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Keller an Auerbach - 25.02.1860

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Berthold Auerbach - 25.02.1860


Zürich d. 25 Febr. 1860.

Verehrtester Herr und Freund!

Auf Ihre freundliche Einladung beeile ich mich, Ihnen meine etwas zaghafte Zusage abzusenden, zaghaft, weil es eine heikle Sache ist, neben Ihnen auf dem gleichen Kalenderbrettchen angenagelt zu sein. Hoffentlich werden Sie noch einen oder einige von den minderen Leuten zuziehen.

Ich werde mich dabei an eine Geschichte halten müssen; weil die nöthige heilsame Ironie oder Heiterkeit sich am unbefangensten vermitteln läßt. Denn in dem Genre Ihrer übrigen Vorschläge haben in letzten Jahren einige deutsche Literaten mit ihren Aussendungen den „Markt verdorben“ um mich schofel auszudrücken. Namentlich ein Wiener Flüchtling Dr. Eckart in Bern, betreibt eine so hyperpatriotische und überschweizerische philiströse Ruhmrednerei und Duselei, daß unsereins sich ob solchem wahrhaft helotischen Gebaren schämen muß. Schreibt man einen solchen Aufsatz in günstigem Sinne in’s Ausland, so erscheint es, als ob man sich zum politischen Muster für alle Welt aufstellen wolle, und eine Arbeit, welche die Schattenseiten bemerklich macht, kann man auch nicht in ein so weit verbreitetes und auffallendes Institut plaçiren, wie Ihr Kalender ist, weil man dadurch als Denunziant vor dem Ausland erscheint. So müssen wir in dieser Beziehung inne halten, besonders da jener Eckart bereits eine Schaar schweizerischer Dilettanten verführt und verdorben hat. Die Freude am Lande mit einer heilsamen Kritik zu verbinden, habe ich in den Leuten v. Seldwyla angefangen und setze es so eben in zwei weiteren Bänden fort, was eine ganz lustige Arbeit ist, und ich denke nach und nach damit klar und deutlich zu werden.

Ich habe nun den Anfang einer Geschichte unter meinen Papieren, deren Gegenstand ein kleiner Züricherischer Patriotenklubb ist, alles Handwerker, welche eine ganze Entwickelung mit vielen Parteikämpfen mit durchgemacht haben. Es sind alles Originale, die ich selbst kannte; von den Parteiführern vielfach benutzt, aber nie mißbraucht, haben sie einen gewissen Kern bei allen Affairen gebildet, ohne je etwas für sich zu wollen. In der alten Aristokraten u Jesuitenzeit alt geworden und von einem derben gemüthlichen Haß erfüllt, verstehen sie nun mit ihren alten Köpfen die Zeit der versöhnten Gegensätze nicht mehr recht und halten um so fester zusammen als die „Alten und Erprobten“

Das Novellistische wäre dies: Ein Reicher darunter hat ein artiges Töchterchen, ein Armer einen Sohn, die sich haben möchten. Hier hört nun die Gemüthlichkeit auf. Der Reiche will die Tochter nicht geben, der Arme aus republikanischem Stolz seinen Sohn nicht aufdringen, und so werden die beiden Alten einig, gute Freunde und Bürger zu bleiben und die Kinder zu tyrannisiren, wie sie denn in ihrem Hause sammt u sonders die unbeschränktesten Herrscher zu sein wähnen. Die Weiber u Kinder besiegen aber schließlich die Alten u Erprobten. In einer übermüthigen Stunde beschließt der Klub, sich die Zierde u Ehre einer eigenen Fahne beizulegen und damit zum erstenmal ein Schützenfest zu besuchen. Zur Fahne gehört aber ein Sprecher. Keiner von ihnen hat trotz aller politischen Thätigkeit je öffentlich gesprochen, keiner gedachte es je zu thun, und zwar aus Anspruchlosigkeit und wahrer Bescheidenheit, weil sie wissen, daß sie nicht sprechen können. Der Reiche wird nach langem Sträuben zwangsweise erkoren. Dann äußerste Verlegenheit, Gefahr allgemeiner Verhöhnung etc. bis der heiratslustige Sohn des Armen die Noth bricht mit einer glänzenden Rede, welche dem Club der Alten (etwa 7 Mann) Aufsehen und Ruhm einträgt.

Dies ist das hölzerne Gerüstchen. Wenn es Ihnen recht ist, so will ich es mir angelegen sein lassen, innert der gegebenen Frist das Ding auf den Umfang von 2 Bogen säuberlich zusammenzuschweißen und das Didaktische im Poetischen aufzulösen, wie Zucker oder Salz im Wasser, wie Vischer trefflich in einem seiner neueren Aufsätze sagt. Letzterem werde ich dieser Tage Ihren Gruß ausrichten. Moleschott sehe ich selten. Für Ihren freundl. Brief bestens dankend bleibe ich

Ihr
alter Gottfried Keller

Eine Briefmarke ist mir augenblicklich nicht zur Hand und ich kann nicht auf die Post laufen. Ich erwarte dafür Ihren nächsten Brief unfrankirt, damit wir die Weltordnung wenigstens im Kleinen noch retten. Sie haben übrigens einen Silbermorgen zu viel frankirt, zu meiner Zeit kostete ein Brief nach der Schweiz nur 4.

  
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