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Melos an Keller - 22.01.1883

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 22.01.1883


Düsseldorf IV.
Herderstraße 31.
den 22. Jan. 1883.

Mein theurer Freund!

Wäre ich bei den außerordentlich wäßrigen Zeiten wirklich zur Rheinnixe geworden, so würde ich die neue Verwandlung sofort benutzt haben, um rheinauf zu schwimmen – in die Limmat einzubiegen u. dann in Zürich zu landen, um Ihnen einen Besuch abzustatten u. Ihnen mündlich zu danken für die große Neujahrsfreude, die Sie mir u. meiner Schwester Ida durch Ihre lieben Briefe gemacht haben. Es war echt freundschaftlich von Ihnen unserer zu gedenken u. uns einmal wieder ein Lebenszeichen zu geben, was wir um so höher anschlagen u. zu würdigen wissen, weil Ihre Zeit mit besseren Dingen ausgefüllt ist als an alte Freundinnen Briefe zu schreiben. Einzelne Dichter sind ja überhaupt abgesagte Feinde vom Briefschreiben, weil sie meinen, daß die Zeit zersplittert würde u. die besten Gedanken verloren gingen. Indessen nenne ich das zu weit gegriffen u. meine, daß auch in dieser Beziehung der Altmeister u. Unerreichbare für Alle ein leuchtendes Beispiel sein kann. Lassen Sie sich herzlich die Hand drücken für alle lieben guten Worte u. Mittheilungen u. seien Sie versichert, daß die Schwestern auch Ihrer herzlichst gedacht u. Ihnen das Beste gewünscht haben, was man sich wünschen kann. Glücklicherweise sind wir von den Fluthen des Rheines verschont geblieben, weil wir fern von der Stadt am nördlichen Ende wohnen. Hätten Sie sich vergangenes Jahr entschließen können einmal nachzusehen, wo wir geblieben, so würden Sie keine Minute um uns beunruhigt gewesen sein. Wir wohnen ganz in der Nähe des zoologischen Gartens, der meinen Lieblingsspaziergang ausmacht u. mit dessen Thieren ich auf dem freundschaftlichsten Fuße stehe. Dieselben hatten es hier besser, wie ihre Collegen in Köln, von denen viele umkamen, oder unfreiwillige Fußbäder nehmen mußten. Kommen Sie nur dies Jahr hübsch einmal rheinab geschwommen u. lernen Sie bei dieser Gelegenheit das junge Paar kennen, die sich Ende Februar (so Gott will den 24.) in’s sanfte Joch der heiligen Ehe begeben wollen. Da gibt es dann bis dahin noch mancherlei Unruhe u. gleich nach der Hochzeit einen Umzug für uns. Ich wünschte mir dazu die von Ihnen mir angedichteten Taubenflügel, die ich mir freilich schon oft vergeblich gewünscht habe. Wie ein leises Heimweh zieht’s immer durch meine Seele, wenn ich Psalm 55 d. 7 lese.

Gut, daß Sie Ihren Umzug vor Beginn der rauhen Jahreszeit beendet haben. Sie schreiben mir gar nicht wie Ihnen die neue Wohnung gefällt u. ob es Ihnen in derselben so behaglich ist wie auf der luftigen Berghöhe. Ihrer lieben Schwester wird’s jedenfalls behaglicher sein, denn es ist keine Kleinigkeit so weit von der Stadt zu wohnen, wenn man für die Wirthschaft zu sorgen hat. Die Herren denken immer, daß sich das Alles von selber macht u. überhaupt keine Mühe verursacht. Ich möchte wohl wissen ob ich mich noch in jenen Straßen zurecht fände, wo ich mit Freiligrath’s den Winter 45 auf 46 verlebte. Wahrscheinlich hat sich dort viel verändert. Bin ich doch nie mehr seit jener Zeit in die Schweiz gekommen, von der ich eigentlich nur den Züricher See kenne.

Auf Ihre gesammelten Gedichte freue ich mich im voraus, u. bin gespannt zu sehen was Sie ausgemerzt und was Sie Neues hinzu gethan haben. Ich werde Ihnen seiner Zeit mittheilen, wie mir das „Ragout“ gemundet hat, was Ihnen freilich keinen Eindruck machen wird, da mein Urteil u. meine Kritik Null sind. Auch meine „theologische Rede“ scheint Sie durchaus nicht bekehrt zu haben, was ich allerdings auch nicht voraussetzte oder erwartete. Wenn aber Ihr „dunkles unchristliches Innere“ nicht schwärzer ist als der kleine unbedeutende Tintenklex, so wäre allerdings noch große Hoffnung vorhanden Sie zu bekehren. Nur bilde ich mir gewiß nicht ein, daß ich dies zu Stande bringen könnte. Mit Ihrer Ansicht über Selbstmörder gebe ich mich aber noch lange nicht zufrieden u. werde dieselbe nie theilen können. Wenn Sie glauben daß die meisten von ihnen nur mit Beten u. Seufzen aus dieser Welt geschieden sind, so mag dies wörtlich richtig sein, aber die Seele hat von diesem Beten nichts gewußt. Glauben Sie denn wirklich, daß die arme Regine, die doch ganz schuldlos war nicht Hülfe gefunden hätte bei dem treuen barmherzigen Gott, wenn sie in der That gebetet u. mit Gott gerungen hätte? Können Sie glauben, daß eine so arme, verzweifelte Seele ohne Trost gelassen würde? Die Hülfe u. Rettung wären sicher nicht ausgeblieben, weshalb es auch unwahr ist, daß sie sich das Leben nehmen mußte. In Ihrer Dichtung mußte dies großartig angelegte edle Wesen sterben, wozu ich freilich auch keinen triftigen Grund einsehen kann. In Amerika wußte niemand etwas von ihren Familienverhältnissen und niemand würde darnach gefragt haben. Und was die innere u. äußere Bildung betrifft, so habe ich Dienstmädchen gekannt u. kenne deren noch, die besser an die Stelle der gnädigen Fräuleins passen würden, wenn ein solcher Wechsel für sie möglich wäre. Nein, mein theurer Freund, in dieser Beziehung bleibe auch ich unbekehrt u. möchte mich nimmer zu solchem Ausspruch bekehren: „wenn es mit dem Menschen so weit ist, so ist es eben so weit“. Das wäre freilich bequem u. würde alles weitere Nachdenken überflüssig machen. Ehrenwerther und tapferer ist es auszuharren u. treu zu bleiben, bis die erlösende Stunde schlägt. Wenn wir aber auch in dieser Lebensfrage verschiedener Ansicht sind, so wird das unserer Freundschaft keinen Eintrag thun u. noch weniger werden Sie mir deshalb zürnen. Aufrichtigkeit gehört zur wahren Freundschaft, u. Sie werden auch wissen welche warme Verehrerin Sie an mir haben.

Und nun Gott befohlen, theurer Freund! Schwester Ida schreibt Ihnen selbst einige Zeilen; u. so schließe ich denn mit den treusten Wünschen für Ihr Wohlergehen u. mit dem sehr egoistischen Wunsche, daß im Jahre 1883 die Muse recht oft bei Ihnen einkehren u. Sie zu neuen Dichtungen begeistern möchte. Es ist mir immer ein wahrer Genuß u. eine Herzensfreude ein Werk von Ihnen zur Hand zu nehmen u. mich in dasselbe zu vertiefen. Sie werden aber auch denken, daß ich ein unverschämter Nimmersatt bin, was ich gern eingestehen will. Deshalb aber doch immer in unveränderter

Freundschaft bleibe
Ihre
alte
Maria Melos.

  
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