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Keller an Assing - 26.08.1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Keller an Ludmilla Assing - 26.08.1857


Zürich 26. Aug. 1857.

Verehrtes Fräulein.

Sie gewährten mir mit Ihrem freundlichen, für ein Nichts so dankbaren Briefe eine große Beruhigung in Ansehung meiner ersten Aeußerung über Ihr Buch; denn seither fürchtete ich, sehr unklares und übereiltes Zeug über klare und wohlangelegte Arbeit hingesprudelt zu haben, so daß Ihnen mein verwirrtes Lob eher unangenehm als genehm sein möchte. Nun sehe ich, daß es doch nicht so übel gegangen ist, denn Ihre Huld ist unerschöpflich! Natürlich mußte Adolf Stahr nach seiner Weise sich sogleich der Sache bemächtigen, um sich auch hören zu lassen. Das Raisonnement in der Kölln. Zeitung, aus diesem Munde, hat mich sehr geärgert. Wenn schwache Menschen ihren ungezogenen Herzen den Zügel schießen lassen und verwunderliche Lebensläufte aufführen, so mag es noch angehen, wenn sie im übrigen sich dabei still verhalten; allein wenn sie sich nun berufen fühlen, gerade in den heikeln oder difficilen Dingen, in denen sie sich selbst vergangen, immerfort und überall als Schiedsrichter und Ehrenmesser aufzutreten, so ist das unerträglich. Ich selbst durchschaue das Immerman’sche Verhältniß nicht genug, um mir ein bestimmtes Urtheil zu bilden, und das, was mir zu einem kurzen und bündigen Bescheide fehlt, ist derart, daß man nicht wohl sich darnach erkundigen kann. Dennoch kann ich selbst von Stahr nicht begreifen, wie er solche Anschuldigungen und erbärmliche Beweggründe auftreiben und vorbringen mochte. Es lag so nah, die unglückliche Wendung allenfalls einem edleren weiblichen Irrthum zuzuschreiben, welchen die Irrende selbst zu büßen hatte, und dann wäre die äußere Gesittung gegen die Heldin, wie gegen die Verfasserin des Buches wenigstens geschont worden. Aber in die Vorstellungsweisen ordinärster schlechter Klatschgesellschaft einzugehen, war nur diesem Unglücklichen und seiner „Schule der Frauen“ vorbehalten.

Uebrigens bin ich doch der unmaßgeblichen Meinung, das ganze Unglück wäre verhütet worden, wenn der junge Mensch, so Immermann hieß, sich nicht in die Frau eines andern verliebt hätte. Denn so sehr ich als Dichterling die Leidenschaft zu erheben verbunden bin, so sehr brauche ich für dieselbe auch eine natürliche Grundlage der Zweckmäßigkeit u Möglichkeit. Daß die Gräfin nachträglich von Lützow verstoßen und frei wurde, war für Immerman bloß ein Zufall. Es gefällt mir überhaupt schlecht, wenn junge noch unfertige Menschen ihre Augen auf Frauen werfen, es ist eine verkehrte Welt, die sich an Immerman dadurch rächte, daß er im Schwabenalter und als verpflichteter Mann erst das that, was er früher hätte thun sollen. Doch gewiß ist es sehr ungalant, daß ich Sie mit diesen Skurrilitäten ennüyire, und nur Ihre Langmuth läßt mich dieselben nicht wieder ausstreichen.

Sie haben mit Ihrem verehrten Herrn Onkel wieder einen rechten Bienenflug gemacht und ich freue mich all’ dessen, was Sie erfreut hat. Was die Sixtinische Madonna betrifft, so bin ich über die Einzelaufstellung derselben nicht Ihrer Ansicht. Das Bild ist trotz aller anderen Gestirne so einzig und wunderbar in seiner Weise, daß ich, der es erst in seinem Ecksäälchen, und früher nie, gesehen hat, mir es gar nicht unter andern Sachen denken kann. Die Dresdener Gesellschaft scheint recht nichtsnutzig zu sein, denn Hettner und Auerbach sind nun auch gänzlich auseinander. Hettner beklagt sich, daß er sich zu all’ den belletristischen Größen nur dann gut stehe, wenn er immer mit Anzeigen und Rezensionen bereit stehe, was ihm auf die Dauer langweilig und unwürdig vorkomme.

Die letzten Wochen waren auch deutsche Freunde hier, mit denen ich in der Nähe herumzog und dabei selbst so schöne Winkel und Striche entdeckte, daß ich eines eigenen Reis’chens überhoben war. Um Zürich zu schätzen, müssen die Fremden wirklich einige Zeit hier weilen und sich recht herumführen lassen. Auch erscheinen öfter allerlei intressante Gesellen, so jüngst der Otto Müller und der Halle’sche Lieder compositeur Robert Franz, welcher mich sehr anschwärmte, so daß ich ganz aufgeblasen wurde.

Das Bülow’sche Ehepäärchen wird bei R. Wagner schon lang erwartet. Wenn ich etwa gnädigst zugezogen werde zu diesen Episödchen des Zukunftskultus, so werde ich ehrlich Ihr Lob der Cosima zu bestätigen trachten.

Ich werde den Winter sehr vermuthlich auf etwa 8 Tage nach Berlin kommen, nur kann ich noch nicht sagen ob vor oder nach Neujahr.

Ich wünsche herzlich, daß Herr v. Varnhagen und Sie nun einem recht freundlichen und sonnigen Herbste entgegenleben und empfehle mich Ihrem beidseitigen fernern Wohlwollen mit meinen ergebensten Grüßen!

                                            Ihr Gottfried Keller.

Die Novellen werde ich nächstens abschicken. Möge ich meinen wackeligen Schriftstellernamen nicht damit umblasen!

Sie steuern ja mit vollen Segeln in das Meer der Oeffentlichkeit hinaus; nun mit dem wirklichen Bilde Ihres theuren Onkels, als Künstlerin, nachdem das Lied von der romantischen Gräfin vorangegangen! Glück auf die Fahrt!

  
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