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Melos an Keller - 21.09.1877

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 21.09.1877


Cannstatt d. 21. Sept. 1877.

Sehr verehrter, theurer Freund!

Wenn Sie auch nicht „pedantisch“ auf eine Antwort warten, so thun Sie’s wenigstens antipathisch, d. h. Sie haben, wie die meisten Männer, eine gelinde Abneigung gegen Alles Briefschreiben. Ich finde das auch sehr natürlich, namentlich bei einem Dichter, der auf diese Weise seine Zeit nicht zersplittern darf. Geibel hat oft erklärt, daß er nur, wenn es unumgänglich nöthig wäre, einen Brief schrieb. Ich muß es ihm deshalb besonders hoch anrechnen, wenn bei ganz absonderlichen Gelegenheiten ein Gruß von ihm geflogen kommt. Nun ist es durchaus nicht meine Absicht Sie durch meine Ihnen jedenfalls zu rasch erscheinende Antwort gleich wieder zu dem verhaßten Briefschreiben zu veranlassen, sondern ich will, als alte, pedantische Schulmeisterin nicht länger zögern die 26 lieben Geburtstagsbriefe, welche ich erhalten (ich möchte den bewundernden Seufzer hören, der sich jetzt Ihrer Brust entwindet) nach u. nach zu beantworten und pflicht schuldigst meinen tiefgefühltesten Dank für dieselben auszusprechen. Da ich aber in dieser Beziehung die Pedanterie weit treibe, u. die Briefe geordnet habe, wie sie der Reihe nach ankamen, so bin ich heut bis zu dem Ihrigen gelangt, der so ziemlich die Mitte bildet, da mir verschiedene Freunde auch eine Nachfeier gönnen wollten. Ich habe also nicht nur den 19. sondern bereits am 18, 19, 20, 21 u. 22 Juli Geburtstag gefeiert. Entsetzen Sie sich nicht allzu sehr. Wählen Sie lieber die goldene Mittelstraße u. feiern Sie nur den 19. Juli. Entsagen Sie aber der Unsitte Ihres Landes den Geburtstag unbemerkt vorüber gehen zu lassen. Ich finde das sehr garstig u. undankbar für allen Segen, den uns das Leben bringt, wozu ich nicht nur die frohen, sondern auch die trüben Tage rechne. So ein Geburtstag ist für mich gleichsam eine Haltestelle – ein Meilenweiser, an dem man stehen bleibt, den zurückgelegten Weg überschaut, u. den zurückzulegenden überdenkt. Wir wissen freilich nicht was uns auf demselben begegnet, wissen nicht wie viel Meilen noch vor uns liegen, sollen aber doch fröhlich unsere Straße ziehen u. nicht vergessen, daß wir jeden Tag das Ziel erreichen können. Uebrigens will ich galant genug sein zu glauben, daß Sie wirklich schon begonnen hatten mir zu schreiben, als mein Glückwunsch eintraf. Sie sind aber ein Schalk und ein Spottvogel, was mir namentlich die „erlauchte Wittwe“ klar macht. Ferdinand war freilich in geistiger Beziehung ein Fürst, dessen Wittwe aber deshalb noch nicht den weltlichen Titel „Erlaucht“ erhalten hat. Das macht aber Alles der „gewaltige Respekt“ u. die „Furcht“, die Sie vorgeben meiner Schwester gegenüber zu haben. Diese läßt Sie indessen ohne „Furcht“ aber doch mit „gewaltigem Respekt“ vor dem Dichter, herzlichst grüßen u. Ihnen sagen, daß sie ganz kürzlich wieder – aber mit weit höherem Genuß denn früher – Ihren „grünen Heinrich“ gelesen habe. Sie konnte nicht müde werden mir von der Fülle von Lebensweisheit u. Poesie zu erzählen, die Ihr Meisterroman enthält. Ida hat mir nicht einmal erlaubt ihr vorzulesen, weil sie selbst in ganzer Fülle schöpfen wollte. So steht mir denn noch der Genuß bevor auch meinerseits con amore aus den Schätzen Ihrer dichterischen Begabung mir das zu holen u. fest zu halten, was auch mich beglücken u. erheben kann.

Auf Ihre Novellen freue ich mich wahrhaft so wie auf die „paar Stücke der Vermehrung“. Solche meisterhafte Erzählungen in denen Sie die Geschichte mit der Dichtung so wunderbar lieblich zu verweben wissen, erfreuen mich nicht blos beim Lesen, sondern verschaffen mir einen fortwährenden Genuß. Eine Dame, (Namen nennen dich nicht, da ich Sie so gern neugierig machen möchte) die hier im Hause wohnt, schwärmt auch für die Züricher Novellen. Unglückerweise haben wir uns beide in Landolf verliebt, der, um das Unglück zu vermehren, doch gar nicht mehr am Leben ist. Wäre er aber noch am Leben, so wäre das Unglück noch viel größer, denn wir könnten ihn doch nicht beide besitzen – ich müßte ohnhehin auf ihn verzichten u. mit neidischen Augen das Glück der bevorzugten Nebenbuhlerin sehen.

Sie sehen wie gefährlich Ihre Schilderungen sind, wie verderblich dieselben wirken können. Wie wir aber auch staunend in Ihre Wunderwelt blicken und Sie mit Paul Heyse „den „Shakespeare der Novelle“, den „unsterblichen Seldwyler“ nennen. Lassen Sie sich deshalb Strodtmanns albernes „Personaliengeschwätz“ nicht kümmern. Sie haben Recht; es geht Alles in dem Aufsatz durcheinander wie Kraut und Rüben. Nur hätte ich von Ihnen erwartet, daß Sie sich klassischer ausdrücken u. sagen würden „wie Mäusedreck und Coriander“.

In diesen Tagen werden Sie Grüße von meiner Schwester u. mir durch Frau Ludmilla Assing erhalten haben. Sie beabsichtigte sich einige Tage in Zürich aufzuhalten u. freute sich auf ein Wiedersehen mit Ihnen. Wir haben uns sehr über den lieben Besuch gefreut, da meine Schwester so sehr die treue Anhänglichkeit der geistvollen Freundin zu schätzen weiß. Frau Ludmilla war freundlich genug zweiMal nach Cannstatt zu kommen, und wir hätten nur gewünscht, daß sie noch längere Zeit in Stuttgart geblieben wäre, um öfter den Genuß zu haben mit ihr zu verkehren. Wer aber eine Villa in Florenz besitzt, die ein Sammelplatz aller he<r>vorragenden Geister ist, wer sein Kaminfeuer mit Pinienäpfeln u. Myrthenreisern anzünden kann, u. wem Jahr aus Jahr ein im Garten Lorbeer u. Myrthen grünen, u. Rosen blühen, der wird sich freilich nicht vom nordischen Himmel locken lassen. Hoffentlich hat derselbe aber so viel Sonnenschein gebracht, daß Sie sich dem Glas des Photographen anvertrauen konnten. Ich will aber etwa nicht treiben; am allerwenigsten zu einem schriftlichen Gruß.

Grüßen Sie mir unbekannterweise Ihre liebe Schwester, die sehr wohl daran thut, wenn sie die Versuche nicht aufgibt zu tyrannisiren. Brüder gewinnen nur unter der liebevollen Tyrannei der Schwestern. Und wozu hieße die Ihrige auch Regula?

Und somit Gott befohlen, mein lieber, wirklich ein Jahr älterer Freund. Nichts destoweniger bleibe ich Ihre Altersgenossin

und treue Freundin
Maria Melos.

  
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