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Keller an Hettner - 27.02.1866

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 27.02.1866


Lieber Hettner!

Schulrathspräsident Kappeler hat mir vor einiger Zeit erzählt, wie er Dich in Dresden gesehen und mit Dir über die Möglichkeit der Annahme einer Berufung an das eidg. Polytechnikum gesprochen habe. Diese Eventualität hatte mich sehr angenehm überrascht u ich habe der Sache vielfach nachgedacht. Gestern hörte ich, daß Springer in Bonn, auf dessen Entschluß vorerst abgestellt war, definitiv abgelehnt haben sollte u ich erkundigte mich dießfalls bei Kappeler der mir das Faktum bestätigte. Auf die Frage, wie es nun mit Dir stehe, bekam ich die Auskunft, daß Du eine Berufung jedenfalls habest in Erwägung ziehen wollen, daß Kappeler mit voller Lust u Liebe sich nunmehr nur an Dich zu wenden wissen würde, aber dieses zu thun sich nicht mehr wohl entschließen könne, da die Zeitungen bereits die Notiz gebracht, daß Du den Ruf abzulehnen gesonnen seist oder wie es heißen mochte. Es ist nun allerdings begreiflich, daß er sich nicht gern einen schon bereitgehaltenen Korb holt. Dennoch kann ich an meinem geringen Orte die Perspektive auf dein Hierherkommen nicht sofort fahren lassen, ohne mich zu versichern, daß jene Zeitungsberichte begründet gewesen u Du die Sache dir wirklich nicht etwas überlegen wollest.

Daher dieser Brief mit der vertraulichen Anfrage, ob Du von vornherein entschlossen seiest, eine allfällige Berufung abzulehnen? Wenn du eine solche zu erhalten wünschtest, um sie ernstlich in Betracht zu ziehen, so brauchtest Du mir nur einen Wink zu geben u ich bin überzeugt, daß der Präsident sofort die erforderlichen Schritte thäte, da ich weiß daß Du ihm sehr am Herzen liegst.

Ich habe Hrn. Kappeler des Näheren über die Stellung befragt, welche man Dir anzubieten eigentlich im Falle wäre? Er sagte mir, man würde gern auf das Maximum der bestehenden fixen Besoldungen gehen, nämlich auf 6000 frcs., wozu der jeweilige Antheil an den Schulgeldern u Honoraren kommt, welcher sich in Deinem Falle immerhin auf ungefähr 1000 frcs belaufen würde. (Lübke hat immer 70–80 Zuhörer). Sodann hat der Bund für die Lehrer des Polytechnikums einen Lebensversicherungsvertrag abgeschlossen u legt für dieselben 4–5% des Betrages ihres Gehaltes ein. – Die Anstellung würde eine lebenslängliche sein mit Pensionsrecht im Falle der Unfähigkeit durch Alter oder Krankheit. Die Unterrichtspflicht erstreckt sich auf höchstens 12 Stunden die Woche, kann aber mit 6-7 Stunden erfüllt werden.

Das ist ungefähr, wessen ich mich aus unserer eifrigen Unterhaltung entsinne. Es ist durchaus nichts besonders Brillantes, obgleich nach den hiesigen Verhältnissen sehr günstig.

Ich glaube schwerlich, daß Du dich aus der dortigen Situation leicht wirst los machen wollen, namentlich da Dresden in Beziehung auf die eine Hälfte Deiner geistigen Existenz, nämlich auf die Kunstseite, ein ungleich glücklicherer Schauplatz ist, als Zürich, obgleich hier, in einem hübschen lustigen Lande, das Robinsonsvergnügen des Aufbauens u Anpflanzens dafür zu haben ist. Auch wäre der Gedanke gewiß nicht ganz zu verwerfen, die guten Jahre noch einmal zu einem Aussegeln in die volle, freie Welt zu benutzen.

Eine Eventualität kommt mir auch noch in Betracht; ich fürchte nämlich, daß Vischer über kurz oder lang hier fortkommt, da er bei seinem süddeutschen u sonstigen eigenthümlichen Wesen immer nach Schwaben oder da herum zurückstrebt. Obgleich ich nun keineswegs auf seinen Abgang spekuliren möchte, so stellt es sich doch unwillkürlich dar, daß wenn du dann als Professor der Kunst- u Culturgeschichte hier wärest, die Literaturgeschichte u alles von Vischer besorgte Dir von selbst zufiele nach Auswahl u die Stelle in ökonomischer Beziehung wesentlich verbessert, in geistiger Hinsicht aber eine ganz ehrwürdige universelle würde.

Doch will ich Dich nicht länger beschwindeln u beschwatzen, sondern Dich nur bitten, aus alter Freundschaft mich mit zwei Worten in den Stand setzen zu wollen, Hrn. Kappeler zu einem weiteren Schritte aufzumuntern, wenn Du es für zulässig hältst. Auch bitte ich, dieß beförderlich thun zu wollen, da er wahrscheinlich bald sich weiter wird umsehen müssen.

Ich habe Dich im Geiste schon vor einem Auditorium von 200 Leuten aus aller Herren Länder gesehen wieder einmal über philosophische Dinge losschießen und die Geister durcheinanderrütteln.

Wir haben hier eine freisinnige theologische Fakultät, u einen immer reger werdenden Entwicklungskampf in kirchlichen Dingen. Aber in der Philosophie geht gar nichts vor. Es ist ein alter Bratenphilosoph da; etwa ein Publikum von deiner Façon à la Heidelberg u Jena würde da nicht in’s Wasser fallen.

Ich habe jetzt einen zweiten Band Leute von Seldwyla fast u gar fertig u mich überhaupt wieder besser an’s Schriftstellern gewöhnt.

Lebewohl u sei vergnügt

Dein alter bestens grüßender

Gottfr. Keller.

Zürich d. 27 Febr. 1866.

  
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