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Keller an Exner - 27.08.1875

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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27. 8. 1875 Gottfried Keller an Adolf Exner


Zürich 27 Augustus 1875.

Lieber Freund!

Wo sind Sie eigentlich? Ich denke, vielleicht wieder wo letztes Jahr um diese Zeit, in Reith bei Brixlegg? Was ist’s mit der Burg Matzen, ich sah letzthin deren Bildniß in einer illustrirten Zeitung mit dem Bericht, daß jetzt ein Engländer darin wohne, der die alten Geschichten Tirols studire u beschreiben wolle. Sollte dieser geschichtskundige Engländer die gnädige Frau von Matzen sein?

Sie sind also bereits ein doppelter Onkel geworden, nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht Großonkel werden, eh’ Sie selbst nur Vatter oder so was geworden sind, es ist im Umsehen geschehen.

Wie stehts mit Ihrem Kronprinzen? Können wir ihn bald zum Ehrenmitglied des schweizerischen Juristenvereins ernennen, vorausgesetzt, daß er ein Fäßchen Bier ponirt?

Wollen wir nicht nächstes Jahr wieder einmal an den Mondsee gehen, nur 2 oder 3 Wochen? Es war doch sehr vergnügt dort, auch ist der beiläufige Aufenthalt im Hôtel So u so in Salzburg sehr bei mir angeschrieben wegen der Rebhühner u des Gumpoldskirchners. Hier in Zürich ist jetzt ein hübsches Café auf der Meise (mit den schönen eisernen Barrokbalconen) da sitzen wir in den schönen Säälen u trinken zum Andenken – eine gute Flasche Gumpoldskirchner für 3 Frk 50 Rappen! Öfter als nöthig ist! Das heißt ich bin jetzt doch Abends meistens zu Hause auf meinem Bürglibühel. Aber am Samstag Abends oder Sontags, da bleib’ ich in der Stadt u dann sauf ich für sieben Mann! Ich sag’ Ihnen! Und provocire die besten Weine, daß die andern Viecher, die Weib u Kinder haben, mit sauersüßen Mienen in die Tasche greifen, wenn sie mir, wie projektirt, die Schmiere nicht haben anwürfeln können. Dann humple ich, oft lange nach Mitternacht, die dunkle Engestraße hinaus auf das Bürgli u weiß trotz der Beladung den Messerstichen der italienischen Eisenbahnarbeiter sehr geschickt auszuweichen, welche sich die ganze Straße entlang gegenseitig in den Seiten kitzeln, anstatt die Seebahn fertig zu bauen, auf der wir nach Glarus fahren wollen, wenn Sie herkommen.

Dilthey hat, wie Sie übrigens wissen werden, einen splendiden Ruf nach Graz ausgeschlagen u geht über den Winter zur Belohnung mit Urlaub nach Griechenland. Er ist ein wankelmüthiges Schiff, wenn er sich überhaupt nicht verstellt. Noch nicht lange sagte er, er ginge gerne nach Graz, um von der Archäologie los zu kommen u wieder der literarischen Philologie habhaft zu werden u jetzt stürzt er sich mit neuer Wuth auf die erstere! Da hat er übrigens Recht, wenn er immer gerade thut, wozu ihn der Geist treibt!

Ihren letzten Brief habe ich gerade nicht zur Hand. Zu beantworten fällt mir einzig ein Ihr Wunsch nach Beseitigung der politischen Rethorik oder Kannegießerei in der Geschichte von den 7 Aufrechten. Diesen Rath werde ich bald zu erwägen haben, da die Ausgabe dieses Jahr noch zu Stande kommen wird unter dem Titel Züricher Novellen. Die neuen Geschichtchen kommen zuerst in die deutsche Rundschau von Rodenberg u heißen: Herr Jacques, Hadlaub, der Narr auf Manegg u der Landvogt von Greifensee. Hier wird überall nicht politisirt sondern nur fabulirt u Comödirt. Wenn ich nochmals damit über den Graben komme, ohne unterzuplumpsen, so kann ich nachher noch Manches machen, da Alles neu geschrieben ist u nirgends von alten Conzeptionen u Fragmenten gezehrt wird. Es sind Sachen aus dem 13t., 14 u 18 Jahrhundert z. B. die Entstehung des sog. Manesseschen Codex oder der Pariser Handschrift des Minnesanges, die Zerstörung der Burg Manegg am Albis ein Jahrhundert später, die von einem Verrückten bewohnt war, durch lustige junge Zürcher u. s. w. Der Landvogt ist ein origineller Zürcher, Landolt, aus dem vorigen Jahrhundert der als Junggeselle gestorben ist. Der haus’t auf dem Schloß Greifensee jenseits des Zürichberges u ladet auf einen Sonntag, um sich einen Hauptspaß zu machen u auch ein Erinnerungsvergnügen, nach all’ den vorübergegangenen Liebesstürmen 6 oder 7 hübsche Weibsbilder ein, die ihm alle Körbe gegeben haben, um sie einmal alle beieinander zu haben u zu sehen. So kommen sie zusammen, ohne es zu wissen. Jede glaubt seine besondere gute Freundin zu sein u jede will ihn besonders bemuttern u bevormunden u nun knüpft er ihnen die Haare ineinander, daß es eine Hauptlustbarkeit absetzt, d. h. wenn ich’s machen kann, denn gerade diese Partie muß ich noch schreiben, das ist eben der Teufel! Sechs oder sieben Mädel, die alle artig u liebenswürdig sind, keine der andern gleicht u auch jede etwas komisches hat. Da kommts nun wahrscheinlich auf eine recht deutliche u bündige Exposition aller einzelnen an, eine nach der andern, daß ihre Rollen am Tage des Gerichts schon von selbst gegeben u vorgeschrieben sind.

Mit den Dunker Novellen kommts allmälig auch in’s Klare. Ich komme aber nicht von ihm los. Er hat mir sehr artig geschrieben u will ein neues Abkommen treffen, ganz nach meinem Wunsch u Vorschlag u das alte Verhältniß aufheben, wenn ich ihm das Werklein nur verabfolge. Da kann man doch nicht wohl anders.

Mein Stuttgarter will den Grünen Heinrich, der vergriffen ist, neu herausgeben; da muß ich mich auch dahinter machen mit Abkürzungen, neuem Anfang u neuem Schluß u einheitlicher Form, so daß ich diesen kommenden Winter wie in einer Fabrik sitzen werde, mit schwarzen Tintenfingern und vor Eifer u Eile die Nase nur mit dem Rockärmel wischend, das wird schön aussehen, pfui Teufel!

Von den Leuten von Seldw. will er auch eine neue Auflage machen, eine wohlfeile Volksausgabe. Wo das Volk herkommen soll, weiß ich nicht; wohl aber merke ich, wo die Wohlfeilheit, nämlich aus dem ermäßigten Honorar, wie er mild andeutete, als ich ungefährlich danach fragte; nun könnte sie ebenso gut aus dem ermäßigten Gewinn geschöpft werden. Es wird also auf diesem Punkte, auf diesem unscheinbaren ideellen Gebietstheilchen ein diplomatisches Gefecht geschickt geliefert werden müssen. Bleibe ich Sieger darin, so will ich mich bei Bismark oder Andrassy als neuer Bernhard Meyer um Arbeit anmelden, der ja auch nur ein schweizerischer Staatsschreiber gewesen ist.

Nun ist es aber Zeit in’s Bett zu gehen, es schlägt 11 Uhr. Morgen ist wieder Kneiptag, es dürstet mich jetzt schon danach u muß schnell Wasser trinken, da nichts anderes da ist!

Ueberlegen Sie sichs wegen des Mondsee im nächsten Jahr. Man würde aber öfter mit dem Dampfbootchen nach dem Ort Mondsee selber fahren, um in jener gemüthlichen Laube Mittag zu essen, wo wir zuletzt gewesen sind. Ein Jagdgewehr könnte ich auch mitbringen u würde versprechen, Euch Andern nicht höher in die Beine zu schießen, als Euere geschmierten Stiefel reichen.

Mit Gruß u bieder’m Handschlag
Ihr G. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
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