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Keller an Hettner - 24.10.1850

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 24.10.1850


Berlin 24t. / 10 / 50

Ich wollte gestern das Paket auf die Post tragen, oder trug es auch wirklich hin, wurde aber abgewiesen wegen mangelnder Formalitäten (Preußen ist ein konstitutioneller Staat) und so blieb es über Nacht noch hier. Anstatt aber sogleich nach Hause zu gehen und zu arbeiten, schlenderte ich den ganzen übrigen Tag mit Bachmayr herum, von Kneipe zu Kneipe, das Päckchen unter dem Arme, und glich hierin jenen die freie Luft liebenden Frauenbildern, welche, ihre zahlreichen Spaziergänge zu beschönigen, etwa ein leeres Körbchen oder einen Krug an den Arm hängen. Wer mich so dahineilen sah mit dem Paket, Straßen durchkreuzend und über Gossen hüpfend, der konnte mich für den eifrigsten Geschäftsmann und das Paket für eine Sammlung der wichtigsten Urkunden halten; während – fünf verlegene und abgegriffene Rötschersche Jahrbücher darin waren! Prinz Heinrich suchte in Falstaffs Futteral eine Pistole und fand eine Sektflasche. Die Kellnerinnen in den verschiedenen Schenken glaubten durchgängig, es enthalte ein seidenes Kleid und betasteten es neugierig, was den Bachmayr so sehr beleidigte, daß er zu Repressalien schritt. Doch kamen wir endlich auf den Einfall, er könnte mir noch sein Drama vorlesen, was er dann in seiner Behausung mit solcher Energie that, daß die Wände zitterten. Vom Lesen bekam er Durst, ich vom Hören Hunger und wir sahen uns genöthigt, noch einen jener sauren Gänge zu thun und lasen dann hinter dem Schenketisch Ihren kritischen Brief.

Bachmayr hat sich Ihre Bemerkungen sehr zu Herzen genommen und ist außerordentlich aufgeregt, Sie zu widerlegen, da gerade das, was Sie als überflüssige Zuthat, als barberinische Eselsohren hinwegwünschen, ihm die Hauptsache und der eigentliche Brennpunkt des Stückes ist. Ich aber kann Ihnen beiden Recht geben, und zwar in dem Sinne, daß das Stück nach den von Ihnen vorgeschlagenen Abänderungen allerdings immer ein klares, regelrechtes und schönes Gedicht wäre, welches jede Kritik von vornherein abschneiden würde, daß aber doch diese Bedenken nur scheinbar sind und das Stück das Motiv des Gifttrankes nicht nur noch erträgt, sondern an ihm eine wesentliche Bereicherung besitzt und zwar eine solche, welche man nicht mehr missen mag, nachdem man sie einmal kennt. Vor Allem aus müssen wir bedenken, daß Bachmayr dieses Motiv in seiner Heimat wirklich vorfand und daß dort in den Dörfern der Glaube an solche Vergessenheitstränkchen, als im Besitz alter hexenhafter Weiber sich befindend, herrscht. An sich selbst also nimmt es billig seinen Platz in dem sogenannten Volksdrama ein. Nun will der Dichter weiter das Unzulängliche und das Verunglücken einer zwar humanen, aber nicht naturwüchsigen und oberflächlichen Cultur schildern, welche sich dem Volke aufdringen will ohne Kenntniß seiner tiefen edlen Leidenschaften und ohne Achtung vor seinen ursprünglichen Gemüthskräften. Dies wußte ich vorher aus B’s Erzählungen. Ich fand es daher ganz in der Ordnung, daß die Heldin, das zwar aufgeklärte und bildungsreiche Dorfmädchen, in dem Augenblick, wo ihr von der Seite der Aufklärung und Bildung tiefes Weh und Zerrissenheit bereitet wird, sich wieder auf die Seite, an das träumerische mystische Herz des Volkes wirft, wo ihre Liebe, ihre Jugend, ihre Seligkeit ist. Zudem gewinnt durch dieses Durchspielen alter Volksmystik durch die humane Bildung die ganze Figur einen Reiz mehr, nur hat er dies nicht genug vermittelt. Er will ihren Hang zum Wunderbaren und Mährchenhaften zwar genugsam angedeutet haben in der anfänglichen Lektüre der Grimm’schen Mährchen und in ihrem Namen Gertrud (Trude = Hexe, Norne u. s. f.) und er läßt sich nicht von der Unzulänglichkeit dieser Momente überzeugen.

Die tragische Schuld Gertrud’s ist dadurch noch nicht genug dargestellt, daß sie dem Stefan entsagt; weil es nicht allein und am wenigsten vielleicht aus Kindespflicht geschieht, sondern weil noch ein Moment hinzukommt, welches diese Entsagung eher zu einer Tugend macht: nämlich die schöne Erhebung durch das Innewerden ihrer Frauenwürde durch den Brief des Barons, durch die ganz neue Perspektive, welche sich ihr eröffnet in jenem wirklich schönen Monologe, nach Unterdrückung ihrer persönlichen Neigung, dem Baron in seinen schönen Bestrebungen für Volksveredlung eine treue und einflußreiche Helferin und ihrem Volke selbst ein guter Engel werden zu können. Dies ändert die ganze Sache auf einmal so, daß ihr Untergang nun eher verletzend erscheinen würde. Nun hat aber Bachmayr in dem Trank der Vergessenheit eine poetische Perle gefunden, um welche ich ihn vielleicht beneiden würde, wenn ich Gutzkow wäre. Nicht nur wird dadurch die Entwickelung aus dem Gebiete des rhetorischen Raisonnements und der modernen Konversation in eine höhere Region der poetischen Symbolik, der plastischen That gehoben, welche außerdem der sinnlichen Natur des Volkes trefflich entspricht: sondern erst durch dieses vorsetzliche, nach langen geistvollen Erwägungen folgende Trinken des Fläschchens wird die Sache zu einer konzentrirten That. Erst jetzt, durch dieses gewaltsame Handanlegen an ihre heiligsten Lebenserinnerungen, an ihre zarte und unverletzliche Liebe, wird die Schuld, die vorher noch zweifelhaft war, plötzlich festgestellt. Es ist ein wahrer, unheimlicher Mord, welcher nur den deutlichen körperlichen Tod zur Folge haben kann. Erst durch diese frevelhafte That wird auch der Wahnsinn anschaulicher und, abgesehen von dem wirkungsreichen Momente des Trinkens (denken Sie sich, daß sie mit Einem Zuge das Bild des Geliebten in ihrer Seele ertödten will!), gewinnt der Dichter den weitern Vortheil, daß er sie von ihrem Wahnsinne noch einmal erwachen lassen kann, und das auf eine ebenso rührende als originelle Weise, um sie dann nach klarer Erkennung wirklich sterben zu sehen. So wäre die Einheit der Idee gerettet und wir müssen nicht so wohl das Fabelhafte und Unwahre des Zaubermittels an sich im Auge halten, als den Gebrauch, welchen das Mädchen davon machen will. Wie gesagt, dürfte ihre ganze Erscheinung zu diesem Behufe etwas dämonischer gehalten sein; wenn wir jedoch annehmen, daß, je naiver und zarter die Heldin von Natur ist, um so wirkungsvoller ihre That ist, so möchte ich eher widerrufen. Freilich dürfte noch der Uebelstand bleiben, daß der Tod dann doch nur eine Folge abergläubischer Unwissenheit scheinen und somit die Aufklärungspartei, welche das Herz vergaß, recht behalten möchte. Es ist dies aber eine bloß äußere Sache. Sie hat einmal den Trank nehmen wollen und daß sie dadurch zugleich stirbt, ist nur eine größere Bequemlichkeit für den Dichter, welcher darin einen guten Schluß findet. Es ist auch versöhnender und wohlthuender, sie todt zu wissen, als sie wahnsinnig zu verlassen in der Ungewißheit, ob sie vielleicht je wieder zu Verstand komme u. s. f. Ferner hat der Dichter die Rechtfertigung: Da sie sich einmal auf solche Dinge einließ, mußte sie auf das Schrecklichste gefaßt sein und dasselbe verdienen. Sie sagt auch in dem Monologe: wenn es sie tödten sollte, so wollte sie den Trank nehmen; denn lieber sterben, als mit dem Bilde Stefans im Herzen in den Armen eines andern Mannes liegen! Es ist daher nur eine Schönheit weiter, daß sie, indem sie Vergessenheit sucht, den Tod findet. Wir dürfen ja nicht prosaisch die Achseln zucken und sagen: Das kommt vom Aberglauben! Da sieht man’s wieder einmal, welches Unheil er anrichtet; da hat das arme Ding ein Fläschchen Gift erwischt! Dramatisch ist es freilich nicht! – Sondern wir müssen die ganze Tiefe und Gewalt der Leidenschaft, den dämonischen Kampf im Auge behalten, in welchem das ursprüngliche Volkskind zu diesem Mittel griff.

In der Baroneß und dem Amtmann wollte Bachmayr den Gegensatz der oberflächlichen und seichten städtischen Bildung zu dem unverfälschten und starken Gemüthe des Volkes ausdrücken. Die Baroneß läßt sich durch das Verlassenwerden eines Geliebten nicht anfechten, und der Amtmann glaubt mit allerhand Kniffen und armseligen Ränken die Bauern beherrschen zu können, während die Dorfweiber über der unglücklichen Liebe zu Grunde gehen und die Bauern zu Leidenschaften aufgereizt werden, welche dem flachen Amtmann weit über den Kopf wachsen. Insofern ist die Episode vollkommen berechtigt; nur hätte ich mir beide Figuren nobler gewünscht, ohne daß sie an Oberflächlichkeit verlören und und habe es Bachmayr auch gesagt, worauf er jedoch nicht eingehen kann. Die Schauspieler können indessen Vieles verbessern.

Sie sagen in Ihrem Briefe an B., sein Stück sei nicht auf Aberglauben, sondern auf die klare, nach Bildung ringende Natur Gertruds gebaut. Vielmehr möchte ich sagen, ohne gerade jenes anzunehmen, daß dieses auch nicht der Fall sei, indem wir in der Wahnsinnsszene bemerken, daß das schnell eingepfropfte Vielwissen sie in ihrem Irrsinne mehrfach quält und beschäftigt. Wenigstens habe ich es so verstanden. Bachmayr hat zwar die Hauptintention gehabt, die heilige und unveräußerliche Selbstbestimmung der freien Person darzustellen und thut sich viel darauf zu Gute, als auf etwas Neues. Ich dagegen halte dieses Resultat bei weitem für nicht so neu, vielmehr für sehr alt und für den Gegenstand unzähliger Schauspiele und Romane: als mir die andere Seite des Stückes, die schlimmen Wirkungen erfahrungsloser Humanität (Baron) und der ehrgeizigen Halbbildung des Dorfreformators, die sich dem kernhaften Volke gewaltsam aufdringen wollen, ebenso neu als glücklich und auf männliche Weise durchgeführt scheinen. Für mich wenigstens liegt hierin die Hauptbedeutung des Stückes.

Für mich ist es nun ebenfalls außer Zweifel, daß Bachmayr mehr dramatisches Zeug in sich hat, als alle unsren jungen Dramatiker zusammengenommen. Doch kann ich nicht verhehlen, daß ich es für ein Glück halte, daß er bei dieser Gelegenheit aus dem allzu naiven und gemüthlichen Oestreich fortkam und, wie ich hoffe, eine Zeit lang in dem kritischen Norden leben wird. Denn es sind in seinem Stücke noch gar zu naive und phrasenhafte Stellen, welche man bei uns zu Lande nunmehr belächelt. Er wird eine festere und bedeutendere Sprache erwerben, welche seine Werke auch für den Druck zu wahren Kunstwerken macht.

Ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam, wie das Stück erst durch den Trank an eigentlicher Plastik gewinnt und wie schön u ergreifend die Situation ist, wo das Mädchen, aus seiner reinen unschuldigen Welt in die Tiefe und Finsterniß bestimmter unheilvoller That hinabgestoßen wird und wie neu und unheimlich diese That ist. Doch darum keine Feindschaft nicht. Wir werden deßwegen doch auf unserer Bahn der Reinigung und Vereinfachung fortschreiten.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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