Title:

Keller an L. Duncker - 24.02.1876

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Lina Duncker - 24.02.1876


Zürich 24 Febr 1876.

Verehrte Frau Dunker!

Ich komme so eben auf mein Bureau u finde unter den Briefen auch den Ihrigen am frühen Morgen um 9 Uhr. Ich bin ganz gerührt davon u, rauche aber dessen ungeachtet meine Cigarre fertig u nehme statt der Amtsgeschäfte diese Antwort vor.

1. Herrn Dunker’s Brief liegt noch immer mit 3 oder 4 andern dringlichen Privatbriefen auf dem Etat der dringenden Sachen bei mir, die behandelt sein wollen u es nicht werden. Für jetzt nur so viel, daß es mir nie entfernt in den Sinn kommt, mich unordentlich in dieser Sache zu betragen; Sie werden ein hübsches u neuartiges Werklein bekommen, wenn Sie es durchaus wollen. Zu einer Geldauseinandersetzung im Falle des Fallenlassens war ich schon vor 10 Jahren bereit oder länger, habe aber hierauf keine Antwort erhalten. Um Ihnen nun die Zutraulichkeit zum guten Ende wieder etwas aufzukratzen, theile ich Ihnen mit, daß ich mit Ende Juni meine Amtsstelle aufgebe, um sofort mit neuen Kräften das pure Schriftstellerthum mit mehr Vernunft und Geschick wieder aufzunehmen, als ich es zu Weihnachten 1855 verlassen habe. Es kann freilich nicht jeder so 20 Jahre im Vorbeigehn aus der Tasche verlieren; ich aber bin in dieser Beziehung ein Herr u meine Mittel erlauben mir das. Man bekommt zwar bei dieser Methode keine Frau; aber die späte Entdeckung, daß es doch viel vergnüglicher u besser sei, ist auch kein schlechter Tubak.

Das neue Arrangement wegen des „Verlagsartikels“ denke ich mir so, daß vom Honorar die Verzinsung der erhaltenen 250 Thaler abgezogen wird, womit dasselbe mindestens in Rauch aufgeht. Damit ich aber doch noch etwas für Tinte u Papier bekomme, müßte mir erlaubt sein, von den Novellen so viel vorher in eine Zeitschrift zu thun, daß noch ein par hundert Thaler herauskämen. Item es wird sich schon machen lassen.

Demnächst kommen von mir „Züricher Novellen“ in der deutschen Rundschau, die aber mit Ihrem Buche nichts zu schaffen haben. Ich bin dann mit den schweizerischen Lokalsachen fertig u betrete mit den Dunkernovellen das freie allgemeine Weltreich der Poesie. Bumm!

2. Wegen des Portaits hatte ich vor, Herrn Michels, der sich deshalb an mich gewendet, dieser Tage zu schreiben. Ich muß nämlich eine Photographie machen lassen, da ich keine habe, als eine, wo ich ganz blöd dreinschaue, u eine andere, wo ich zu frech u affektirt aussehe, aus Schuld des Photographen. Inzwischen aber liegt mir die Sache nicht ganz recht. Ich habe nämlich dem Paul Lindau eine kleine Selbstbiographie für die „Gegenwart“ versprochen u gedenke, dieselbe unversehens in nächster Zeit zu liefern, nicht aus Eitelkeit, sondern um einige Malicen anbringen zu können oder sogenannte Wahrheiten. Herr Michels schreibt mir nun, daß es sich im Sonntagsblatt um eine „Lebensskizze“ von einem Universitätslehrer handle. Ich kann mir nicht denken, wer das machen kann; immerhin ist es möglich, daß wenn beide Gesänge gleichzeitig ertönten, dieselben nicht sehr harmoniren würden u das Opus des Universitätslehrers von dem meinigen desavouirt würde. Hierüber wünschte ich Aufschluß zu erhalten. Vielleicht könnt Ihr die Sache auch fallen lassen, da ohnehin meine denkwürdigen Personalia erst durch die neue Aera nach dem 30 Juni 1876 ihre Vollständigkeit erhalten werden.

3. Frese ist in Zürich u läuft da herum. Ich u andere verkehren aber nicht mehr mit ihm, ich grüße ihn nicht einmal. Es hat sich nämlich gleich nach Ihrer Abreise im Jahr 1874, (Sie erinnern sich vielleicht, daß man über die Sache scherzte) herausgestellt, daß er doch mit königl. alt hanöver’schen Geldern manipulirte, von den Stuttgarter Demokraten vor die Thür gesetzt worden ist, u daß die Zürcher Demokraten, ohne daß ich es wußte, das gleiche gethan hatten, weil er sie veranlaßt hatte, von solchem Gelde Gebrauch zu machen, ohne daß sie die Herkunft kannten. Er hat mich auch nicht gefragt, warum ich abgebrochen; denn er weiß es wahrscheinlich schon u ist das gewöhnt. Ich bin übrigens nicht ganz unbefangen, weil er mich persönlich vorher geärgert hatte. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, damit ich das Vergnügen haben kann, noch ein bischen länger an Sie zu schreiben u meine langweilige Arbeit zu schwänzen.

Ich hatte also Frese oder Fresen, wie Varnhagen sagen würde (Rahel’n) nie mit einem Worte beleidigt u gar nichts mit ihm verbrochen, als ich vor einigen Jahren über eine Brücke in Zürich ging. Da gehen zwei Herren hinter mir her, der Eine scheint dem Andern mich zu zeigen, denn dieser läuft einige Schritte vor, an mir vorbei, wendet sich um, sieht mir in’s Gesicht u läuft wieder zurück, genau wie ein Gassenjunge, der einem Türken nachläuft u denselben begafft. Das war Frese! (ohne etwas zu sagen oder zu grüßen nämlich) Die Sache fiel mir auf, ich wußte aber im Augenblicke nicht, was draus machen, da ich ihn nicht erkannte. Gleich darauf gehen beide Herren an mir vorüber, so daß ich ihnen nun im Rücken war. Der andere war Professor Gustav Vogt, der Bruder von Karl Vogt, der mich nun grüßte. Ich ging auf’s Museum in’s Lesezimmer u fand dort ganz frisch den Herrn Dr. Julius Frese von Gustav Vogt eingeschrieben u erkannte ihn nachträglich nun plötzlich. Ich sah ihn nun öfters in dem Lesezimmer, ohne daß er mich zu sehen schien, von Besuchen natürlich keine Rede. Endlich richtete er ein par Worte an mich u da ich ihn schließlich doch in Wirthshäusern in Gesellschaft Bekannter traf, stellte sich der Verkehr her, ohne daß ich von der seltsamen Wiedersehenssce[e]ne mit dem tückischen Kerl weiter Aufhebens machte. Aber ein tückisches u unheimliches Luder ist er. Eben jener Gustav Vogt hat ihm seither das Haus verboten.

Im Uebrigen spielt er sich hier als Republikaner auf u belehrt zum Beispiel die hiesigen Leute über die Republik, indem er im Wunschbuche des Museums periodisch auf Abschaffung dieses oder jenes Blattes anträgt, dessen fernere Auflage in der Republik sich nicht gezieme. Aber auch andere Gründe bewegen ihn zu solchen Thathandlungen. In Stuttgart hat er mit dem Organ der Volkspartei, dem Beobachter des Karl Mayer, Händel gehabt. Kaum in Zürich angekommen, trägt er in jenem Desiderienbuche auf Abschaffung des Beobachters an!

Karl Mayer in Stuttgart hatte ihm das Haus verboten, was ihm hie u da zu begegnen scheint; in Zürich darauf hängt er sich an dessen Sohn, der da studirt, u geht diesem nicht von der Seite.

Alle diese Lumpereien fielen mir auf einmal auf den Hals u ich ärgerte mich höllisch, daß ich mich von einem solchen Windbeutel so schnöde hatte behandeln lassen.

Nun lassen Sie sich die Suppe nicht verderben durch diesen Klatsch, der mir einiges Vergnügen macht, wenn er Sie auch ärgert. Hoffentlich heulen Sie ein Bischen darüber! Das wäre mir eine Wonne, wenn ich es nur sehen könnte! Ich merke wohl, daß nur die Angst um Ihren verschollenen Liebling Sie hat schreiben lassen. Nun, er ist ja da u lebt noch! Einen andern alten Hauskater von Ihnen sah ich im Herbst, den wackern Palleske, der hier war. In meiner Stube steht ein herrliches Eichenbüffet mit Imitationen von alten Metallschüsseln u unächten Majolikas. Da sagte er: Gehört das Spinde Ihnen? ganz verwundert u ungläubig. Meine alte Schwester begrüßte er flüsternd als Esther’chen aus dem Pankraz dem Schmoller, was sie gar nicht verstand, u dergleichen Teufeleien mehr.

Herrn Dunker werde ich geschäftsmäßig schreiben, sobald es etwas nützt d. h. in den nächsten Monaten. Inzwischen bitte ich Ihn bestens zu grüßen u ebenso die artige Fräulein Tochter, die Sie bei sich hatten vor zwei Jahren.

Ihr ergebenster
G. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum