Title:

Assing an Keller - 23.09.1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 23.09.1857


Berlin, den 23. September 1857.

Eben habe ich wieder Ihren letzten mir so willkommenen Brief durchgelesen, und mich nochmals an allem Guten und Schönen darin erfreut. Ich danke Ihnen recht herzlich dafür! Daß dieser Winter Sie uns bringen soll ist das Beste von allem! Wir beide sehen Ihrem Kommen mit Ungeduld entgegen; nur können und wollen wir es uns gar nicht denken daß Sie wirklich nur acht Tage für das arme Berlin haben sollten. Ich habe die Zahl in Ihrem Brief immer wieder angesehen, aber sie bleibt eine Acht! Nun, wie es sei, jedenfalls ist es schön Sie wiederzusehen!

Ihr Urtheil über Stahr ist sehr streng, aber ich muß es doch gerecht finden. Es sind entschieden seine persönlichen Verhältnisse, welche seinen kritischen Blick trüben. Das bittre Unrecht, welches er der edlen Gräfin zufügt, hat auch mir leid gethan. Die Freundin der Gräfin in Düsseldorf, Madame Elisabeth Grube hat in der „Düsseldorfer Zeitung“ einen langen Artikel als Entgegnung auf die Stahr’sche Kritik erscheinen lassen, welcher in den Hauptsachen die Gräfin recht gut vertheidigt. Eine Stelle aus einem Briefe Elisens an Mad. Grube, gleich nach dem Tode Immermann’s, welche darin mitgetheilt ist, hat mich vor allem interessirt; die Worte lauten: „Ach, lassen Sie mich wissen, wo der Verklärte ruht – meine Gedanken sind beständig auf dem Friedhofe, wo ich so oft unter den heitersten Gesprächen mit ihm mich erging, stets Gottes Huld preisend, daß kein nahes, geliebtes Haupt mir dort ruhe. Damals sprach er es oft aus: „wer zuerst heimgeht, der läßt das Gewölbe so groß mauern, daß der Andere noch Platz findet.““ – Wie ich dies las, da fielen mir wieder recht lebhaft Ihre schönen Worte ein, daß Elisens ganzes Leben wie von einem großen, melancholischen Dichter erdacht sei, denn wie poetisch und verhängnißvoll ist auch dies: daß die Freunde in Düsseldorf nun doch das Gewölbe so groß machen ließen, damit – nicht Elisa – wohl aber seine junge Frau einst neben ihm Platz finden sollte, und daß nun doch die Stelle ewig leer, und des Dichters Grab ewig einsam bleibt, weil seine Frau durch ihre zweite Heirath ihm nicht mehr angehört! – Alles was Sie mir über mein Buch sagen, ist mir so wohlthuend, so angenehm, daß ich es Ihnen gar nicht beschreiben kann, und wenn ich Sie nun damit ermüden sollte, daß auch ich Ihnen so viel davon spreche, so haben Sie sich dies selbst zuzuschreiben. Mir ist von den verschiedensten Seiten so viel freundliche Anerkennung zu Theil geworden, wie ich sie nie erwartet hätte; aber auch einiger Tadel läßt sich vernehmen; trifft dieser nur mich wie der in den „Grenzboten“, so mache ich mir gar wenig daraus, aber wenn man die Gräfin verkennt, das kränkt mich. Mir scheint es, als wenn jetzt ein kühler Luftzug geringer Moral in unserer Literatur herrschte, die das Höhere nicht begreift. Die Leute gehen so weit in ihrer beschränkten Tugend daß sie ein ideales Verhältniß, wie dasjenige der Gräfin zu Immermann mißbilligen, nicht aus Gemeinheit, sondern wie sie behaupten, aus lauter Tugend. So führt die Übertreibung zum Unsinn! – Sie verstehen alles, weil Sie ein Dichter sind, und ich möchte mich oft eigens bei Ihnen bedanken daß Sie zu meiner Freude so sind wie – Sie sind! – Ich freue mich auch recht auf Ihre Novellen; ich weiß daß alles was Sie schreiben ein Stück Ihres Lebens ist, ganz abgesehen davon ob Sie es selbst erlebt haben oder nicht. Ich wundere mich oft beinahe wenn so ein Buch von Ihnen ganz still neben mir liegt, denn es kommt mir so sehr wie pulsirendes Leben vor, daß ich weniger erstaunt sein würde wenn ich es athmen hörte oder seine Wärme fühlte. – Von mir aber müssen Sie nicht glauben, daß ich „mit vollen Segeln in das Meer der Öffentlichkeit hinaus steuern“ wolle; Sie wissen doch hoffentlich daß ich nicht zu jenen Frauen gehöre, die aus Eitelkeit und Müssiggang, in Ermangelung von etwas Besserem nach Ruhm verlangen? Die Lithographie von dem Portrait meines Onkels erschien ganz ohne meine Absicht in der Öffentlichkeit kurz ehe meine Biographie fertig war, ein junger Bekannter von uns, ein angehender Architekt, bat mich zuerst nur, ob ich ihm das Bild leihen wolle, damit er es auf Stein zeichnen und an einige seiner Freunde vertheilen könne; erst später verfiel seine Mutter darauf, es einer Kunsthandlung zu geben. Das kam also ganz zufällig. Für’s erste wird auch wohl noch nichts wieder von mir gedruckt werden. Was später geschieht, weiß ich nicht. Wahr ist es, daß die literarische Thätigkeit einen großen Reiz ausübt; wenn man von seinem Gegenstand recht ergriffen ist, lebt man ein doppeltes Leben, man lebt in zwei Welten zu gleicher Zeit, und das ist ein innerer Reichthum, der einen ganz glücklich machen kann. Einstweilen lese ich sehr viel ältere Literatur, und habe mich so in das vorige Jahrhundert hineingearbeitet, daß ich mich in Acht nehmen muß meine Briefe nicht 1757 anstatt 1857 zu datiren.

Der Herbst ist so schön als Sie ihn uns gewünscht haben, und der Onkel, der Sie herzlichst grüßt, so herrlich wohl und frisch wie möglich. Ich war sieben Tage bei Hamburg auf dem Lande bei meinigen dortigen Verwandten, wohin er mir sieben Briefe schrieb. Lange mag ich auch nicht von ihm fort sein!

Über die Versammlung der evangelischen Christen in Berlin haben Sie wohl die Berichte gelesen? Wer hätte wohl vorher gedacht daß den Hauptgegenstand der frommen Verhandlungen ein Kuß bilden würde, der Kuß, welchen Herr Merle d’Aubigné Herrn Bunsen, oder wie Herr Merle d’Aubigné später zu seiner Entschuldigung versicherte, Herr Bunsen ihm gegeben! Die Untersuchungen, ob Herr Merle d’Aubigné selbst geküßt habe, oder nur geküßt worden sei, ob Herr Bunsen der personifizirte Unglaube wäre, oder doch vielleicht am Ende noch ein Christ sein könne, waren unendlich komisch und bildeten hier eine Weile das Tagesgespräch. – Etwas Gescheutes zu Stande gebracht, haben die frommen Herren durchaus nicht, aber der König hat sich gewiß amüsirt als die ganze geistliche Schaar zu Potsdam vor ihm die Revue passirte.

Jetzt ist der ehemals so berühmte französische Sänger Düprez hier, der sich, seit er nicht mehr singt auf Composition gelegt hat, und Proben seines musikalischen Drama’s „Samson“, Text von Alexander Dumas, für das hiesige Publikum von Hauptner in’s Deutsche übersetzt, hier zur Aufführung bringen will, weil er, wie er sagt, in Berlin besonderen Sinn für ernste Musik voraussetzt. Der Marquis von Cüstine hat dem Onkel Düprez empfohlen; er ist ein muntrer, lebhafter, kluger Franzose von ungefähr fünfzig Jahren. Obgleich er öffentlich nicht mehr singt, machte er uns doch in einer kleinen Abendgesellschaft bei Frl. Folnar die Freude einiges vorzutragen. Er muß außerordentlich gewesen sein, denn noch jetzt ersetzt er durch Leidenschaft und Genie die hie und da fehlende Stimme. Als man sein schönes Feuer lobte, sagte er: „J'ai toujours chanté avec ce feu, depuis ma dixhuitième année; avec ce feu, j'ai éteint ma voix mais le feu est resté!“ – Diese Worte hatten etwas Rührendes! Ich wollte nur, daß ihm seine Aufführung hier gelänge.

Die jungen Bülow’s sind vermuthlich noch in Zürich; wir waren hier zu ihrer Hochzeit eingeladen, zu der auch Liszt auf einen Tag nach Berlin kam, um die ihm gewiß sehr ungewohnte Rolle eines Brautvaters zu spielen. Die Trauung war in der katholischen Kirche. Ich wünschte Ihnen beiden viel Glück auf der unsichern Lebensfahrt. Das musikalische Talent haben sie beide; Cosima spielt meiner Empfindung nach, noch schöner als Herr von Bülow. Cosima ist frisch und liebenswürdig; ich wollte sie hätte die Freude gehabt Sie kennen zu lernen.

Duncker’s haben wir noch nicht wiedergesehen; ich vermuthe, sie sind noch nicht von der Reise zurückgekehrt.

Nun leben Sie wohl, und wundern Sie sich nicht zu sehr daß dieser Brief wieder so lang geworden ist. Ich grüße das schöne, zauberische Zürich, und alle, die unserer noch darin freundlich gedenken, vor allem Sie selbst! Bleiben Sie ferner gut Ihrer Ihnen herzlich ergebenen

Ludmilla.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum