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Keller an Auerbach - 25.06.1860

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Berthold Auerbach - 25.06.1860


Der Eingang Ihres Briefes hat mir einen höllischen Schrecken eingejagt, denn ich glaubte, die Parabel von dem kalten Bad solle mich vorbereiten auf eine Unbrauchbarkeitserklärung oder daß wenigstens vieles umgearbeitet werden müsse. Um so besser mundete mir dann Ihr freundliches Lob, welches ich cum grano salis eingenommen habe. Wir haben in der Schweiz allerdings manche gute Anlagen, und was den öffentlichen Charakter betrifft, offenbar jetzt ein ehrliches Bestreben, es zu einer anständigen und erfreulichen Lebensform zu bringen, und das Volk zeigt sich plastisch und froh gesinnt u gestimmt; aber noch ist lange nicht alles Gold was glänzt; dagegen halte ich es für Pflicht eines Poeten, nicht nur das Vergangene zu verklären, sondern das Gegenwärtige, die Keime der Zukunft soweit zu verstärken und zu verschönern, daß die Leute noch glauben können, ja, so seien sie und so gehe es zu! Thut man dies mit einiger wohlwollenden Ironie, die dem Zeuge das falsche Pathos nimmt, so glaube ich, daß das Volk das, was es sich gutmüthig einbildet zu sein und der innerlichen Anlage nach auch schon ist, zuletzt in der That und auch äußerlich wird. Kurz, man muß, wie man schwangeren Frauen etwa schöne Bildwerke vorhält, dem allezeit trächtigen Nationalgrundstock stets etwas besseres zeigen, als er schon ist; dafür kann man ihn auch um so kecker tadeln, wo er es verdient.

Doch warum ich schreibe, ist, daß ich Sie bitten wollte, bei der Correktur einen Namen abzuändern. Schaufelberger, der Schreiner, ist nämlich der einzige von den Kerls, den ich, weil mir der Name gefiel, kenntlich genannt habe; da es zudem ein schnurriger Kerl ist, der nichts übel nimmt. Nun ist mir aber seither eingefallen, und verschiedene Anzeichen führten mich darauf, daß man aus diesem auf die andern schließen dürfte und das Publikum d. guten Stadt Zürich die Meinung bekommen könnte, ich sei ein Aufpasser und Pasquillant. Die liebenswürdigen und ehrenhaften Charaktere schlecken sie ganz friedlich hinein und finden alles ganz in der Ordnung, wenn sie auch nicht so gut sind; das weniger Liebliche aber wird mit Feindseligkeit und peinlicher Nachforschung gedeutet und erweckt Mißtrauen und Aengstlichkeit. Schon Gotthelf war deswegen als Spion bei seinen Bauern nichts weniger als beliebt; die künstlerische Unbefangenheit, welche die Hauptsache doch stets aus sich selbst schöpft, wird gestört u verbittert durch einen einzigen Anklang, der auf bestimmte Personen zu deuten scheint etc etc. Kurz ich bitte Sie also, statt Heinrich Schaufelberger, der Schreiner, überall das Wort „Bürgi“ zu setzen, d. h. an die Stelle v. Schaufelberger; Heinrich u Schreiner bleiben wie sie sind. Also Bürgi!

Allerdings ermuthigt mich diese Eigenschaft des Volkes, sich in den poetischen Bildern erkennen zu wollen, ohne sich geschmeichelt zu finden, zu obiger Hoffnung, daß es durch das Bild auch angeregt zur theilweisen Verwirklichung werde. So sind meine sieben Alten dagewesen und der Ein’ u Andere davon wird sagen, wenn er den Kalender zu Gesicht bekommt: bei Gott, so ist’s gewesen! verfluchter Kerl! Allein sie haben bei weitem nicht so gesprochen, wie ich sie sprechen lasse. Dennoch lag der Keim dazu in ihnen und sie würden es wenigstens verstehen und dafür empfänglich sein.

Daß Sie die Kindergeschichten streichen müssen, begreife ich jetzt vollkommen, obgleich ich an die Unzulässigkeit erotischer Episoden dachte; aber wunderlicher Weise glaubte ich gerade dadurch, daß ich sie in die Kinderschuhe steckte, die Sache unschuldig zu machen (d. h. nicht auf Weise gewisser französischer Kindergeschichten).

Wir verlieren damit etwas novellistische Petersilie, welche zur Ausschmückung des didaktischen Knochens nöthig ist; doch ist’s nun einmal so. Sie werden sich freilich die Mühe nehmen müssen, die entstehenden Löcher nothdürftig zu verlöthen, wofür ich zum Voraus meinen Dank abstatte.

Ich habe vor, wenn der Herr will, wie die Mucker sagen, nach u nach eine Reihe Zürchernovellen zu schreiben, welche im Gegensatz zu den Leuten von Seldwyla, mehr positives Leben enthalten sollen. Zu diesen soll dann auch die Fähnleingeschichte kommen und ich werde den Schluß davon alsdann noch dahin ausführen, daß der alte Zimmermann von Karl verlangt, er solle wieder zum Handwerk zurückkehren, wenn er die Tochter wolle; denn seine Talente u seine Bildung hätten nur den rechten Werth, wenn er seinen angebornen Stand damit ziere.

Die Rückkehr zum soliden Handwerk (d. h. zum kunstgerechten tüchtigen) wird nämlich jetzt von einsichtigen Gewerbsmännern wieder mehr betont, da zuletzt niemand mehr ordentlich arbeiten lernt und alle persönliche Selbstherrlichkeit zum Teufel geht.

Ich bin sehr gespannt auf Ihre neue Erzählung und ebenso neugierig als gespannt.

Im Falle der abgeänderte Schluß Ihnen jetzt schon etwa thunlich erschiene, so thun Sie mir es zu wissen; es würde eine räumliche „Bewegung“ von höchstens einer halben Seite sein.

Wünsche bestens u fröhlich zu baden. Mit Johanni ist am Zürchersee schönes Sommerwetter eingerückt; ich brachte gestern den Sonntag auf einem Landhause zu wo viel von Ihnen gesprochen wurde.

Grüßend Ihr ergeb.
Gotfried Keller
Zürich d. 25 Juni 1860

  
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