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Keller an Hettner - 23.10.1850

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 23.10.1850


Ich habe die verlangten Schriften bei keinem Antiquare gefunden, sende Ihnen dagegen fünf Hefte der Rötscherschen Jahrbücher, welche ich früher für einige Groschen aufgetrieben und längst durchgelesen habe. Wenn ich einmal nach Heidelberg komme, will ich sie gelegentlich wieder mitnehmen, wenn ich inzwischen mir nicht das ganze Werk anschaffe, wozu ich große Lust habe, da wir jedenfalls in einer bedeutenden Entwicklungsperiode leben, auf welche wir später einmal, wenn wir an Leben und Gedeihen bleiben, vielleicht gern zurückschauen. Nach dem was sie mir über Hebbel schreiben, machen einige Arbeiten von ihm in diesen Heften, besonders die im 4ten, einen wahrhaft traurigen Eindruck auf mich, welcher weit entfernt von allem schadenfrohen Spotte ist. Diese Grübeleien, dieses müssige Herausfordern und souveraine Behaupten von Dingen, welche Niemand bestreiten wird, sehen aus wie ein gewaltsames Heraufbeschwören seines jetzigen Zustandes. Ich habe letzthin den Dingelstedt in meinem Herzen verhöhnt, als er bei Anlaß Lenaus in der A. A. Wort haben wollte, es seien noch mehrere Zeitgenossen dem Wahnsinne verfallen und hielt es für gewöhnliche Affektation, welche à tout prix intressant sein will, selbst um den Preis der Verrücktheit. Aber es ist doch etwas Wahres daran und bald entschlüpft einem der Ausruf: sauve qui peut!

Auf ihren Aufsatz über das franz. Theat. bin ich sehr begierig; hoffentlich wird er nicht so lange liegen bleiben, als es sonst oft der Fall ist.

Wenn Sie in Ihrer Schrift über das moderne Drama die Shakespearomanie besprechen, so werden Sie, wie ich denke, darauf aufmerksam machen, daß diese mehr an Aeußerlichkeiten hängt und werden dann darauf hinweisen, daß es mehr darauf ankomme, den Kern, die höchsten Aufgaben, welche Sh. sich stellte und welche er wiederholt mit Wohlgefallen zu lösen schien, mit ähnlichen Lieblingsaufgaben anderer Zeiten und Dichter zu vergleichen. Es gibt in Shakesp. gewisse einzelne gewaltige Scenen, welche von aller Zeitkultur und ihrem Anhängsel entkleidet, nackt und erhaben an uns herantreten und zu uns sagen: Wir sind die wahren Proben von seinem Herzblute, uns müßt ihr fassen und mit unsern Geschwistern im Sophokles, im Calderon, im Corneille, im Schiller vergleichen, wenn ihr den wahren Maßstab finden wollt. Es handelt sich nicht so wohl um Oekonomie und Szenerie, um Sprache und Bilder, um Charaktere und Sitten, um Religion und Politik, dieses sind alles vergängliche Dinge (d. h. in Beziehung auf diese spezielle Vergleichung) – als um diese majestätisch hervortretenden einzelnen furchtbaren Situationen, für welche die Dichter Alles Andere nur gemacht zu haben scheinen und an welchen einzig man erkennen kann, wie sie sich von einander unterscheiden würden, auch wenn alle zusammen leben würden. Eine Szene dieser Art bei Shakespeare ist für mich z. B. die 2te des 1ten Aufzuges im Richard III und er hat sie wiederholt in der 4t. Szene des 4t. Aufzuges.

Ferner die Situationen in Lear u. ander mehr. Man muß, um beurtheilen zu können, was ein solcher Klassiker für wirklich schön hielt, auf diejenigen Züge merken, mit welchen er gern zu kokettiren scheint. Bei Shakesp. ist ein solcher wiederholt das Reflektiren über einem Gegenstande, einem Atribute, einem Möbel u. s. f. u das endliche Wegwerfen desselben. So Hamlet mit Yoriks Schädel und Richard d. Zweite mit dem Spiegel IV.1. Dieses sind die wahren genialen Züge, welche man ablauschen muß, und nicht die Willkürlichkeit und Zufälligkeit in Behandlung und Zeitwitz. In den äußerlichen Dingen, welche ich oben angeführt habe, wozu noch manche kritische Streitfragen kommen mögen, muß der Dichter sich allerdings der theoretischen u praktischen Bildung seiner Zeit unterwerfen und sich mit ihrem Bedürfnisse fortentwickeln. Will er aber auf die Sterne der Vergangenheit zurückschauen und sich an ihnen stärken und Raths erholen, so muß er sich an diese stofflichen Lichtblicke halten und zu ergründen suchen, was sie mit Vorliebe für schön und imposant gehalten haben. Nur eine Vergleichung in diesem Sinne wird wirklich fruchtbar sein.

Es versteht sich von selbst, daß ich mit dieser langathmigen Bemerkung nicht etwa dem freien Prozesse der Kritik und der nothwendigen Entwicklung des Geschmackes zu nahe treten, sondern Sie nur speziell hier in der Bekämpfung der Manie unterstützen möchte. Und wie sehr diese immer herrlich an ihrem Ziele vorbei schießt, sehen wir an den Romantikern, welche nur das Willkürliche und Witzige an Shakesp. gepackt haben und andrerseits an Gervinus, welcher nur von seiner tiefen Philosophie und männlichen Weisheit zu sagen weiß. Jene lassen sich nachahmen, diese können auch bei jedem andern ausgezeichneten Menschen vorhanden sein. Von den spezifisch poetischen Urkräften aber, von der eigensten wunderbaren Erfindung dramatischer Situationen und Verläufe, mit denen Sh., entblößt von jedem Zeitgewande, mit seinen olympischen Brüdern konkurirt, davon hören wir nur wenig sagen; es versteht sich ja von selbst, wie Gervinus sagt, daß in Sh. „poetische Schönheiten“ so beiläufig zu finden seien.

Kommen die Leute einmal dazu, die wahren Mittel zu erkennen, durch welche die großen Dichter wirkten (wenigstens diejenigen, welche nicht zu sehr durch die Grübelei einer kritischen Uebergangszeit zersetzt waren) so werden sie auf größere Einfachheit und Klarheit geführt werden und damit das Intriguenwesen von selbst fallen und alle andern Mittel werden in bequemster Auswahl nur zu Erreichung jenes Einen Zweckes angewandt werden.

Es kommt im Theater lediglich darauf an, daß man komisch oder tragisch erschüttert werde und dies geschieht weit mehr, als durch Ueberraschungen und künstliche Verwicklungen, durch die vollständige Uebersicht des Zuschauers über die Verhältnisse und Personen. Er sieht mit dem Dichter, wie Alles kommt und kommen muß, er wird dadurch zu einem göttlichen Genusse, zu einer Art Vorsehung erhoben, daß er vollkommen klar die ergreifenden Gegensätze einer Situation durchschaut, welche den betheiligten Personen selbst noch verborgen sind, oder welche zu beachten sie im Drange der Handlung keine Zeit haben. Es sind dieses die edelsten u reinsten, die einzig dramatischen Erschütterungen, welche stufenweise vorher schon empfunden u vorausgesehen worden sind und wer nach ihnen trachtet, wird unfehlbar auf der Bahn innerer Nothwendigkeit wandeln. Damit aber so Viele als immer möglich, damit das ganze Volk auf diesen hohen Standpunkt, zu diesem wahren Genusse gebracht werden könne, ist auch von selbst die größtmögliche Einfachheit, Ruhe und Klarheit bedungen, welche zur Klassizität führt und wieder führen wird, wenn die Herrschaften einmal wieder für einfache und starke Empfindungen empfänglich sind.

Ich will jedoch nicht bestreiten, daß auch die geschickte und lebenvolle Darstellung eines munteren Stück Lebens od. Geschichte mit allen seinen Abenteuern u Verwicklungen ihre Berechtigung haben könne; der letzte und höchste Genuß wird indessen immer jener bewußte sein.

Doch werden Sie ohne Zweifel glauben, daß ich mich sehr gern schreiben und salbadern sehe, was indessen nicht der Fall ist. Ich reite mich nur hinein wider Willen indem ich Ihnen irgend eine Erfahrung, welche ich gemacht zu haben glaube, mittheilen möchte und, bei dem Mangel an dialektischer Geschultheit gerathe ich in Wiederholungen und sogar Widersprüche hinein. Desnahen merken Sie sich nur das, was Ihnen etwa plausibel scheint und von dem Uebrigen nehmen Sie an, daß ich es vielleicht den andern Tag selbst widerrufe. Für meinen Privatgebrauch bin ich ganz klar; meine Erfahrungen und Ueberzeugungen bilden sich schnell und leicht und gehen sogleich in das Blut über und sind schneller praktisch angewendet, als kritisch mitgetheilt.

Dr. Bachmayr hat mich mit ihren Grüßen sowohl, als mit seiner eigenen Person erfreut. Er hat mir einige Szenen aus einem Trauerspiel Alphonso und von seinem Hauptstücke den ersten Akt vorgelesen. Da er die Manuskripte für seine Zwecke bei den Notabeln zirkuliren lassen muß, so konnte ich noch keine Einsicht in das Stück gewinnen und es mangelt mir aller u jeder Begriff davon, obgleich ich sehr neugierig bin, da sich hier auch Rötscher stark dafür intressirt, wie Bachmayr sagt.

Ueber seine Auspizien wird er ihnen selbst berichten. Auf jeden Fall ist er nach dem, was ich bis jetzt weiß, ein bedeutendes Talent, wenn er auch nicht diejenige Ruhe und Unbefangenheit besitzt, welche ich an poetischen Talenten zu treffen wünsche. Doch mögen dies mehr Folgen lange erduldeter Hindernisse und Chikanen, als persönliche Eigenschaften sein, und der endliche Triumph wird ihm in mehr als einer Beziehung auf den Strumpf helfen. Wir kneipen viel mit einander herum und ich habe dabei den Vortheil, die nöthigen Umtriebe für die Aufführung eines Stückes vorläufig zu studiren.

Von meinem Roman wird leider nur der erste Band nächstens versendet werden können, welcher allein fast so stark ist, als das ganze ursprünglich war. Vieweg dringt aber darauf, daß bald etwas versendet werden müsse wegen seiner merkantilischen Intressen. Das Trauerspiel kann ich leicht fertig machen, so bald ich will; ich weiß aber nicht, ob es nicht zu einfach und zu wenig geräuschvoll ist für ein erstes Auftreten. Ich habe perfider Weise fast Lust, ein Stück expres für Berlin zu berechnen, um den Anfang zu machen, u dabei alle einflußreichen Personen im Auge zu behalten. Fr. Lewald werde ich dieser Tage aufsuchen; ich habe wirklich das Bedürfniß unter die Leute zu kommen. Ich wollte Ihnen nur einige Zeilen schreiben und habe nun über diesem Geschwätz doch vergessen, was ich seit dem letzten Briefe an sie~ schreiben wollte. Ich danke Ihnen Namens der jungen Kunst für das lebendige Intresse, das sie~ an ihr nehmen und grüße ergebenst Frau Hettner nebst Töchterlein und wer mir sonst nachfragt.

Ihr G. Keller.

Berlin 23 / 10 1850.

  
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