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Keller an L. Duncker - 23.07.1858

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Lina Duncker - 23.07.1858


Geehrte Frau Dunker

ich habe heut mit Ueberraschung Ihren Brief vorgefunden und beeile mich, Ihnen zu berichten, daß ich zu Hause bin und noch in der alten Wohnung sitze, 156 an der Gemeindegasse in Hottingen, etwa 10 Minuten vom Mittelpunkte der Stadt. Wenn Sie auf meinen Namen nicht Bescheid erhalten, so fragen Sie nach dem Hause des Professor Frei, denn die Hausnummern sind nicht gut zu übersehen, da die Häuser in kleinen Gärtchen stehen. Indessen ist es das Bequemste, Sie zeigen mir durch einen Lohnbedienten oder durch die Stadtpost Ihre Ankunft und den Gasthof an, so werde ich Sie unverweilt aufsuchen.

Ich habe Ihnen nicht mehr geschrieben, weil Sie mir die Antwort auf meinen letzten Brief schuldig geblieben sind. Da die Erinnerung an Berlin, wo ich ein ziemlich anregungs- u freudeleeres Leben geführt habe, angefangen hat, bei mir zu verblassen, so werde ich auch weniger an meine Korrespondentenpflicht gemahnt, als früher. Doch versäume ich auch solche, welche mir noch am Herzen liegen, wie ich denn z. B. Heidel, an den ich noch am meisten denke, erst einen Brief geschrieben habe.

Meine Wortbrüchigkeit wegen meiner Novellen macht mir nicht viel zu schaffen. Ich weiß, daß durch dieselbe niemand zu Schaden kommt und kenne mich überdies selbst, was mir genügt. Wer in wichtigeren Dingen noch ehrlich und naiv zu sein vermag, darf sich in dergleichen Schnurrpfeifereien schon noch etwas erlauben. Man muß sich nur nicht darauf etwas zu gut thun.

Die Novellen sind hauptsächlich stecken geblieben, weil sie dem Plane nach ausschließlich aus Liebesgeschichtchen bestehen und mir die leichte Stimmung für dergleichen einstweilen abhanden gekommen ist, während ich durch mein hiesiges Leben für festere und löblichere Dinge angeregt wurde.

Die Schweiz werden Sie schwerlich im besseren Sinne kennen lernen. Dazu gehört ein vernünftiges Mitleben an geeignetem Platze, wie es z. B. die Stahr’s vor 2 Jahren gemacht haben. Die tolle hastige Touristenjagd auf der Heerstraße über die Berge, dieser schnatternde wilde Entenzug ohne Behagen und ohne Ruh, erregt bei den Festgesessenen, während man sich den Geldgewinn gefallen läßt, nur Gelächter. Denn man sieht es dem ganzen Haufen am Gesichte an, daß er das Land lediglich nach dem guten oder schlechten Wetter, nach den Gasthofrechnungen, nach den Kellnern und Schuhputzern, kurz nach Dingen beurtheilt, welche sich überall gleich bleiben. Ihre Kossaks und Wachenhusen sind hierin die mustergültigen Vorbilder.

Ich bin von zwei bis vier Uhr Nachmittags meistens in der Stadt, die übrige Zeit hingegen, mit Ausnahme des späteren Abends, zu Hause und gewärtige also mit Vergnügen, Sie und Herrn Dunker wieder zu sehen.

Achtungsvoll Ihr ergebenster
Gotfr. Keller
Zürich d. 23 Juni 1858.

  
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