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L. Duncker an Keller - 21.05.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Lina Duncker an Gottfried Keller - 21.05.1856


Berlin den 21ten Mai

Lieber Herr Keller!

Mit besonderem Vergnügen sende ich Ihnen einliegenden Brief, ich hätte am Ende sonst meinen Dank für den Ihrigen so lange hinausgeschoben bis er ein Unding geworden wäre. Jetzt gehts noch eben an, dß ich mich für Ihre ehrliche schlechte Meinung von mir und den Namen den Sie mir geben, „die böse Line“ bedanken kann. Er muß wohl recht treffend sein, denn er hat Beifall und Aufnahme gefunden, und ich selbst lasse ihn mir gefallen, da er mir nicht ungerecht erscheint, ich denke ihn weder zu verdienen noch abzulehnen, es ist immer besser ein Wolf mit Wölfen, als ein Wolf in Schaafsgestalt, oder ein Schaaf in einer Wolfshöhle zu sein. – Daß alle Vergleiche die man mit Schaafen macht hinken müssen, weil diese nicht blos sanfmüthig sondern zu gleicher Zeit Schaafsköpfe sind, das ist nun freilich schlimm.

Den Anfang April war Palleske acht Tage bei uns, da haben wir viel von Ihnen gesprochen, er ist eine herrliche frische lebensvolle Natur, hat Geist Herz und das angenehmste wohlwollendste Wesen ich kenne nichts an ihm, was nicht lang und gut und liebenswürdig wäre, und ich weiß keinen Menschen dem man so ohne Rückhalt und Bedenken und Zweifel gut sein müßte. Er hat uns zweimal seinen Cromwell vorgelesen, es ist ein biederes tüchtiges Stück, es wird schwerlich Enthusiasmus finden und sich mit dürrer verständiger Anerkennung begnügen müssen, Monmouth ist koquetter, abwechselnder, sprudelnder, gefälliger. – Ihre „Leute von Seldwila“ sind mir noch nicht zu Gesicht gekommen, ebensowenig wie Ihre Novellen für uns. Ich habe keinen Auftrag Sie darum zu mahnen und zu quälen, aber mein eigenes Interesse läßt mich doch daran denken und danach fragen, wie lange nach der Erscheinung der Viewegschen Novellen, die neuen daran kommen sollen. Franz ist seit 4 Wochen in London um Geld aus seiner Telegraphen Erfindung zu machen, bis jetzt hat er aber nur Kosten Sorgen Ärger geerndtet und sein schönes freundliches Haus, seine Kinder, und seine schlimme Frau entbehrt. Dr. Hirsch aus Wien schreibt mir gestern, daß dieselbe Erfindung in Wien und Turin gemacht, nicht patentirt sei, wie zweifelhaft es nun ist, ob die schlauen Engländer anbeißen und uns abkaufen, was sie umsonst haben können. – Franz hat aber so sehr auf einen brillanten Ertrag gerechnet, dß er in mehr als eine Verlegenheit käme, wenn er ohne denselben nach vier Wochen heimkehren müßte, – und Bernstein fahren seit einem halben Jahr die Goldstücke wie Irrlichter im Kopf herum, und tanzen vor seinem gesunden Verstand umher, so dß er sich in lauter unbekannte Regionen verliert, und vielleicht in untüchtige Thätigkeit. – Doch hoffen wir noch das beste. – Frese ist ausgewiesen, Sie wissen dß er nur unter der Bedingung, sich von jeder politischen Thätigkeit fernzuhalten, hier sein durfte, – nun hat man bei einer Haussuchung gefunden, dß er Kammerberichte macht, und hat ihn sofort beim Schopf gefaßt, Ihm und uns Allen thut es sehr leid, dß es so gekommen, und er meint, wenn er mich nun nicht mehr in den Kneipen vertheidigen könne, sei ich ganz verlassen und würde ihn am meisten entbehren, ich denke aber immer nur an den Besitz, oder Verlust eines guten Freundes, und nicht an seine Nützlichkeit für mich. Meine liebe große schöne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zurück, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entzücken gen Süden, und ich bin überzeugt dß sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben. – Haben Sie denn die schreckliche Mordgeschichte in unserm Hause gelesen? Ich war allein, ohne Franz und sehr erschrocken und kleinmüthig, aber ich habe mich äußerlich tapfer gehalten, die Besinnung nicht verloren und den Kleinmüthigern, Abergläubigen und Furchtsameren ein gutes Beispiel gegeben, und mich so an mir selbst gehalten und wieder aufgerichtet. Jetzt hat sich das Schauerliche nach einer kurzen Anwesenheit in Dresden ganz in den Sand verlaufen, und ich denke wieder ohne Störung an Wäsche, Braten, Kochen, Sparen, Necken und Flunkern.

Empfehlen Sie mich Ihrer Mama und schreiben bald

Lina Duncker

  
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