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Johann Salomon Hegi an Gottfried Keller - 24.12.1884Genf d. 24. Dezmb. / 84. Theurer Freund! Fürchte nicht, daß ich ein „pecavi“ singen, u. dann recht gründlich Alles aufzählen werde, was meine scheinbare Faulheit u. Rücksichtslosigkeit entschuldigen könnte. Das aber wirst Du am Platz finden, dß. ich Dir kurz die Ursache erwähne, die mich bis heute verhinderte, Dir den Empfang Deines werthen opus „d. 7 Legenden“ anzuzeigen, u. meinen Dank dafür Dir auszusprechen.Ich glaube Dir schon den Tod v. Frdch. Zimmermann Landschaftsmaler v. Diessenhofen mitgetheilt zu haben, ob auch meine Ernennung als Testamentsvollstrecker, weiß ich nicht. Dieser Auftrag werde mich auf ein Paar Wochen in Anspruch nehmen, rechnete ich, allein da dauerte es bis Ende Novb. Dieser l. Freund hinterließ einige 40 Gemälde, über 500 Studien u c. 200 Aquarellen. Bis Alles aufgenommen, geschätzt dann numerirt u catalogisirt war, brauchte es schon ein Paar Wochen, dann gieng es an den Verkauf u. zum Schluß wurde noch eine Ausstellung veranstaltet, die am 15 Novb. endigte. Darauf wurde der noch immer ansehnliche Rest verpakt u. befindet sich jetzt in Bern – nach Zürich wird auch noch eine hübsche Zahl v. Studien u Aquarll. kommen. Die hauptsächlichsten Bilder habe ich verkaufen können. Im Ganzen erzielte ich einen Erlös v. c. fr. 24 à 25,000. Die ganze Zeit über war ich nie mehr in meinem Arbeitslocal, mußte daher Alle meine Angelegenheiten liegen lassen. Auf Mitte dieses Monaths wollte ich zwei kleine Bildchen auf d. permanente Ausstllg. geben, deren Vollendung beschäftigte mich dann bis zum 15. dss. Nun, mein Lieber, weist Du, wie ich seit August meine Zeit zugebracht. Ich hoffe, auf ein gnädiges Urtheil. Die VII Legend. waren ein vademecum, bis ich sie gelesen, dann gab ich sie H. Rotschi – der sie mir dieser Tage zurückgab, worauf sie wieder genossen wurden, ohne dß. der Apetit gesättigt wäre. Das ist das angenehme, wenn man ein Buch eigen hat, dß. man zu jeder Zeit nachschlagen kann, wenn man was auffrischen will – da kannst Du Dir vorstellen, wie oft ich Dir danke. Zur ceramik zurückzukehren habe ich keine Lust, ich bin zu wenig Decorateur um damit etwas machen zu können. D. h. meine Kompositionen sind immer zu, wie soll ich sagen? – zu komplizirt, u. fordern daher viel Arbeit u. einen Preis, wie man Hier nicht dafür anlegt. Kommt nun dazu noch das Risiko beim Brennen, wirst Du zugeben, dß. d. Aussicht nicht lokend ist. Du hast mir Hoffnung gemacht, Dich im Lauf des kommenden Jahres hier zu sehen. Wie würde mich das freuen! Zuerst, Dich wieder zu sehen u. zu sprechen, u. dann, wieviel könnte mündlich verhandelt werden, das für e. Brief viel zu weitläufig ist. So möchte ich Dir z. B. eine kleine Charakteristik des hiesigen Kunstpublikums geben. Ich komme nämlich so eben von e. Aquarellen-Ausstllg. hiesgr. Künstler. Wenn ich nun aber die Sache gründlich darlegen wollte, forderte es eine wahre Abhandlung. Dazu bin ich nicht geschaffen, kann aber doch nicht ganz schweigen, u. muß meinem Ärger etwas Luft machen. – Die heutige Ausstellung, zusammengetragen von vier verschied. Malern, biethet nicht ein Drittheil des wie diejenige v. Zimmermann, u. davon kaum zwei, die sich den mindern v. Z. nähern dürften. Dennoch sind davon angekauft, verhältnißmäßig mehr als v. Z. Warum? – Weil es eben Genfer sind, u. man den Schein, die Kunst zu unterstützen, retten muß. Die Richtung der jetzigen Schule Hier kapiere ich nicht – will gerne einmal Dein Urtheil darüber hören, wenn Du Gelegenheit gehabt, Produkte derselben zu sehen. Heut über 8 Tage haben wir schon wieder Neujahr – da bringe ich Dir jetzt schon meinen herzl. Glückwunsch, behalte ferner in freundschaftlichem Andenken Deinen J. S. Hegi |
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