisch eine Antwort abzuwarten, bald einmal wieder zu Ihnen plaudern, wie es eine stille Stunde etwa mit sich bringt. Grüßen Sie inzwischen ehrerbietigst die Schwester von mir; ich habe stets einen gewaltigen Respekt vor wohlderoselben u fürchtete mich immer halb u halb vor ihr. Ihr Augenleiden geht mir nichts desto weniger nahe; möge es mit der Zeit doch besser werden! Ihnen wünsche ich also Glück u Heil u gute Gesundheit zum 19 Juli u daß Sie gewogen bleiben Ihrem ergebenen

Gottfr. Keller

  
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