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Keller an Assing - 21.04.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 21.04.1856


Verehrtes Fräulein Ludmilla!

Ich habe unter einem gewissen schönen Insiegel eine Zusendung erhalten, welche mich wohl nicht irre gehen läßt, wenn ich mich mit dem Danke an Sie wende, zumal ich dadurch eine gute Veranlaßung finde, endlich eine Nachricht von meiner Wenigkeit bei Ihnen zu oktroiren und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Oder vielmehr setze ich jetzt, damit die arme Seele Ruhe hat, gleich voraus, daß Sie, gute Fräulein Assing und Ihr hochgeehrter Herr Oncle den Winter bestens überstanden haben und bereits guter Dinge in den Frühling hineinleben; auch hoffe ich, daß es der armen Doris längst wieder besser geht und daß  Ihre menschenfreundliche und treue Pflege durch Wiederherstellung Ihrer Kaffekränzchen belohnt worden sei und daß allbereits sich wieder viele hübsche Dinge in Ihren traulich feinen u literarhistorischen Räumen begeben haben. Jedenfalls hoffe ich, daß die winterlichen Beschwerden Herrn v. Varnhagens so bescheiden als möglich aufgetreten sind!

Diese Dinge feierlich ausgesprochen, hebe ich nun noch viel feierlicher den Lobgesang an des freundlichen und gütigen Lobgesanges meiner Erzählungen, den Sie mir so lakonisch zugesandt haben in dem rosenrothen Gewande der Hamburger Jahrszeiten. Es ist die allererste Anzeige, die mir zu Gesicht kam, und also, da sie von solcher Hand kommt, eine rechte Frühlingsschwalbe. Möchte es mir in der Zukunft gelingen, die starken Lobsprüche einigermaßen zu rechtfertigen, welche mir so unvorsichtig gespendet werden. Die ungehobelten Stellen werden dann auch von selbst wegbleiben, da ich von vornherein edlere Stoffe haben werde. In der Welt dieser Erzählungen freilich konnte ich ihrer nicht ganz entbehren, da jedes Kunstwerklein seine eigenen Regeln hat; auch glaube ich, man sieht es den Grobheiten und Ungezogenheiten an, daß sie absichtlich hingesetzt sind, und dies ist beste Vertheidigung „merke man die Absicht und sei verstimmt!“ Dies macht mir das größte Vergnügen. Doch wie gesagt, mit dem fürnehmen Stoffe wird auch eine ehrbarlichere Sprache kommen. Indessen beuge ich mich in aller Demuth dem Ausspruche jener geistreichen unbekannten Dame, welche mir Behufs anmuthigerer Schreibart eine Frau zuerkennt. Sie soll mir doch gleich nur die Frau verschaffen; wie es mit der Zensur ist, wollen wir dann schon sehen. Wie geht es denn dem Hr. Dr. Ring in seiner jetzigen Zensur-Anstalt? Denn ich habe in der Zeitung gelesen, daß er sich definitiv verirrt hat und wird also jetzt vielleicht schon der Erlösung entgegen schmachten, da einen so fleißigen Mann eine Gattin schrecklich an der Arbeit behindern muß; oder er müßte dann seine Werkstelle außer das Haus verlegen, wie ein Büreau. Ich bitte übrigens, ihn recht sehr von mir zu grüßen.

So eben vernehme ich, daß meine schlechte Bemerkung am Schlusse von Romeo u Julie allerorts Anstoß erregt. Ich verspreche daher reumüthig, dieselbe wegzulassen, wenn je wieder ein Abdruck nöthig würde. Eigentlich war es mehr eine Herausforderung von mir, damit vielleicht irgend eine Hochgebildete empört und gereizt werden möchte, mir selbst das Gegentheil zu beweisen.

Ich genieße jetzo seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder den Frühling; wir wohnen zu ebner Erde im Garten vor der Stadt, Reben am Fenster und so eben blühende Birn- und Apfelbäumchen davor, die man mit der Hand erlangen kann. Später soll alles voll Rosen sein, den vielen Stöcken nach zu schließen, und weiterhin giebts nichts als Wiesen und am Rande Gehölz, hinter welchem man in der Stube den Mond aufgehen sieht und am Morgen die Sonne. In fünf Minuten bin ich an und auf einem grünen Berge, welcher wie ein Theater voll Gärten, Matten und Wohnungen der Menschen ist, voll enger Pfade zwischen den Grünigkeiten und oben mit Wald bekränzt, überall die herrlichste Aussicht auf die Alpen und den See. Wer so nur durchreis’t in Zürich, bekommt alle das gar nicht zu sehen und weiß gar nicht welche kokette Herrlichkeiten unsre Gegend in sich hat. Dies Alles habe ich gleichsam vor der Thüre und kann jeden Augenblick geschwind die Nase hineinstecken von der Arbeit weg, und ich bin erst jetzt wieder einmal recht zu mir selbst gekommen. Dabei geht mein altes Mütterchen ab und zu und macht sich zu schaffen, und ich bin sehr froh daß ich für diesmal ungeschlagen davon kam und sie noch eben so rüstig und beweglich angetroffen habe, wie ich sie vor 7 Jahren verlassen.  Denn es wäre eine große Schande für mich gewesen, wenn ich sie nicht mehr angetroffen hätte.

Sonst ist auch die Gesellschaft gut in Zürich. Richard Wagner ist ein sehr genialer und kurzweiliger Mann, von der besten Bildung und wirklich tiefsinnig. Sein neues Opernbuch, die Nibelungen Trilogie, ist eine glut und blüthenvolle Dichtung an sich schon und hat einen viel tieferen Eindruck auf mich gemacht, als alle andern poetischen Bücher, die ich seit langem gelesen. Wenn Sie es noch nicht gelesen haben, so lassen Sie es sich doch von einem geben, der es hat. Außerdem ist es schrecklich, wie es in Zürich von Gelehrten und Literaten wimmelt und man hört fast mehr hochdeutsch, französisch u italienisch sprechen, als unser altes Schweizerdeutsch, was früher gar nicht so gewesen ist. Doch lassen wir uns nicht unterkriegen; bereits hat mit den ersten Frühlingstagen das nationale Festleben wieder begonnen und wird bis zum Herbst sein Wesen treiben. In Zürich haben wir vor 14 Tagen ein großes altstädtisches Frühlingsfest gehabt, wo alle Nationen der Erde, wilde und zahme, mit der Lola Montez, dem Kaiser von Rußland, Soulouque, Neuseeländer, Grönländer, Beduinen, Baschibozuks, kurz was man sich denken kann, in den reichsten und zierlichsten Costümen zu Roß und Wagen und zu Fuß durch die Straßen zogen. Auch ergreifen meine Herren Landsleute, als ob sie nicht bereits Feste genug hätten, begierig den Anlaß der Eisenbahneröffnungen, um gleich ein großes Volksfest daraus zu machen, wo viele Tausende zusammenkommen. So ist jüngst eines in St. Gallen gewesen, wo alle Arbeiter, welche die Bahn gemacht, in einem ungeheuren Aufzug mit bekränzten Werkzeugen und Wagen erschienen, so symbolisch und ausgedacht, als ob es aus dem Wilhelm Meister geschöpft wäre.  Possierlich war es, als der Hauptredner begann: Dieß sei der Tag, welchen Gott, die Ingenieurs und unser Volk gemacht hätten! Nächsten Monat ist wieder eine ähnliche Geschichte in Zürich und so geht es den ganzen Sommer hindurch, bis im Herbst der Schluß gemacht wird, indem man in Zürich etwa 4000 kleine 12–15jährige Krieger versammelt und sich ein Hauptvergnügen mit ihnen macht. Ueberhaupt müssen diese kleinen Kerle überall dabei sein. Wenn die Alten ein Fest feiern, so besteht die Ehrengarde und militärische Schutzwehr, wie anderwärts aus Soldaten, so hier aus den kleinen Knaben mit ihren Waffen, die als Schmuck und Zier aufgestellt werden und vorausmarschiren! Von Polizei ist keine Spur zu sehen und von Unfällen auch nicht.

Die Kehrseite von alledem ist, daß die Schweizer mehr als je, und so gut wie überall, nach Geld und Gewinn jagen; es ist als ob sie alle Beschaulichkeit in jenen öffentlichen Festtagen konzentrirt hätten, um nachher desto prosaisch ungestörter dem Gewerk und Gewinn und Trödel nachzuhängen.

Ich sehe mit Schrecken, daß ich in Schrift und Stoff in’s Schmieren gerathen bin und will mich daher beschämt zurückziehen! Ich bin allzu neugierig, wie es bei Ihnen gehe? als daß ich, verehrtes Fräulein! Sie nicht bitten sollte, mich gelegentlich, wenn Sie nichts besseres zu thun wissen, mit ein par Zeilen beehren zu wollen, in welchen nur die gröbsten Umrisse von Ihrem und Herrn v. Varnhagens Befinden enthalten wären. Ich würde mich auch an den Herrn Geheimrath selbst wenden, wenn ich nicht befürchtete, Seine so schon von allen Seiten in Anspruch genommene Muße noch mehr zu schmälern.

Was macht denn die Kunst? Wenn irgend ein Bekannter bei Ihnen vorspricht, der meine Grüße nicht verschmäht, so bitte ich sehr, demselben sie auszurichten. Ich habe diesen Brief schon seit längerer Zeit angefangen, aber mein Schicksal: die scheinbare Unhöflichkeit, hat ihn wieder zurückgehalten!

So danke ich Ihnen nochmals für Ihre sich gleichbleibende Huld und Freundlichkeit gegen mich unwürdigen Troll, wie Heine sagt, der nun ja auch gestorben ist, der Arme; und ich verbleibe mit einem wahren Kunstwerk von vollendeter Hochachtung und Ergebenheit

Ihr

Gottfr. Keller.

Zürich d. 21. April 1856.

  
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