Title:

Keller an Heyse - 27.07.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Paul Heyse - 27.07.1881


Zürich 27 Juli 81

Lieber Freund! Ich habe in Euerer Schützenzeitung gelesen, wie Du mit einem Festamte belehnt bist, und schließe daraus, daß du diesen Monat jedenfalls dort noch aufhältig sein wirst. Daher schreib’ ich noch schnell, nicht daß Du gleich lesen sollst, sondern damit du den Brief mit anderm Alltagszeuge bequemlich vorfindest, wenn der Jubel verbrauset ist und deine Festinsignien hoffentlich recht bestäubt und mit Wein getränkt auf dem Tische liegen. Denn ich denke mir, es dürfte eine nicht unheilsame Vorkur sein, wenn du vor dem Seebade eine Woche lang an dem warmen Volksherde sitzest, aller Sorgen vergessend und nach Thunlichkeit mitthuest. Nachdem Du aber mit der Epistel an Lingg so famos deinen Tribut bezahlt, dürftest du freilich mit weiterem Verseschmieden während dieser Zeit nicht mehr fortfahren, sondern nur den Becher schwenken.

Wegen meines verspäteten Dankes für deinen guten Junibrief will ich mich nicht lang entschuldigen; vielmehr möchte ich die Aufmunterung ergehen lassen, daß wir uns ja kein Gewissen daraus machen wollen, so lang und so fröhlich zu schweigen, als es uns nicht anders gelingen mag, jederzeit gegenseitig der treulichsten Gesinnung versichert. So fühle ich, gröber organisirt, als gewisse andere Leute, gegenwärtig keine Gewissensbisse darüber, daß ich die staffelförmige Schlachtordnung deiner neuen Provence-Novellen noch nicht besprechen kann, und wenn ich auch noch so neugierig bin. Die Buchausgabe werde ich freilich nicht abwarten; dagegen muß ich den Herbst abwarten, bis ich die verschiedenen Zeitschriften u Hefte kann in’s Haus kommen lassen.

Natürlich war ich nichts desto weniger froh über deine Nachricht betreffend des Sinngedichts, und gedenke die Winke, die du mir gegeben, bei der Revision klüglich zu benutzen. Nur zwei allgemeine Bemerkungen, aus der eigenwilligen Natur des Menschenthums erwachsend, muß ich mir zu Schulden kommen lassen. Einmal bezüglich der psychologischen Motivirung. Wir sind nachgerade gewöhnt, psychologisch sorgfältig ausgeführte kleine Romane Novellen zu nennen, und würden den Werther, den vicar of Wakefield und d. gl. heut ebenfalls Novellen nennen. Dem gegenüber, glaubte ich, könne man zur Abwechslung etwa auch wieder die kurze Novelle cultiviren, in welcher man puncto Charakterpsychologie zuweilen zwischen den Seiten zu lesen hat, resp. zwischen den Facti, was nicht dort steht. Freilich darf man dabei keine Unmöglichkeiten zusammenpferchen, und immerhin muß der Eindruck gewahrt bleiben, daß dergleichen vorkommen könne und in concreto die Umstände wohl darnach beschaffen sein mögen. Sind dann die Ereignisse nicht interessant genug, daß sie auch ohne psychologische Begleitung fesseln, so ist der Handel freilich gefehlt.

Das Andere betrifft die unglückseligen Barone, die an Kuhschwänzen geschleppt werden. Diese schöne Erfindung, die wahrscheinlich dem Büchlein Schaden zufügt, gehört zu den Schnurren, die mir fast unwiderstehlich aufstoßen und wie unbewegliche erratische Blöcke in meinem Felde liegen bleiben. Die Erklärung ihrer Herkunft soll nicht prätentiös klingen. Es existirt seit Ewigkeit eine ungeschriebene Comödie in mir, wie eine endlose Schraube (vulgo Melodie), deren derbe Sceenen ad hoc sich gebären und in meine fromme Märchenwelt hereinragen. Bei allem Bewußtsein ihrer Ungehörigkeit ist es mir alsdann, sobald sie unerwartet da sind, nicht mehr möglich, sie zu tilgen. Ich glaube, wenn ich einmal das Monstrum von Comödie wirklich hervorgebracht hätte, so wäre ich von dem Uebel befreit. Vischer definirt es als „närrische Vorstellungen“ und scheint ihm eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. Stellt man sich übrigens die Sceene als wirklich dramatisch aufgeführt, mit genügendem Dialog versehen, vor, so verschwindet das Verletzende und glaube ich, würde an seiner Stelle sich sogar ein gewisser Reiz einfinden. Die Braut kann und darf ja nichts von dem Sachverhalt wissen und Niemand kennt ihn, als der Mann und die drei Schurken, die seiner Geliebten u Erwählten so viel Schmach und Leid zugefügt haben. Er ist aber schon früher als ein Mensch geschildert worden, der neben dem Hang zum Wohlthun einen scharfen richterlichen Bestrafungstrieb dem Unrecht gegenüber hegt. Er also, der überhaupt ein Absonderling ist, erhöht lediglich seine Hochzeitsfreude durch den Strafakt; mithin bleibt Niemand übrig als der Zuschauer, der ja Alles übersieht und beruhigt ist. Die Unwahrscheinlichkeit betreffend (von der größern oder kleineren Geschmacklosigkeit einstweilen abgesehen) so ist sie in allen diesen Fällen die gleiche. Auch die Geschichte mit dem Logau’schen Sinngedicht, die Ausfahrt Reinharts auf die Kußproben kommt ja nicht vor; Niemand unternimmt dergleichen, und doch spielt sie durch mehrere Capitel. Im Stillen nenne ich dergleichen die Reichsunmittelbarkeit der Poesie, d. h. das Recht, zu jeder Zeit, auch im Zeitalter des Fracks und der Eisenbahnen, an das Parabelhafte, das Fabelmäßige ohne Weiteres anzuknüpfen, ein Recht, das man sich nach meiner Meinung durch keine Culturwandlungen nehmen lassen soll. Sieht man schließlich genauer zu, so gab es am Ende doch immer einzelne Käuze, die in der Laune sind, das Ungewohnte wirklich zu thun, und warum soll nun dieß nicht das Element einer Novelle sein dürfen? Natürlich Alles cum grano salis.

Schlimmer bin ich aber mit dem Kameel daran, das du nicht verdauen kannst. Die sociale Unschicklichkeit dieses Ausdruckes fiel mir nicht ein. Das Fräulein in der Rahmenerzählung braucht irgendwo den Ausdruck: mit einem Gedanken schwanger gehen. Von verschiedenen Seiten sagte man mir, das sei im Munde einer heutigen Dame anstößig. Das Zusammentreffen der beiden Fälle beweis’t mir also, daß ich in der Sprache nicht auf dem Niveau der guten Gesellschaft stehe. Die unerlaubte Schwangerschaft habe ich beseitigt; dagegen bin ich mit dem Kameel in Verlegenheit, da es mit der Katastrophe der kleinen Geschichte verwachsen ist. Ich hatte geglaubt, der drastische Ausdruck u Begriff könne mit Fug stattfinden, wo es sich um ein verdrehtes Landmädchen und einen nichtsnutzigen Zierbengel handelt, wie man die geeigneten Gesellschaftsklassen sich auf anderweitige Weise injuriren, beschimpfen und fluchen läßt, ohne Anstoß zu erregen. Das scheint nun nicht so zu stehen und ich muß wol für eine andere, weniger verpönte Grobheit sorgen; denn ohne Noth möchte ich das so schon leichtfüßige Zeug nicht ungenießbar machen.

Jetzt aber, mein Lieber, langweile Dich nicht zu sehr über die vielen Worte und nimm sie für nichts anderes, als ein Mittel, mich selbst zu belehren und meine mangelhaften Gedanken einen Augenblick zu fixiren!

Meine obige Hoffnung auf eine achttägige fröhliche Sorglosigkeit für dich geht mir halbwegs wieder zu Wasser, da ich mich plötzlich erinnere, daß während der Festzeit Dramen von Dir aufgeführt werden. Wenn Du nicht ganz verpicht bist gegen die dießfälligen Verdrießlichkeiten und Ablenkungen, so wird der Anklang an olympische Spiele, der sonst in dem Faktum läge, seine Wohlthat nicht voll ausüben können. Auf den Alkibiades mit die nackte Fieß freue ich mich außergewöhnlich; die Zeit für diese Stücke kommt schon wieder einmal. Uebrigens mag ein Hauptgrund ihrer Unpopularität in dem absoluten Ungeschick liegen, das antike Costüm zu ordnen und zu brauchen. Die schmälichen Blousen und rosenrothen Beine der Männer können auch einem Gebildeten die Freude des Sehens verleiden, so gut wie das dumme Behaben der Weiber. Der Vorgang der seligen Rachel scheint ohne alle Wirkung geblieben zu sein.

Mich wundert ein bischen, daß du mit dem Roland neben dem perpendikularen Spargelbeet oder Regenstrich-Maler Doré hast arbeiten mögen; es wird sich freilich um das Belieben des Buchhändlers, sowie um deine Pietät gegen Kurzen handeln, o Protector poetarum transmontanorum cisque (sic)!

Möge nun der Himmel mit Euch sein und dem ganzen Haus Paul Heyse eine sommerliche Heilspause verleihen! Mögen auch deine Glieder fortfahren, Dich zu zwicken, wenn dabei fortwährend so manigfaltig geschafft und gewirkt wird! Scherz bei Seite jedoch glaube ich, die Zeit des Leidens werde allmälig jetzt ablaufen und der Inhaber deiner Nerven sich für einen weiteren Lebensabschnitt consolidiren.

Sei mit Frau Gemahlin und Fräulein Tochter und mit der gnädigen Mama feierlichst gegrüßt (letztere natürlich unter dem Vorbehalt, daß wahr sei, was Du von ihr aussagst) und komme im Herbste nur gesund wieder zum Vorschein am Horizonte deines

G Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum