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Heyse an Keller - 28.05.1878

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Paul Heyse an Gottfried Keller - 28.05.1878


Als ich nach Hause kam, lieber Keller, und mit Seufzen den Berg aufgestapelter Novitäten betrachtete, der in sieben Monaten zu einer bedenklichen Höhe angewachsen war, begrüßten mich trostreich in dem Wust die beiden neuen Bände der Zürcher Novellen. Nun haben mich in dieser wunderlichen Stimmung, aus der ich noch immer nicht wieder auftauchen kann, immer noch von Stimmen des Verlorenen umklungen und von fast spukhaften Gesichten auf Schritt und Tritt begleitet, Deine schönen festen Gestalten zum ersten Mal wieder mit einem warmen Antheil an etwas Fremdem durchdrungen, und heute die lieblichen und ganz mit Deinem Blute getränkten Verse in der Rundschau, und ich will es nicht länger aufschieben, Dir die Hand zu drücken. Ich setzte mehr als Einmal an, in dem römischen Winter Dir einen Gruß zu schicken; aber so sehr ich von dem guten Willen guter Menschen, und dem Deinen insbesondere, mit mir Geduld zu haben, überzeugt bin, so klar bin ich doch auch über die Unmöglichkeit, meinen gebundenen und zusammengeschnürten Zustand einem Freunde verständlich zu machen, der nichts Ähnliches besessen und verloren hat. Ich merke es nur zu deutlich meinen ältesten Intimen an, daß sie die Köpfe schütteln und die Achseln zucken, weil die ganze Apotheke von philosophischen Hausmitteln mir nicht auf die Beine helfen will. Ich bin aber leider so mürbe geworden, daß selbst das Aufrütteln durch die Scham vor mannhafteren Kreuzträgern nicht mehr bei mir verfängt. Mein armes Weib schleppt zu allem Andern ihre physischen Leiden hin, bei mir ist wieder der alte Nerven-Belagerungszustand ausgebrochen und hält jede rüstige Arbeit nieder. Nun sollen wir im Juli Hochzeit halten, dann ins Engadin zum heiligen Moritz wallfahrten, der schon einmal ein Wunder an uns gethan hat. Aber wenn wir uns auch ein wenig zusammengeflickt haben, am Besten wird es darum immer noch fehlen.

Ich merke jetzt erst, daß ich ins Du hineingerathen bin. Es wäre schön, wenn auch Du es so natürlich fändest, wie es mir war und ist. Ein leichtsinniges Smolliren ist’s doch wahrhaftig nicht, wenn Du bedenkst, wie lang es her ist, daß wir den ersten Trunk Wein mit einander gethan haben.

Ich habe die sieben Aufrechten wiedergelesen, mit jener allerwohlthätigsten Rührung, die aus dem einfach Echten und Liebenswürdigen quillt. Die Ursula war mir zuerst fremder, die schönen scharfen Züge des ersten Theils gingen mir gleich ins Blut, dann verkühlte sich etwas der Antheil, da die Hauptfiguren zurücktraten, nun aber blieb auch hier eine ganze, reine und starke Nachwirkung zurück und ich finde, daß Alles so sein muß. Du hast Alles, was mir fehlt, lieber Theuerster. Niemand betrachte ich mit wärmerem, froherem Neide, der Eins ist mit dem herzlichsten Gönnen, da alles Gute des Andern auch uns zu Gute kommt. Lebe wohl und laß einmal von Dir hören. Mein „Frauenzimmer“ grüßt schönstens und hofft Dich bald einmal wiederzusehen.

Treulichst Dein
PaulHeyse
München. 28. Mai 78.

  
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