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Keller an Hettner - 21.10.1854

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 21.10.1854


Berlin d. 21/10 54.

Lieber Freund!

Ihr Brief enthebt mich einer momentanen Verlegenheit; in Folge des zürcherisch. Ausschreibens, das ich gelesen, gedachte ich sogleich noch einmal zu schreiben, war aber ungewiß, da ich die Universitäts-Etiquette u Ehre nicht kenne, ob ich Ihnen die Selbstmeldung zumuthen, dieselbe ankündigen, oder auf freie Berufung antragen etc solle. Die ausgekündigten Meldungen werden zum guten Theil gesetzliche Form sein; denn gewiß sind schon manche Stellen so gut wie besetzt.

Da Sie nun sich aber bereits gemeldet haben, so will ich sogleich noch einmal schreiben, muß aber den Erfolg meiner Stimme aus der Wüste den Göttern anheimstellen. Da ich aber doch noch zu rechter Zeit heimzukommen hoffe, werde ich mündlich noch operiren. Die eigentliche Schule insonderheit die phil. Fakultät, wird im Herbst 55 eröffnet und vor Ostern gewiß in Bezug gerade auf unser Gebiet nichts definitiv besetzt. Es wäre freilich allzu hübsch, wenn wir im nächsten Jahre zusammen in Zürich leben würden.

Was mich betrifft, so sitze ich immer noch Bauhof 2 in Berlin, und zwar, um es nur zu gestehen, schändlicher Weise aus dem einzigen Grunde, weil ich den 4t. Band noch nicht fertig habe! Es ist eine skandalöse Geschichte mit diesem verfluchten Alp von Roman! Ich darf nichts anders schreiben, bis er abgeliefert ist, und doch mag ich ihn zeitweise gar nicht ansehen und die Buchhändler, Vieweg wie andere, verderben Einem die Laune noch ganz! Was ich denn thue? Ich mache Sachen fertig im Gedächtniß, da ich nicht daran schreiben darf, und fabrizire mit dem größten Plaisir Dramen, Novellen Gedichte Aufsätze u alles mögliche, was ich alles schreiben werde, der Reihe nach. Daneben fülle ich meine Leselücken aus. So habe ich die alte Dacier'sche franz. Uebersetz. des Plutarch durchgelesen, und kann nun gar nicht begreifen, wie man ohne Plutarch zu kennen, habe existiren können! So geht es mit dieser verfluchten Autodidakterei.

Mit Scheube nahm es folgenden Verlauf. Als er wiederholt in mich drang u mich persönlich besuchte, bot ich ihm endlich die Novellen an, welche ich nach dem Roman fertig machen wollte. Ich sagte ihm, daß Vieweg sie schon seit 1 Jahr in Händen habe und nichts darüber äußere. Er wollte sie sogleich nehmen, aber das Manuskr. v. Vieweg erst heraus haben, um keine Ansprüche v. diesem zu riskiren. Ich schrieb an Vieweg, er solle sich entweder selbst erklären, oder mir das Manuskrpt. sogleich übersenden, da ich einen Verleger dafür wüßte, der mir aus der Verlegenheit helfe. Ich schrieb, da ich keine Antwort erhielt, wiederholt und stellte ihm deutlich vor, welchen Charakter ein solches Zurückhalten von Manuskr. habe etc. aber bis auf heute habe ich keine Antwort erhalten. Bloß dieser Tage erhielt ich ein Couvert v. Vg. mit einem Bestellzettel aus Bremen, wonach eine dortige Buchhandl. 3 IVt. Bände des grünen H. dringend verlangt. Dies soll wahrscheinlich eine Mahnung sein. Inzwischen wurde ich mit Scheube einig, die Novellen einstweilen auf sich beruhen zu lassen, und dafür einen Band v. 20–25 Bogen Charakteristiken u Schilderungen in der Art meiner Jugendgeschichte zu projektiren, wofür ich noch reichlichen Stoff habe, der nicht in den grün. Heinr. paßte, und den man in der dritten Person verwenden kann. Scheube sollte mir sogleich 300 Thaler dafür zugehen lassen und schickte mir dieselben in Wechseln mit 4monatlicher Verfallzeit auf sein Haus in Zeitz, das in Berlin kein Mensch kennt. Er hatte mich allso mystifizirt; denn ich konnte die Wechsel rein zu nichts anderm brauchen, als zum Schuldenzahlen, während ich etwas baares Geld zu behalten beabsichtigte, und er selbst zahlt in der That also die Summe erst später aus. Nichts destoweniger glaubt er mich nun durch diesen Kniff so verbunden zu haben, daß er von nich‹t›s als Freundschaft spricht, projektirt und mich in jeder Weise in Beschlag genommen wissen will, so daß ich mir schon festgestellt habe: vorläufig einmal und nie wieder mit Scheube!

Das Verfahren Viewegs nun ist eine ungeschickte brutale Pfändungsmanier. Er wird, wenn er den Schluß d. gr. H. hat, nun wieder angerückt kommen; allein ich werde nicht mehr der Frühere sein; obgleich sein Benehmen beschimpfend ist, so ist es mit andern nicht besser und es ist ein Hund wie der andere, davon bin ich überzeugt. V. ist wenigstens solid, und was er zu leisten verspricht, das thut er wirklich und in bester Form. Mein 4t. Band ist indessen allmälig doch angewachsen und da ich gerade jetzt gut daran bin, so wird er bis Ende Oktober abgehen können. Wenn V. alsdann anbinden will so werde ich ihm sagen was die Uhr ist.

Ich wünschte am liebsten mit einem Verleger einen Contrakt abzuschließen, wonach ich etwa 600 Thaler jährlich (etwa auf 5 Jahre) sicher einnehme, und wogegen er alles drucken kann, was ich mache. Wie der Bremer Bestellzettel ausweis’t, braucht also von dem Roman eine einzige dortige Buchhandl. 3 Exempl. hienach muß das Buch doch gut gehen. Was meinen Sie nun, wenn ich Vieweg als erste Bedingung, in fernerer Verbindung zu bleiben, die Forderung stelle, daß er, zum Zeichen, daß er mich anständig zu behandeln gesonnen sei, zu allererst unser Abkommen über den grün. Heinr. revidire, und mir ein festes und anständiges Mittelhonorar von 2½–3 Louis d'or pr. Bogen zugestehe. Hierdurch würde ich auf einen Schlag 6–800 Thaler für schon Gethanes erhalten und mit dem Neujahr würde oder müßte zugleich das regelmäßige Einkommen beginnen. Durch die dramatischen Sachen denke ich ebenfalls etwas gutes einzunehmen. Aber freilich müßte ich bei dieser Forderung fest bleiben und dann wirklich mit Vieweg abbrechen, wenn er nicht darauf einginge, was sich auch bedenken läßt.

Wenn ich aber wieder bedenke, was er der Lewald gibt, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht die Hälfte davon beanspruchen könne? Schreiben Sie mir doch Ihre Meinung hierüber, denn ich möchte nicht etwa aus Uebereilung eine Arroganz oder Ungeschicklichkeit begehen, die unzweckmäßig wäre.

Ich werde den künftigen Monat endlich 14 Tage zu dem 1t. Lustspiele verwenden, um einen Anfang zu machen mit dem Theater. Die übrigen Sachen werde ich erst in der Schweiz u bei besserer Verfassung verfolgen können. Und somit Adieu, schimpfen Sie mich nicht aus; denn ich thue es schon selbst. Der alte Kapp u der junge August (welcher nach Amerika geht) sind hier gewesen; den Alten erwarte ich wieder mit dem Max, den er hier auf Universität bringen will. Johanna ist in Heidelberg u immer traurig, wie sie schreibt; ich kann ihr nicht helfen; ein jedes Jucken braucht seinen eigenen Kratzer. Das Jugendidyll v. Golz habe ich gelesen und bewundere mit Ihnen das famose Talent und das Auge dieses Menschen, bin aber ärgerlich über den unverschämten supranaturalistischen Höllenzwang, den er mit verwerflichen und hohlen Stylmitteln ausüben will. Auch ist der gute alte Jüngling so verhetzt und verheddert in künstlichen, vergeistelten u forcirt-blasirten Redensarten, daß dazwischen seine wahren und schönen Stellen wie Lügen stehen. Es ist die alte Geschichte: wer die Worte Natur, Biederkeit, Gefühl, Herz etc immer im Munde führt, ist eine fortwährende Desavouirung seiner selbst und gewöhnlich ein verzwickter Geselle oder ein Nachtwächter. Neu ist diese ost- u westpreußische, pommer’sche u märkische Biederkeits u Naturkultur, diese patriotische Gefühlseisenfresserei, wie sie sich in Scherenberg, Niendorf z. Theil im alten Häring Alexis und in Bog. Golz aufthut. Golz ist wie von Scherenberg heruntergeschnitten, nur daß er ein anderes Genre bebaut. Alle diese Nordlands u Preußenrecken gebehrden sich, als ob noch kein Mensch außer ihnen etwas gefühlt, geglaubt u gesungen hätte; es ist doch eine schöne Sache um die unverwüstliche Menschennatur und um den Sonnenschein. Dieser hat ganz positiv in diesen blassen preußischen Landstrichen einige mal ein bischen stärker auf die Birken und auf die Sandraine geschienen, und sogleich entstehen einige gute Dichter, welche ihren Boden besingen, als wäre er erst heute entdeckt worden; es sind nun 50 Jahre, seit zur Zeit der Musen u Grazien in der Mark diese Zauberlande auch einmal entdeckt waren.

Ihr treuer G. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
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