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Berthold Auerbach an Gottfried Keller - 21.06.1860Ich bade jetzt täglich in der Elbe, ich gehe manchmal ungern ins Wasser, aber wenn ich heraus komme, bin ich erfrischt u. möchte jodeln wie vor dreißig u. mehr Jahren. Heute habe ich nicht gebadet, ich war zu träge dazu, ich habe Ihre Erzählung angefangen u. auf Einen Zug ausgetrunken u. mir ist so wohl u. frei zu Muthe als hätte ich in einem Schweizersee gebadet. Das ist gesunde frohe Strömung. Ich freue mich, daß ich Sie zur Ausarbeitung drängte u. Sie können sich glücklich preisen, daß Ihnen so vollsaftiges Leben nahe steht u. Sie es verstehen, gute Stämme drin auszuhauen. Wir hier draußen, in unseren residenzgespickten verschlissenen Ländern, müssen leimen u. furniren, daß es ein Jammer ist. Gut, daß es noch ein Stück Welt giebt, wo das Leben sich aus sich ausbaut. In meiner Heimath ist noch ein Rest davon, aber nur ein Rest. Ich werde leider von Ihrer früheren Erlaubniß Gebrauch machen müssen, Einiges in Ihrer Erzählung (der Titel ist: das Fähnlein der sieben Aufrechten) zu kürzen. Es wird mir schwer, denn mir ist jedes Wort recht u. nöthig, aber es muß sein. Ich schicke Ihnen aber das Manuskript wieder, damit Sie bei späterm Abdruck (zwei Jahre nach Erscheinung des Kalenders oder auch ein Jahr) Alles noch haben. Die Erinnerung an die Kinderliebe muß ich streichen, so schön sie auch ist. Das geht nicht für einen Kalender, der unverborgen vor den Kindern da liegen muß. Ich habe in meinen Kal. Geschichten sogar den Accent des Erotischen vermieden aus diesem Grunde. Bei Ihrer Geschichte bleibt’s natürlich wie es ist. Warum ich erst heute Ihre Erzählung las? Ich war im Finale einer Erzählung u. da kann ich gar nichts Fremdes lesen, ich lese da kaum Zeitungen. Gestern bin ich fertig geworden u. heute machte ich mir die Freude u. schicke sie gleich zu Ihnen um Ihnen zu sagen, wie erquickt mich Ihre Arbeit hat. Wenn die andere Welt nur halb so erfreut ist wie ich, ist sie’s noch sehr. Herzlich grüßend Ihr Schandau 21. Juni 1860. |
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