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Keller an Assing - 24.10.1872

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 24.10.1872


Zürich den 24 Oct. 1872.

Verehrtes Fräulein.

Ich wollte heut Abend, wie ich jetzt öfter thue, schriftstellern, komme aber nicht recht in Zug, und da fällt mir plötzlich ein, das dürfte der Augenblick sein, mich aus der mehrjährigen Correspondenzpause, die ich mir Ihnen gegenüber habe zu Schulden kommen lassen, herauszuarbeiten.

Und welche Dinge haben sich seither zugetragen! Jetzt würde ich 20 Francs Lesegeld bezahlen für den Band, wenn ich Varnhagen'sche Tagebücher über diese Zeit lesen könnte. Diese Bemerkung haben Sie übrigens gewiß schon häufig hören müssen seit 1866, sie drängt sich zu sehr auf. Schon von Freiligrath habe ich vorigen Sommer gehört, daß Sie den Pückler'schen Nachlaß herausgeben; neulich habe ich nun in der Frankfurter Zeitung einige Briefproben gesehen, etwas verfängliches u coquettes Zeug, das mir nicht ganz gefallen will. Aergerlicher Weise fehlen auch hier, wie in allen solchen Briefwechseln, die Briefe der Dame, ich weiß nicht woher das kommt, aber es ist fast immer so u ist ein Mißbrauch, daß die eine Hälfte solcher Correspondenzen immer auf die Seite gebracht wird. Man fährt immer im Nebel herum, da man nicht weiß, was die andere Partei werth ist. Bei Bettina freilich kann man sichs denken. Welch' eine Reihe von Zusendungen hab' ich Ihnen seit 2 oder 3 Jahren zu danken gehabt. Ich glaube ich habe Ihnen nicht einmal für den Custine geschrieben. Dann sind einige Bände höchst interessanter Specialitäten über Heine, Brentano etc etc die sehr werthvoll sind. Es hat mich sehr amüsirt, daß Sie in dem kleinen Legendenbüchlein wieder Kraftausdrücke gefunden haben! Sie armes harmloses Täubchen u Lämmlein!

Hier läuft seit einigen Wochen Herr Dr. Julius Freese herum, ohne einen zu grüßen! Man sagt, er lebe im Solde des Königs von Hanover. Der alte Stein nimmt ab; er hat von Zeit zu Zeit kleine Umpurzelungsanfälle, verliert das Gedächtniß, ist aber nichtsdestominder ein furchtbarer deutscher Reichsfeind! Isolirt mit zwei oder drei Andern unter den hiesigen Deutschen. Frau Wesendonck ist mit ihrem Mann u Kindern von hier fortgezogen u hat alles verkauft wegen der manifestirten Franzosenfreundlichkeit einiger hiesiger Volksschichten. Dann suchte sie größere und würdigere Kreise für ihre dichterischen Funktionen. Ich selbst bin in höchste Ungnade verfallen, die bis zur Grobheit anwuchs, weil ich ihr das Manuskript eines Dramas nicht gelobt u ihr das öffentliche Schriftwesen überhaupt abgerathen habe. Fahre hin! Ihre schöne Tochter haben sie natürlich an einen preußischen Junker u Lieutenant verheirathet, der freilich möglicher Weise so viel werth ist, wie diese Leute selbst.

Und wie geht es Ihnen immer in Ihrem schönen Florenz? Man sagt, Sie geben Gesellschaften von über 100 Eingeladenen, muß man einen Frack anziehen, wenn ich etwa unversehens einmal hinkäme? Schreiben Sie gegenwärtig nichts Eigenes? Da frage ich drauf los, als ob ich ein Recht auf Anwort hätte, ich Esel! Nun, schon die Frage ist eine Lebensäußerung, eine Thathandlung! Tragen Sie noch immer eine so schöne rothe Feder am Hut, wie einst in Zürich? Haben Sie Ihr Amethystenhalsband noch?  Wie stehen Sie zu Garibaldi u zum Pabst? Im Ernst gesprochen, habe ich bei Mazzinis Tod an Sie gedacht, Sie hatten so schöne Photographien von ihm, er hatte einen klassischen Geschmack im Photographie-Stehen- u Sitzen!

Haben Sie von dem Schriftsteller Paul Lindau in Berlin Notiz genommen, der seit ein par Jahren ein geistreich kritisches Wesen treibt und eine gesunde Bewegung verursacht hat, aber nicht lange vorzuhalten scheint, da er schon kokett u selbstnachahmerisch wird. Allein es war die bedeutendste Erscheinung dieser Art seit Decennien. Auerbach hat sich anläßlich des Krieges mit zu täppisch chauvinistischen Elaboraten furchtbar blamirt, was Sie übrigens schon wissen werden. Neulich war ich 10 Tage in München, zum ersten Mal in Deutschland seit 1855! Ich habe den liebenswürdigen u guten Paul Heyse gesehen, den sie jetzt auch anfangen zu maltraitiren, weil er ein bischen zu viel schreibt. Er wollte mich eines Abends in ein Gasthaus verlocken, wo er ein par Schriftstellerinnen, Durchreisende, worunter Julius Rodenberg u Claire von Glümer, bewirthete. Ich ließ mich aber nicht fangen, um nicht etwa Stoff zu einem Feuilletonbestandtheil zu geben, falls ich mich etwa nicht courmäßig benähme. Nachher hatte Heyse Kopfweh, ich zwar auch, da ich in der Zeit mit einigen Malern gewesen war!

Sie werden hoffentlich diesen Brief für nichts anderes nehmen, als was er sein soll, ein Stündchen Geplauder damit Sie sehen, daß ich mich freundschaftlich nicht genire u nicht anstrenge, klug zu thun!

Mit vielen Grüßen Ihr ergeb

Gottfr. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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