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Assing an Keller - 26.06.1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 26.06.1957


Berlin, den 26. Juni 1857.

Sie haben wahrscheinlich nicht gedacht, daß Ihr lieber Brief erst am zweiten Pfingsttag in meine Hände gelangen würde! Er belebte mir sehr angenehm den stillen Festtag und bereitete mir große Freude; ja sogar darüber freute ich mich daß er das Datum vom Februar trägt, und mir dadurch zeigte daß Sie doch eher aufthauten als der reizende Zürichersee, dessen gefrorene Oberfläche Sie mir so schön beschreiben, und daß Sie doch vor Monaten schon sich unserer freundlich erinnerten. Das ist auch recht gut, denn Ihre „Lieblingskunst,“ sich „in eine künstliche Vergessenheit zu bringen,“ möchte Ihnen doch wohl bei uns fehlschlagen, die wir Ihrer immer mit Dank und Freundschaft gedenken werden. – Da ich Ihren Namen so lange nicht geschrieben sah, so suchte ich wenigstens, wo ich ihn gedruckt finden konnte; zwei Notizen, die ich Ihnen beilege, haben Sie nun wahrscheinlich schon längst selbst gelesen; da dies aber nicht gewiß ist, so mögen sie immer mitgehen. Die Hauptsache aber ist eine ausführliche, mit Auszügen begleitete Kritik der „Leute von Seldwyla“ in dem englischen „Athenäum“ vom 31. Januar 1857. No 1527, die Sie sich doch zu verschaffen suchen müssen, wenn Sie sie nicht schon kennen; ich las sie mit Vergnügen in der Bibliothek, wohin ich den Onkel zuweilen begleite; sie war aber zu lang, um sie in der Eile abzuschreiben. Auf Ihre Novellen, die so lange auf sich warten lassen, freue ich mich sehr. Der Eifer, mit dem Sie mich versichern, daß Sie nicht um meinetwillen Ihren Angriff gegen Heine aufgegeben, damit ich mir nur um’s Himmelswillen nicht einbilde Sie könnten mir in literarischer Beziehung etwas zu Gefallen thun, sieht Ihnen recht ähnlich. Ich kenne das die Herren der Schöpfung wachen immer möglichst darüber, daß sie nichts thun, wodurch es aussehen könnte, als wenn sie nicht mehr die alleinregierenden Herren der Schöpfung wären! Ich habe geglaubt, grade der Starke könne nachgeben. Herkules saß bei Omphale sogar am Spinnrocken, und blieb doch Herkules. Sie könnten mir wenigstens neun Gefallen thun, und blieben doch der grüne Heinrich! – Indessen ist es gut, daß die Gefallen, die Sie mir unabsichtlich thun, schon allein ausreichen mich Ihnen zum Dank zu verpflichten: ich brauche nur Ihre Bücher zu lesen! – Nach dieser Predigt will ich mich Ihnen auch ganz aufrichtig zeigen, und Ihnen gestehen, daß das, was Sie mir in Ihrem letzten Brief von dem Plan Ihres Heinegedichts mittheilen, mir durchaus nicht mißfällt; indessen ist es im Ganzen doch besser daß es unterblieb.

Bei dem Künstlerfest in diesem Winter habe ich mich sehr gut amüsirt, und doppelt, da ich auch den Onkel so heiter und aufgelegt sah. Wir saßen bei Tische mit Fräulein Ney zusammen, und mit Herrn und Madame Franz Duncker. Da können Sie sich denn leicht denken, daß auch Ihr Name genannt wurde. Fräulein Ney sah in einem Veilchenkranz sehr hübsch aus; den hübschen Gatten, den Sie ihr anwünschen, hat sie sich noch nicht gemeißelt, dagegen aber eine Büste des Onkels gemacht, die viel Talent zeigt und mir in Ausdruck und Auffassung sehr gelungen scheint. – Doctor Ring ist thätig und guter Dinge, und hat viel Vergnügen an seinem kleinen Sohn, Namens Victor, der bald ein Vierteljahr alt sein wird.

Was Sie mir von den Kriegsrüstungen in der Schweiz schreiben, hat mir viel Verngügen gemacht; nun ist die Sache beendigt, zum Ruhme der Schweiz, wie sich es erwarten ließ. Auf welcher Seite unsere Sympathien waren, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen; alle Berichte, die von dort kamen, las ich mit Eifer und Bewegung und wünschte damals oft mit Ihnen sprechen zu können. Der Majestät werde ich Ihren Auftrag ausrichten, wie ich ihr begegne.

Das Buch, welches diese Zeilen begleitet, bitte ich Sie freundlich aufzunehmen; es würde mir zur besonderen Freude gereichen, wenn es sie etwas zu interessiren vermöchte; die ausgezeichnete Frau, deren Leben es enthält, war mir persönlich sehr lieb und theuer, und nachdem ich sie verloren hatte und mich in der Erinnerung so recht lebhaft in ihr eigenthümliches Wesen, in ihre ungewöhnlichen Schicksale versenkte, da erschien es mir wie eine Pflicht der Freundschaft in dieser nur gar zu schnell vergessenden Zeit ihr Andenken zu bewahren und zu ehren, wie sie es verdient. So entstand diese Biographie. Ich habe beim Schreiben glückliche Stunden voll Erregung und Begeisterung verlebt; es war mir dabei als wenn die verstorbene Freundin noch einmal wieder auflebte und beständig mit mir verkehrte; ich sah sie nicht nur im Alter, wie in der Wirklichkeit, sondern auch im vollen Jugendglanz, ich theilte mit ihr ihre ganze Existenz, ich hörte ihre Stimme, ich sah ihre Augen wenn ich einschlief und wenn ich aufwachte. Möchte es mir nun auch gelungen sein, Andern eine Vorstellung ihres Lebens und Seins zu geben! – Das Titelbild hat der Onkel freundlicherweise dem Buche zum Geschenk gemacht, indem er es nach einem vorgefundenen Jugendportrait der Gräfin Ahlenfeldt stechen ließ.

Ich wollte so gern Ihnen gleich nach dem Empfang Ihres Briefes Ihnen antworten, und zögerte nur weil Herr Duncker mir von einem Tage zum andern die fertigen Exemplare meines Buches versprach, welches er übrigens erst Mitte August will erscheinen lassen, da jetzt die Jahreszeit für Berlin zu ungünstig ist. Ich hoffe Sie schreiben nun auch bald wieder; es gehen zwar schöne Gerüchte, daß Sie zum Herbst hier erscheinen würden, aber ich wäre doch sehr froh wenn ich nicht so lange zu warten brauchte, um etwas von Ihnen zu erfahren. Dieses schöne Leben ist zu kurz zum langen Stillschweigen.

Nun wird es bald ein Jahr daß wir in Zürich waren, und die Rosen blühen vermuthlich wieder eben so herrlich als wir sie dort gesehen haben. Es ist doch beneidenswerth in einer solchen Gegend zu wohnen!

Ich bemerke eben erst daß ich Ihnen vor lauter überflüssigen Plaudereien diesmal gar nichts von unserem Berliner Leben erzählt habe; nun ist es schon zu spät, und Sie müssen schon so mit diesen Zeilen fürlieb nehmen. Der Onkel grüßt Sie herzlichst und empfiehlt sich Ihrem Andenken; er ist diesen Winter häufig an seinen gewohnten Erkältungszuständen leidend gewesen, und noch nicht ganz hergestellt, aber sonst unverändert geistig frisch und munter, mein tägliches Glück, meine tägliche Freude. In unseren kleinen Gesellschaften glänzten er, der Fürst Pückler und der General Pfuel durch ihre verschiedenartige Liebenswürdigkeit vor allen jüngeren Herren, unter denen doch manche recht artige waren. Die Gräfin Kalkreuth hat noch immer ihre gute Laune, ihre lustigen Einfälle. Als Bettine mir ihre Werke geschenkt hatte, sagte sie: „Der glaube ich nichts! Ich fürchte, das ist auch nur von ihr gelogen!“ – Von Stahrs bemerkte sie neulich: sie kleideten sich einander gegenseitig so schlecht, wie zwei Farben, die nebeneinander den Augen weh thun. Für alles hat sie einen bezeichnenden Scherz, ein pikantes Wort.

Leben Sie wohl und seien Sie herzlichst gegrüßt!

Ludmilla.

Ihr Empfohlener hat Ihren Brief nur abgegeben ohne einen Besuch zu machen.

Palleske wird wahrscheinlich ein Leben Schiller’s schreiben; er fragt immer mit Eifer und Liebe nach Ihnen!

Prutz’ Urtheil über Sie finde ich in vielem ungerecht! – Ebenfalls an das Gebiet der Dorfnovelle anstreichend sind die Erzählungen, welche Gottfried Keller unter dem Titel „Die Leute von Seldwyla“ (Braunschweig, Vieweg) herausgegeben. Gottfried Keller hat sich durch seinen auch in diesen Blättern ausführlich besprochenen Roman „der grüne Heinrich“ den Ruf eines unserer eigenthümlichen und glücklichen Schriftsteller erworben; tiefe Kenntniß des Seelenlebens und eine echt poetische Weltanschauung verbinden sich bei ihm mit einer seltenen Plastik der Darstellung und wenn der Eindruck, den er hervorbringt, bei alledem kein ganz klarer und reiner ist, so liegt das wohl nur daran, daß der Verfasser mit sich selbst noch nicht ganz im Klaren, ja daß er gewisse Unarten und Grillen, Nachklänge unserer früheren romantischen Epoche, mit eigensinnigem Behagen pflegt, und in den Vorgrund rückt, gleich als wären es ebenso viel Vorzüge und Tugenden. Auch die vorliegenden Erzählungen sind von diesen romantischen Launen nicht ganz frei, ja in einigen derselben, wie z. B. in dem Anfangsstück „Pankraz der Schmoller“ treten sie sehr deutlich hervor. Auch in den beiden letzten Stücken der Sammlung: „die drei gerechten Kammmacher“ und „Spiegel, das Kätzchen,“ herrscht ein Humor, der zu sehr nach jenem „kitzle mich, damit ich lache“ unserer Romantiker schmeckt, als daß er uns besonders zusagen könnte. Dagegen sind „Frau Regel Amrain und ihr Jüngster“ und „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ dem Dichter in hohem Grade gelungen. Namentlich ist der Charakter der Frau Amrain sowohl nach Anlage wie Ausführung ein kleines Meisterstück und auch die Geschichte des unglücklichen Liebespaares, das endlich, da die Erde ihrer Liebe keine Stätte bietet, seine Zuflucht in der kühlen Welle des Flusses sucht und findet, ist bei aller Einfachheit in hohem Grade erschütternd. Schade, daß der Verfasser durch den übelgewählten Titel dem Ganzen eine ironische Beziehung aufgedrückt hat, die nirgends weniger passend als an dieser Stelle.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
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