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Keller an Heyse - 19.11.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Paul Heyse - 19.11.1881


Zürich 19 Nov.1881.

Lieber Freund und Gutthäter!

Anfangs October stach mich der Hafer, daß ich mich einige Tage am Vierwaldstätter See, der unablässig in einem dunkeln Nebel lag, im Sommer-Ueberzieher und ohne wärmende Halsbinde herum trieb und dafür das Angebinde eines vierwöchentlichen infamen Katarrhs nach Haus brachte. Da konnte ich wol lesen aber nicht schreiben, und so ist dein Brief vom 12t. Oct. ohne Dank geblieben, obgleich die stattlichen Troubadours zu Fuß und zu Pferd, unter dem Vortritt des wackern Petersen, und dann gleich der gewaltige Alcibiades mir auf die Bude rückten und sich drohend aufstellten, um zum Rechten zu sehen.

Ich bin jedenfalls zum Theil an dem reinen Element Deiner Sprache, wie es auch diese Novellen wieder umflutet, gesund geworden. Du hast auch nicht zu befürchten, daß der farbigere Hintergrund mangle, da Land und Klima überall genugsam aus den Menschen hervorleuchten. Schon die zwei Stücke am Eingang und Ausgang repräsentiren das auf das Schönste, wie der lahme Engel und der verkaufte Gesang mir überhaupt an’s Herz gewachsen sind, ohne den andern Geschichten weh zu thun. In diesem Punkt ist ein vergnüglich glückliches Verhältniß in dem Buche und dieses ein ebenmäßiges sich selbst ergänzendes Werk wie ein oligarchischer Rathskörper. Ob die Rache der Vizgräfin heutzutage im Reiche der Germanen salonfähig sei, ist glaub’ ich nicht zu untersuchen, da das romanische Blut und die Zeitkultur ihre eigene Decenzgesetze mitbringen. Nach wie vor endlich ist deine Kraft zu bewundern, mit der Du in so kurzer Zeit eine solche Zahl homogener und doch unter sich verschiedener Compositionen frei und entschlossen gebildet hast. Sie erinnern an eine Reihe schöner Spitzbogen, von denen jeder ein neues Maßwerk zeigt.

Bei der neuen Tragödie, dem Alkibiades, läßt mich obige Geschwätzigkeit in Bildern im Stich. Ich las dieselbe in stiller Nacht und noch bin ich in der Gefühlsstimmung befangen, in welcher ich das Buch zum ersten Male schloß, und noch nicht im Stande, die 1½ technisch-dramaturgischen Schneidergriffe, deren ich etwa mächtig bin, anzuwenden und zu orakeln. Trotz der altbekannten klassischen Himmelsluft ist doch Alles neu u überraschend; ich kenne weder eine Mandanen ähnliche Figur, noch eine zweite Timandra und muß mich nur auf’s Neue wundern, wenn sich die Bühnenlöwinnen nicht herandrängen, hier neue Kräfte und Lorbeeren zu holen. Beim Alkibiades selbst würde ich mich schon weniger wundern, weil es für die Herren nicht leicht sein wird, die Kunst zu bewältigen, welche der ungeheure Umschwung im letzten Akte erfordert. Uebrigens glaubt man diese Mondnacht mitzuleben; schon die scenische Anordnung ist meisterhaft gedacht, und es ist gewiß nichts weniger als zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß in den Grillparzer’schen Zugstücken es nicht höher und schöner hergeht, als hier. Wollte ich nicht den Verdacht scheuen, deinen letzten Schmeichelbrief nachzuahmen, so würde ich ganz andere Vergleiche anstellen, auf die Gefahr hin, daß wir uns augurisch in’s Gesicht lachen würden.

Das neue Münchner Dichterbuch ist mir übrigens noch ganz unbekannt, wahrscheinlich erscheint es erst noch.

Was die Fabel des Alk. betrifft, so mochte ich meine par Griechenquellen und Hülfsmittel gar nicht hervorholen, um mit einer Controlirung des Planes etc. die Zeit zu verderben. Nächstens werde ich indessen das Buch wieder lesen und hoffe, zu etwas deutlicheren und festern Ideen zu gelangen, als ich jetzt zu äußern im Stande bin.

Die Fruchtlosigkeit deiner Heilversuche und Sommerkuren hat mich übel berührt und thut es noch, wenn der Zustand noch immer gleich ist. Die dänischen Studien trösten mich wenig, obgleich ich es den Dänemärksern wohl gönnen mag, wenn sie deine Gunst erwerben. So weit es sich um die norweg’sche Partie handelt, kann ich mich immer noch nicht stark für die Sache begeistern. Ich nehme manchmal aus dem Wirthshaus, wo die fliegenden Buchhändler mit den Reklam’schen Büchelchen hausiren, einen Ibsen oder Björnson mit nach Haus, und muß gestehen, daß mich die ewigen Wechsel- und Fabrikaffairen, kurz alle die Lumpenprosa wenig erbaut, noch weniger der pseudo geniale Jargon, der mir gar keine Diktion zu haben scheint. Freilich lese ich nur Uebersetzungen. Ich komme nicht darüber hinaus, immer wieder an den guten Schiller zu denken, der schon vor 80 Jahren in seinem „Schatten Shakespeares“ die Situation ausreichend behandelt hat.

Sonst aber haben sich namentlich die eigentlichen Dänen allerdings immer als reichbegabte, gute und fidele Brüder gehalten und besonders der deutsche Bruder Dichter und Literat durfte sich bis 48 nicht über sie beklagen. Seither laboriren sie in dieser Hinsicht am Fluche jeder aufgestörten politischen Klein-Existenz; und das wahre Glück trifft auch mit der materiellen Größe so selten ein.

Verspürst Du jetzt schon einige Besserung beim Nichtsthun? Höre nur nicht auf damit! Und wie ist der verehrten Frau Doctorin St. Moritz bekommen? Als ich eines Tages las, es sei ein Postwagen, der dorthin fuhr, mit zwei deutschen Damen über den Abhang des Bergpasses gefallen, erschrack ich heftig, rechnete aber aus, daß Frau Heyse schon früher hingefahren sein müsse. Die Länge Eueres Fräuleins, die Du immer hervorhebst, muß ich doch einmal näher besichtigen, wenn Ihr im März wirklich hier durchpassirt. Sie ist mir gar nicht so aufgefallen.

Berthold Auerbach geht, wie ich gelesen, nach Cannes zu Anfang December, wird aber wol nicht so lange dort Ruh’ haben, bis Ihr in die Gegend kommt.

An Storm und Petersen muß ich auch schreiben. Letzterer meldete mir s. Z. mit der liebenswürdigsten, jungfräulichsten Glückseligkeit die Ankunft der Troubadours mit deiner Dedication, und warf die Frage auf, ob nicht würdigere Männer da wären, eine solche Ehre zu empfangen?

Storm hätte ich in seiner Behaglichkeit und lustigen Landschaft wol auch sehen mögen. Ich glaube, ich habe ihn etwas verschnupft, denn ich hielt ihm wegen ein par Monita, die er mir wegen Nichtverheiratung einiger Novellenfiguren machte, den Spiegel eigener Sünden dieser Art vor, die zu den Juwelen unter seinen Sachen gehören; ferner parirte ich mit dem neusten Etatsrath einen malitiösen Bakelhieb, den er wegen der drei zusammen gebundenen Kuhschwänze nach mir führte. Er ist glaub ich so fromm und naiv, daß er vielleicht meinen Spaß für Ernst nahm und nun knurrt.

Deine Grüße an Bächtolden richte ich jederzeit aus und er freut sich jedesmal sehr und würde mir gewiß eine Ladung auflegen, wenn er zur Hand wäre.

Nun lebe auf ein Kurzes wohl und pflege Dich recht! Gehorche dem Arzt und sammle einmal die Einfälle ein bischen auf. Es hat auch sein Angenehmes, über den Vorräthen eine Zeitlang zu spintisiren, was wol nicht verboten sein wird. Tausend Grüße von Dein- u Euerem

G. Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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