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Keller an Assing - 25.11.1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 25.11.1857


Zürich d. 25 Nov.1857.

Sehr verehrtes Fräulein!

So sehr ich in Ihrer Schuld bin wegen Ihres über die Maßen freundlichen und gütigen Briefes vom 23 September, so müssen Sie doch in Betracht ziehen, daß ich, indem ich ein Häufchen Briefe durchmustere, den Ihrigen aus der Reihenfolge herausnehme und ihm trotz einiger schreienden Vorgänger durch ergebenste Erwiederung seine Briefseelenruhe zurückzugeben suche. Freilich damit auch mir die meinige; denn so lang unerwiedert gebliebene Briefe auf dem Arbeitstische spucken, ist es um unser Gewissen schlecht bestellt. Nicht als ob es mir nicht Vergnügen machte, manche schnöde Philisterbriefe als unbegrabene Leichen sich verkrümmeln zu lassen, daß aber Ihre Briefe nicht darunter gehören, wissen Sie schon, sonst wären Sie nicht so freundlich gegen mich.

Gewiß stecken Sie jetzt wieder im regsten geistigen Verkehr, wie er zu Winters Anfang in Ihrer Umgebung besonders anhebt, und hoffentlich sind Sie bereits daran, Ihre Drohung, vor der Hand nichts mehr schreiben zu wollen, näher zu überlegen und thatsächlich zu untergraben. Es ist übrigens durch das Haus, in dem Sie leben, dafür gesorgt, daß Sie Verantwortlichkeit genug haben, Ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, sondern manches goldene Fädchen abspinnen, was herumfliegt von dem reichen Wocken, der da seit lange steht. Ich setze voraus, daß Herr von Varnhagen diesen Winter wenigstens eben so leidlich und ungetrübt angetreten habe, wie die früheren, und knüpfe hieran meinen Dank für den wohlwollenden Gruß aus der Ferne, welchen ich durch Vermittlung eines „Album des literar. Vereins in Bern“ erhielt. Denn dies Album ist geziert und geehrt durch mehrere Beiträge Ihres verehrten Onkels, und darunter eine überaus wohlwollende Anzeige des gr. Heinr., die ich zwar schon kannte, deren anmuthiges Nachsenden aber in meine Heimath mich jetzt erst recht mit dankbarer Freude erfüllt hat. Ueber die Potsdamer Revue der ärgsten religiösen Phrasenröcke Europas habe ich sehr lachen müssen. Es war aber ein Hauptschade, daß der selige Radowitz nicht mehr dabei war, das hätte unberechenbar neue Gruppen angesetzt, wie wenn man in ein Kaleidoskop noch eine neue bunte Bohne hinzuthut. In diesem Augenblicke fällt mir auch ein Tischrückerbüchlein von einem Rendanten Hornung in Berlin ein, welches ich käuflich an mich gebracht und mit aufgesperrten Augen gelesen habe. Bitte, sagen Sie mir doch, was mit den Herren Generalen an der Sache ist, und ob dieselben wirklich daran glauben! Das Faktum jedoch, daß Heine in Berlin spucken muß, ist unbezahlbar und man möchte sich die Haare ausraufen, daß er es nicht selbst mehr weiß und die klassische Geschichte besingen kann! Es wäre jedoch von Berlin zu erwarten gewesen, daß es seinen Heine ein wenig feiner und charakteristischer spucken ließe.   

So eben las ich in Gutzkows Unterhaltungen sein Votum über Ihr Buch. Er hat’s diesmal gnädig gemacht. Als ich aber in Dresden war, hörte ich ihn mit eigenen Ohren in einer Gesellschaft, welche größtentheils aus frommen Nazarenerkünstlern bestand, sich mit großer Heftigkeit gegen Göthes Verhalten zu den Frauen äußern, als einem durchaus frivolen und unsittlichen, und er hielt diese Äußerung gegen jene Nazarener, die Göthen artig und fein vertheidigten, mit eigensinniger Hartnäckigkeit fest. Heute nun vertheidigt und erhebt er Immermann wegen seines Verhaltens zu Elisa v. Ahlefeldt mit der wunderbaren Phrase: Das sei eben Männerschicksal und zwar besonders der Männer, welche bei der Antike und bei Göthe in die Schule gegangen seien! So sind diese Herren! Was sie augenblicklich sprechen, ist stets nur eine taube Frucht des unabtreiblichen Bedürfnisses, für den Augenblick eine winzige kleine Wirkung zu erzielen. Sie geben stets nur Scheidemünze aus, weil sie, wie die Bettler, keine Silberstücke in der Tasche haben.

Grüßen Sie doch von mir die zierlichen Bülow’sleute. Ihr Lob der Cosima hat sich glänzend bewährt, und diese vortreffliche und eigenthümliche junge Frau hat mir so wohl und ungetheilt gefallen, wie seit langer Zeit kein Frauenzimmer. Man muß ihr wirklich alles Gute wünschen und möge sie bleiben, wie sie ist, in der rennomistisch verschrobenen heutigen Welt! Im Zuschauer der Kreuzzeitung las ich mit Behagen, daß in Berlin Eis gefahren wird. Bei uns ist heute, nachdem es ein Vierteljahr lang trocken und schön war, ein milder warmer Regen eingetreten, doch hoffen wir unverschämter Weise auf einen nochmaligen letzten Nachsommer. Ich habe den göttlichen Herbst hindurch den sonnigen Farbenwechsel auf Kreuz u Querzügen eingesogen und damit manch’ Schöpplein jungen Weines, von dem das Land überfließt. Die Bauern heimsten von allen Früchten den schwersten Ueberfluß ein und sind jetzt eben so wohlgelaunt, als unsere Seidenfabrikanten, die nach Amerika machen, kleinlaut. Die vergnüglichste Tour machte ich vor vierzehn Tagen nach meinem Dorfe, wo ich Gevatter stehen mußte. Ich ging, da es das herrlichste Frühlingswetter war, zu Fuß hinaus, und schon unterwegs fand ich in einem alten Städtchen, wo ich einkehrte um ein Schöpplein zu trinken, ein junges Landbäschen vor, das da mit seinem Bräutigam Einkäufe für die Hochzeitkleider gemacht hatte. Ich setzte mich mit Ihnen auf ihr Gefährt und fuhr vollends mit hinaus. Das Bäschen, welches in bloßen Armen war und in der Herbstdämmerung anfing zu frieren, zog meinen Ueberzieher an und der Bräutigam sang himmlisch schön, während ich den Pack mit seinen und seiner Braut Hochzeitskleiderstoffen auf den Knieen hielt, was mir auch warm gab. Am Sonntag mußte ich den ganzen Tag neben der Pathin, einem wohlgezogenen Bauernmädchen figuriren, das einfach schwarz gekleidet war in wollenem Zeug, aber mit einer schönen goldenen Kette. In der hellen freundlichen kleinen Kirche mußten wir am Taufstein zierliche Knixe machen, und nachher beim Mahle vom Mittag bis in die Nacht oben am Tische sitzen. Hier bemerkte ich etwas sehr Artiges. Als nämlich die Gäste lustig wurden und begannen, die üblichen Schwänke vorzutragen, wobei keiner zurückbleiben wollte, geschah es, daß der Eine oder Andere sich etwas ungeschickt anließ, übernahm oder gänzlich verunglückte. Nun war meine ländliche Nebenpathin die höchste Instanz am Tisch, vermöge ihres Geschlechtes, ihres heutigen Amtes und ihres „Ranges“ im Dorfe, denn ihr Papa hat zwanzig Kühe im Stall. So war es an ihr, mit dem Lachen über einen Schwank das Signal zu geben, und sie übte dies Ammt mit solcher Liebenswürdigkeit und Menschenfreundlichkeit, daß Keiner um das rettende Gelächter kam. Nicht Einen armen Teufel ließ sie stecken, und wenn man glaubte, Der oder Jener gar zu Plumpe fiele nun gewiß durch, so erhob sie doch noch rechtzeitig die wohllautende Stimme, als ob sie sich königlich amüsirte und wir lachten Alle auf’s Heiterste mit, wie wenn der feinste Witz gefallen wäre. [Dergleichen habe ich nun in einem Salon noch nie gesehen!] (pardon!) All dies junge Volk waren in meiner früheren Zeit, wo ich auf dem Dorfe mich umtrieb, ganz kleine Kinderchen, die ich in der Wiege gesehen habe.

Ob ich diesen Winter nach Berlin komme, ist wieder ungewiß. Jüngst erhielt ich das närrische Anerbieten, als Sekretär des Kölnischen Kunstvereines nach Köln zu kommen mit 500 Thaler Gehalt und einer täglichen Stunde Beschäftigung. Da ich spaßhafter Weise mir den Anschein gab, als ob es mir nicht übel däuchte, entstand in Zürich ein Laufen, damit ich hier bliebe, und es wurde der alte Plan fertig gemacht und mir um die Kehle geschlungen, daß ich ein Professorlein werden solle, so gut es Gott gerathen läßt. Obgleich ich nun selbst nichts weiß, so will ich es dennoch riskiren, 1tens um während einiger Jahre den bürgerlichen Begriffen genugzuthun und mittelst der Eselsbrücke von Ammt u Einkommen über die kritische Zeit hinwegzugehen, und 2tens weil ich durch die Studien, welche solche Sache erfordert, vor dem geistigen Einfrieren bewahrt werde und vor dem Versinken in ein vagues Belletristenthum. Ich werde jedoch nur wenig Stunden zu lesen haben und in der Wahl des Vorzutragenden ganz frei sein. Ich werde auch nie das Gleiche 2mal vorbringen, sondern mir einige Gegenstände ausarbeiten und wenn diese abgespielt sind, mich wieder bedanken, da ich inzwischen dann schon wieder ein anderes Terrain werde erobert haben. Denn als ein Schnurrpfeifer von Schulmeister möchte ich nicht sterben.

Die Herren Prof. Vischer und Moleschott lassen sich bei Ihnen angelegentlich empfehlen. Moleschott hat seinen Vater verloren, sonst ist er sehr munter und wehrt sich pathetisch seiner Haut. Der letzte Theil von Vischers Aesthetik, worin er die Poesie behandelt, hat doch einen großen Fond von gesundem tüchtigem Inhalt an Grundsätzen wie an Erfahrung. Vischer scheint uns in Zürich nicht recht zufrieden zu sein, da die großen philosophischen Auditorien fehlen, wie sie in Deutschland noch möglich sind. Wenn es nun in Preußen etwas helleres Wetter geben sollte, so müßte er eigentlich nach Berlin geholt werden, wo er mit seiner einfachen frischen und handfesten Natur eine ganz wohlthätige Erscheinung abgäbe. Denn ich glaube das ästhetisirende Berlin ist nachgerade ein wenig sehr verschliffen.

Grüßen Sie doch in der Dunkerei von mir, wenn Sie etwa dahin kommen, und sie sollten sich das Warten auf meine Novellen wohl schmecken lassen. Sie werden übrigens nun unversehens etwa ankommen, da ich diese Dinge in nächster Zeit abstoßen muß um für mein geheiligtes Lehrammt reinen Tisch zu haben. Ich halte mich schon sehr würdig und gehe nur in solche Gesellschaften, wo die Rektoren und alten Ordinariusse sitzen, und bereits ziehen 3 oder 4 Studenten auf der Straße die Mützen!

Dieser Tage hat Ira Aldridge in Zürich gastirt und nächstens kommt eine italienische Operngesellschaft. Ich möchte lieber mal wieder Dawison und Emil Devrient sehen.

Nun empfehle ich mich recht herzlich dem verehrten Herrn Geheimrath, so wie Ihnen, und ich bitte Sie, sich nicht zu lange zu rächen sondern mich gelegentlich wieder mit einem Gruß und Bericht von Ihrem Ergehen zu bedenken!

Ihr ergebenster
Gottfried Keller.

Nun schneit es doch endlich!

  
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