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Melos an Keller - 28.08.1882

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 28.08.1882


Düsseldorf IV.
Herderstraße 31.
den 28. Aug. 1882.

Theuerster Freund!

Mit wem könnte ich mich wohl am Geburtstag des „Unerreichbaren“ lieber u. besser unterhalten als mit Ihnen? Wer hegt wohl größere Verehrung für den „Alten“ u. wer versteht ihn besser zu würdigen als Sie? Sagt man doch – u. gewiß mit vollem Recht – daß nur Ihre Prosa der des Unsterblichen zu vergleichen sei. Nun werden Sie das vielleicht wieder für ein Compliment halten, was es doch gar nicht sein soll, u. ich will nur frisch darauf weg ohne Einleitung, u. ohne Präludium in höheren Tonarten, vorerst meinen allerschönsten Dank für den lieben Briefsegen aussprechen, der den 19. Juli so hell erleuchtete u. der „Herben, Bittern“ (deshalb liebe ich Maria) auch noch nachträglich den Tag verherrlichte. Es ist doch schön, daß wir einen Geburtstag haben, wobei ich jedenfalls besser wegkomme wie Sie. Auch hat mir noch nie ein X Band einen so lieben Brief eingetragen, wie die Ihrigen, weshalb ich mich eigentlich noch besonders bei dem hiesigen Geschichts- u. Staatskalendermacher bedanken möchte. Er zeigt sich wenigstens als einen gebildeten Mann, der – wenn er auch vielleicht Ihre Dichtungen nicht kennt – doch zu sagen weiß wann Sie geboren sind. Was soll ich aber zu den drei Generationen der orientalischen Wagnerianerinnen sagen, die am 19. Juli mit Gottfried Keller zu Mittag essen u. so unwissend sind diesem Meister kein Hoch auszubringen? Freilich waren Sie „Erinnen“, da sie die Rache über die eignen Häupter herauf beschworen u. sich der reinsten Freude beraubten. Aber deutsch gesagt waren sie Schafsköpfe, oder auch Gänse, woraus Sie mit besonderer Genugthuung sehen können, daß ich Ihre Werke nicht ohne Nutzen studire. Mir ist’s nicht so gut geworden wie Ihnen am 19. Juli. Ich habe kein feierliches lucullisches Mahl in orientalischer Gesellschaft u. Weise eingenommen, keine lauten u. stille Toaste ausgebracht, sondern meine Suppe mit Rindfleisch, Bohnen u. Griesbrei ganz allein verzehrt. Die Sache verhielt sich so. Zu Krefeld war am 18. Juli Abends feierliches Verlobungsfest, wozu das Trio der Herderstraße natürlich eingeladen war, da sich eine Verlobung nicht gut ohne Bräutigam feiern läßt. Indessen ließ ich Mama u. Sohn allein fahren u. in Krefeld übernachten, da ich die eigentliche Verlobung schon mitgefeiert hatte und meinen Geburtstag auch daheim antreten wollte. Da nun Ida u. Percy Hotspur¿ in Krefeld fest gehalten wurden, um zu Mittag die „Gespenster“ (schlesischer Ausdruck für Ueberbleibsel) mit aufzuzehren, so dinirte ich allein. Obgleich nun Niemand zu sehen war, hatte ich mir doch meine liebsten Freunde eingeladen u. saß vergnügt mitten unter ihnen. Daß Sie nicht fehlten, bester Freund, versteht sich wohl von selbst. Ich hatte Ihnen sogar als Held des Tages den Ehrenplatz eingeräumt, den Sie auch würdig behaupteten, weshalb ich wohl so eine stille Ahnung Ihres heimlichen Toastes in Zürich gehabt haben muß. Im Lauf des Nachmittags kamen die Gefeierten von Krefeld heim – u. nun ging’s erst an die rechte Feier. Abends erklangen die Gläser u. es wurde ein sehr harmonisches „Hoch soll er leben etc.“! auf Gottfried Keller gesungen.

Da ich Sie nun hoffentlich in eine milde Stimmung gebracht habe, muß ich doch – aber nun zum letzten Mal – erwähnen, daß „der Hecht doch blau ist“, was Sie bei einem Frauenzimmer ganz natürlich finden werden. Sie ahnen schon daß ich auf Regine anspiele. Ich muß Ihnen freilich als Autor das Recht einräumen, die arme Regine sterben zu lassen – aber ich kann nimmermehr dem Dichter das Recht einräumen, einen so unästhetischen Tod zu wählen. Ich könnte Ihnen bogenlang darüber schreiben, was aber jedenfalls sehr langweilig für Sie sein u. auch zu gar nichts helfen würde. Eins aber möchte ich erwähnen, was mir nicht allein bei Ihnen, sondern schon bei andern Schriftstellern (ich will hier nur Ebers Homo sum anführen) aufgefallen ist. Dichter, welche nicht zugleich gläubige Christen sind, sollten in den Entwickelungen ihrer Charaktere dies Gebiet vermeiden. Regine betet die ganze Nacht hindurch, ehe sie die größte Sünde begeht, mit vollem Bewußtsein u. reiflicher Ueberlegung sich das Leben zu nehmen. Das ist für mich undenkbar. Auch Ihr „verlornes Lachen“ hat eine solche Klippe, weil Sie eben das wahre Christenthum nicht kennen oder nicht kennen wollen. Der Apostel mahnt mit Recht: „Seid allezeit fröhlich.“ Ich meine, das kann auch nur der Christ, selbst wenn er in tiefer äußerlicher Trübsal sitzt, wovon ich jedoch die innerliche nicht ausschließen will.

Nun bin ich aber fertig, u. Sie müssen mir nicht zürnen, daß ich meine Ansicht aussprach u. nicht etwa denken, daß ich mich nicht von ganzer Seele über das herrliche Sinngedicht gefreut hätte. Ich freue mich daran, so oft ich’s nur zur Hand nehme. Sie müssen auch nicht glauben, „daß man uns nur gelten ließe, wenn wir gegangen sind“. Ich sollte doch meinen, das dürften Sie am allerwenigsten denken. Wenn wir gegangen sind, so urteilen die Menschen nur liebevoller u. es liegt gleichsam ein Verklärungsschimmer auf unsern Handlungen u. Leistungen.

Sie steigen also von Ihrer luftigen Höhe hernieder u. begeben sich in die Gegend in welcher wir vor 36 Jahren hausten. Das war uns eine ordentliche Freude. Auch sympathisiren Schwester Ida u. ich sehr mit Ihrer lieben Schwester, die wir herzlich zu grüßen bitten, da wir gewöhnlich auch keinen Athem mehr haben, wenn wir eine Höhe erklimmen. Wir unternehmen also keine Besteigung des Montblancetc. Dagegen übersende ich Ihnen die versprochenen jugendlichen Springinsfelde, denen der Athem noch nicht ausgeht, was auch schlimm wäre, da sie ja erst im Begriff sind die Höhe des Lebens zu erklimmen. Wie gefällt Ihnen das Pärchen? Hat sich Percy nicht auch so ein liebes Sinngedichtchen ausgesucht?

Und nun noch die allerherzlichsten Grüße von Schwester Ida u. ihre u. meine besten Wünsche zu einem glücklichen nicht allzu ungemüthlichen Umzug. Denken Sie auch fernerhin freundschaftlichst unser u. erfreuen Sie uns dann u. wann theuerster Freund, mit guten, weisen Worten.

Allzeit
Ihre
getreue
Maria Melos.

  
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