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Keller an Hettner - 26.06.1854

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 26.06.1854


Mein lieber Freund!

Da Sie vielleicht mich nun täglich erwarten, treibt es mich, Ihnen einige Nachricht von mir zu geben. Vor vierzehn Tagen haben mir meine Landsleute endlich einiges Geld geschickt, aber nach dem Etat, welchen ich schon im Oktober v. J. eingesandt hatte. Es waren 420 Thaler, welche also zu einer bequemen und ehrenhaften Ortsveränderung nicht ausreichten. Ich muß also nun vom Schluß des Romanes und von den Novellen, überhaupt vom Verleger das Uebrige erwarten. Gründliche Abhülfe u Auskommen werde ich sicher durch die dramatischen Sachen haben, worauf ich mich täglich, seit ich das Theater wieder mehr besuche, mehr verlasse, es müßte denn mit dem Teufel zu gehen. Der fehlerhafte Roman kann nicht maßgebend sein, weil diese weitschichtige, unabsehbare Strickstrumpfform nicht in meiner Natur liegt. Ganz etwas anderes ist es, wenn man nur einige Bogen zu füllen hat, und das auf peripatetische Weise und in naturgemäßer Dialektik. Ich werde nächstens dem Vieweg den 4t. Band abschicken und muß dann vor allem abwarten, wie er es mit dem Drucke hält, ob ich denselben noch von Berlin aus korrigiren soll etc.

Gestern bekam ich eine Zuschrift von einem angehenden Verleger Hugo Scheube in Zeitz, welcher mir mit sehr verbindlichen und vielverheißenden Worten seinen in Heidelberg zu gründenden Verlag anbietet und anzeigt, daß er mit Ihnen über Ihr literarhistor. Werk Contrakt abgeschlossen habe. Wahrscheinlich haben Sie die Freundschaft gehabt, ihn aufmerksam zu machen und zu verführen, so daß ich mir also nicht zu viel einbilden darf auf diesen Brief, welcher sonst ein aufmunterndes Zeichen wäre, und in Berlin, wo manche verblühende Größen gegenwärtig mit Manuskripten von Laden zu Laden vergeblich laufen, mir Neid erwecken dürfte. Es kommt indessen alles auf Vieweg an, was er hören läßt, wenn er den Schluß des Rom. hat. Sie werden ohne Zweifel näheres wissen über besagten Anfänger, welcher mir allerlei weitaussehende Mittheilungen macht. Sie wissen, daß ich einen Verleger brauche, der das Geld nicht peinlich hervor klauben muß; auch muß man an die Zukunft denken und sich eine allfällige Sammlung nicht zum Voraus zersplittern oder erschweren. Ich habe immer die Hoffnung, abgesehen von der dramatischen Laufbahn, eine nicht große aber gute Sammlung erzählender Schriften zu Stande zu bringen, zu welchem Zwecke ich auch d. gr. Heinr. noch einmal umarbeiten und ihm eine gemeingenießbare Form geben würde. Auch werde ich in 3–4 Jahren doch noch eine glücklichere Sammlung meiner Gedichte zu Stande bringen und zu alledem darf ich meine Verhältnisse mit den Verlegern nicht verpfuschen, da sie wohl meine hauptsächliche Existenzgrundlage sein und bleiben werden. Ich will einstweilen dem Hrn. Scheube verbindliche Antwort geben, da seine Mittheilung unter allen Umständen u besonders jetzt, wo alle ordinären Buchhändler peinliche und wichtige Gesichter schneiden, Dank verdient. Schreiben Sie mir aber doch, was Sie von der Sache denken.

Ihr Schriftchen über den Robinson hat mich seither vielfach beschäftigt. Ich wollte, ich hätte es vor dem Schreiben des gr. Heinr. gekannt, indem ich dadurch auf manches aufmerksam wurde. Ich lese jetzt die Bekenntnisse des h. Augustinus, welche auch nichts anderes sind als eine geistige Robinsonade, nämlich insofern man zuschaut, wie sich ein Individuum alles neu erwerben, aneignen und sich einrichten muß. In diesem Vorgange liegt der Reiz, ob die Entdeckungen u Findungen dann neue Früchte, Thiere u bequeme Thalschluchten oder moralische Gegenden u Gegenstände betreffen. Ich lese auch den Rabelais zum ersten Male und bin frappirt, wie viele literarische Motive und Manieren, welche man so gewöhnlich für nagelneu oder von einer gewissen Schule herstammend ansieht, schon seit Jahrhunderten vorhanden sind, ja wie man eigentlich sagen kann, alle wirklich guten Genres seien von jeher dagewesen und nichts neues unter der Sonne. Um nur ein Beispiel anzuführen: hielt ich den Witz, einen unverständlichen Galimatias literarisch anzuwenden, für neu und glücklich in der Tiek’schen Novelle die Reisenden, wo zwei Verrückte dergleichen Reden halten, welche mit großer Lustigkeit und Geschick gemacht sind. Nun finde ich im 2t. Buche des Panatgruel, Kap. 11 u. s. f. zwei Reden von Rabulisten, in welchen das förmliche Vorbild zu jener Art von Schindluder, in welchem sich die Herren Romantiker so sehr als „patentirt“ zu bewegen gefielen, zu finden ist. Man sollte allen Leuten, welche anfangen wollen, sich mit der Produktion zu befassen, dringend rathen, durchaus allen vorhandenen Stoff systematisch durchzulesen und so mit allen eitlen Einbildungen, als würden sie neu sein, tabula rasa zu machen. Es bringt nun zwar Mancher ein Motiv od. eine Manier auf’s Tapet, welches er wirklich nirgends gelesen hat, und das doch schon alt ist. In solchen Fällen glaubt man sich gerade schmeicheln zu dürfen, auf das verfallen zu sein, worauf früher schon bessere Leute, ohne doch etwas davon zu wissen. Die Sache verhält sich aber alsdann so:

Viele Witze und Motive, Fabeln, Anektodten u. s. f. werden von den Volksschichten gepflegt und gehandhabt, kommen in die Mode in Bauern- wie Studentenkneipen, Werkstätten u Marktplätzen, verschwinden hier und tauchen dort wieder auf und schwimmen in der Luft umher. Nun kommt so ein Originalgenie und glaubt Wunder was zu thun, wenn er unmittelbar an der Mutterbrust der Natur liege, aus der „lauteren Volksquelle“ schöpfe, u wie die Ausdrücke alle heißen, wenn er hinuntertauche in die Tiefe des immer neuen Volksgemüthes und Stoff da sammle, wo die „Salonmenschen“ nicht hinkommen. Er schreibt sich also derlei Witze hinter das Ohr und bringt sie als nagelneu und urkräftig glücklich zum Drucke, während dieselben schon vor Jahrtausenden vielleicht längst in klassischen Gedichten aufgeschrieben wurden. So gibt es Dinge der verschiedensten Art, welche sich das Volk immer wieder erzählt, z. B. erotische Anektodten, die Bocaccio klassisch geformt, aber nicht erfunden hat, welche vielmehr schon in Indien gang und gäbe waren. So eine Menge Belustigungen, Scherze, Dialoge, Fabeln u. s. f. Und das Ganze des poetischen Stoffes befindet sich in einem merkwürdigen oder vielmehr sehr natürlichen fortwährenden Kreislaufe. Es wäre der Mühe werth, einmal eine Art Statistik des poetischen Stoffes zu machen und nachzuweisen, wie alles wirklich Gute u Dauerhafte eigentlich von Anfang an schon da war und gebraucht wurde, sobald nur gedichtet und geschrieben wurde. Nicht einmal der lyrische Weltschmerz, den man immer modern nennt, ist neu; er ist, sofern er schön ist, schon vollkommen in chinesischen Liedern ausgedrückt, mit allem heutigen Apparate: landschaftlichen Stimmungen, kleinen netten Pointen u. d. gl. Welcher Reichthum an konkreten plastischen u drastischen Einfällen u Bildern, mit denen man sich heute so abquält, in der indisch. u andern orientalisch. Poesie liegt, ist bekannt. Mit Einem Worte: es gibt keine individuelle souveraine Originalität und Neuheit im Sinne des Willkürgenies und eingebildeten Subjektivisten (Beweis Hebbel, der genial ist, aber eben weil er durchaus neusüchtig ist, so überaus schlechte Fabeln erfindet.) Neu in einem guten Sinne ist nur, was aus der Dialektik der Kulturbewegung hervorgeht. So war Cervantes neu in der Auffassung des Don Quixote (ich weiß nicht einmal, ob durchaus) aber nicht in der Ausführung und in den einzelnen poetischen Dingen. Und dies ist der beste Fingerzeig, wonach ein Dicher streben und in was seine Ehre setzen soll.

Ich habe mich sehr erfreut an den Hermen v. P. Heise, d. h. an den neuern Sachen, die er in Italien u seither gemacht hat, an der Furie, Perseus, zum Theil auch an den Idyllen aus Sorrent. Er steckt zwar darin ganz in strikter Goethethuerei, ohne das, was seither geschah in der Welt, bemerken zu wollen; aber der Mensch ist ja noch ganz jung; möchten doch Alle, welche ihm die Zukunft absprechen, sich erinnern, was sie eigentlich in jenem Alter gemacht und nachgeahmt haben; höchstens war es Heine statt Goethe. Und dann, wer so nachahmen kann und eine solche Sprache führt, wird gewiß einmal etwas Tüchtiges aufstellen, wenn die Rinde fällt. Wenn der arme Heise nur bald aus der unglücklichen Konstellation zwischen den beiden Süßwasserfischen Kugler und Geibel, über welcher der König v. Baiern schwebt, heraus kommt. Wenn etwas Selbständiges in ihm steckt, so wird und muß er bald über die Schnur hauen.

Neulich sah ich auch den Sonnenwendhof v. Mosenthal. Es ist, wie im Struensee, eine mit ächt jüdischer Gemeinheit und Frechheit zusammengestoppelte Sammlung kleiner Effektchen, die auf alle Schwächen des Publikums spekuliren. Nichts wird verschmäht, was einem Guckkasten wohl ansteht. Was in der Gotthelf’schen Erzählung, die Sie kennen, gut und dramatisch verwendbar war, hat er mit außerordentlicher Kunst verhunzt und in’s Gegentheil verkehrt, ebenso sehr aus angeborner Gemeinheit, als aus oestreichischer Dummheit. Ein förmliches Armuthszeugniß stellte er sich dadurch aus, daß das ganze Stück im Dialekt geschrieben ist. Wer einen Volksstoff nicht in die Schriftsprache übersetzen kann, sondern den Charakter in „no schaun’s, i hob sie liab ghobt“ etc suchen muß, der weiß überhaupt nicht, was ein Drama ist und sein soll, oder kann wenigstens keines machen. Das Traurigste ist indessen, daß ein Berliner Hoftheater auf diesen Zopf anbeißt; Dekorateur, Maschinist und Schauspieler wetteiferten, den Mosenthal noch zu übermosenthalen und das Publikum läuft nun schon zum zwanzigsten Male hinein. Ich sah übrigens, wie die Leute bei pathetischen Stellen lachten und sich nur an dem Sammelsurium von bunten Spielereien amüsirten. Obgleich das Stück im östreichischen Gebirge spielt, trägt die eine Schauspielerin ein Bernerkostüm, die andere ein Appenzeller die dritte ein Tiroler, die 4t. ein steirisches u. s. f. Herdengeläute, Alpenglühn, Milchessen, Jodeln (u zwar sehr schlecht u ungeschickt) und lauter solche Dummheiten wechseln ab, genug, wie es nur jüdischer Schacher zusammenschachern kann.

Der Gutzkow ist doch ein jämmerlicher Mensch in seinen „Anregungen“ in seinem Blatte. Er weiß doch wirklich nicht mehr, was er will. Doch für einmal ist es nun genug geschustert; hier habe ich gar keine Gelegenheit, zu plaudern, denn alle Leute, vom alten Varnhagen bis zum Max Ring herunter, haben kein unbestochenes und gesundes Urtheil mehr. Varnhagen lebt eben in der Vergangenheit; die jüngeren aber sind förmliche Hallunken, die es nicht über sich vermögen, etwas zu loben, woran sie keinen Theil haben, oder etwas zu tadeln, was eine ihnen gewogene Größe gemacht hat.

Gute Grundsätze werden genug ausposaunt, aber jeder thut das Gegentheil von dem, was er sagt, mit der größten Schamlosigkeit.

Ich wünschte sehr zu wissen, wie Sie eigentlich mit Vieweg stehen und warum Sie von ihm abstrahiren; schreiben Sie mir doch etwas darüber. Was meine Verhältnisse betrifft, so denken Sie etwa nicht, daß dieselben noch lange auf demselben Punkt bleiben und lassen Sie sich überhaupt darüber nichts kümmern. Was ich schon lange sagte, eine Veränderung wird jedenfalls mit dem abgeschickten 4t. Bande eintreten.

Mit besten Empfehlungen u Grüßen an Ihre Frau u Sie

Ihr Gottfried Keller.

Berlin d. 26t. Juni 1854.

  
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