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L. Duncker an Keller - 29.02.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Lina Duncker an Gottfried Keller - 29.02.1856


Berlin den 29ten Febr. 1856.

Lieber Herr Keller!

Wir danken Ihnen sehr für Ihren lieben Brief, Alles was Sie uns schreiben über sich Ihre Frau Mutter, Ihre neue Situation interessirt uns, und Sie würden uns große Freude machen, wenn wir zuweilen fernere kleine oder größere Briefe erhielten. Sie sehen ich antworte auch, sobald ich es mit Muße kann, der Winter und seine rastlose Geselligkeit haben mich zeither daran gehindert, und hundertmal hat mein schreibfauler Mann gesagt: „Lina schreibe an Gottfried Keller, denk mal was das heißt ehe so ein Brummbär schreibt, und erkenne darin daß er uns nicht abthun will wie sonstige Strolche und Menschenfresser.“ Natürlich kann er nicht selbst dazu kommen, trotz der geistigen Verwandschaft der Brummbärennatur, er steckt sich bei alledem hinter seine rasenden Geschäfte, bei denen wir, wie Sie ganz richtig einmal schrieben ganz arm werden. – Wie edel, dß Sie unsern Ruin verzögern, dß Sie Ihre kostspieligen Novellen noch nicht schicken, die Tirannei über uns noch nicht ausbrechen lassen. Aber Sie wissen, ein ungewisses Schicksal, das wir noch nicht kennen, von dem wir aber glauben dß es nicht sehr erbaulich und angenehm sein wird, flößt uns ein sehr unbehagliches Gefühl ein, wir wollen lieber über die Ungewißheit weg sein, also machen Sie ihr gnädig ein Ende, senden Sie endlich Manuskript, und wir wollen sehen ob man wirklich so ganz arm daran wird, wie Sie boshafter Weise wünschen. Sie stehen sich schlecht mit dem Lieben Gott, Ihre Wünsche wird er nicht unbedingt erfüllen. –

An unserm Himmel ist eine elektrische Sonne aufgegangen, vorläufig leuchtet sie zwar bloß und erwärmt noch nicht, aber ich denke dß ihre Strahlen nicht kalt bleiben. – Herr Bernstein hat nämlich eine Erfindung gemacht auf einem elektrischen Draht gleichzeitig die Depeschen zu befördern, und Franz betheiligt sich an den Kosten und Erträgen dieser Erfindung. Die beiden Herren sind geblendet von dem kommenden Glanz und Gold unserer Häuser, ich bin ein sehr nüchterner ungläubiger Thomas, und wenn ich nicht wenigstens eine goldene Wiege daraus kommen sehe, mit der ich als Rivalin der Kaiserin Eugenie auftreten kann, so finde ich wirklich das Geschrei zu groß gegen die Resultate. – Mein Mann muß leider bald wieder nach England, für die Patente und den Verkauf der Erfindung sorgen, das ist hart wenn der Frühling in den Garten scheint, und wenn man andererseits auch nicht mit hinaus kann, ich bin ungern allein, so wenig ich auch von seiner schweigsamen starren Natur habe, er ist doch der Schwer- und Mittelpunkt um den sich alle meine Interessen drehen. Die Gedanken und Wünsche und Bestrebungen einer Frau zersplittern sich nicht, wie die eines Mannes, und es bleibt für uns immer traurig dß wir mit unsern intensiven Empfindungen unnütz vorkommen, sie werden nicht verlangt und nicht verbraucht. Nur an die Kinder verschwendet man sie ohne Rückhalt ohne alle Bitterkeit und ohne jede Erwartung auf Anerkennung. – Meine Kinder sind zudem so gut, dß ich ihrer gar nicht werth bin, aber da auch hält man keine Abrechnung untereinander es ist ein ungestörtes ungetrübtes Empfinden, Geben und Nehmen.

Meine Schwester ist selig in Italien, jetzt eben hat sie Rom verlassen und wird wohl in Palermo angekommen sein, findet sie auf dem Rückweg über Rom irgendwo eine fernere Gesellschaft für Italien, so wird sie wohl erst im Herbst wiederkommen. Sie schickt lange, ausführliche ganz originelle Briefe, was eine selbständige Natur genießt, was sie berührt, was sie glücklich und unglücklich macht, das hat für den Nachempfinder doch immer wieder sein Neues und Gutes, so viel Briefe und Beschreibungen aus Rom auch schon da sind; ich habe den Auftrag Sie zu grüßen, obgleich Sie stets so unartig und mürrisch wie möglich gegen sie gewesen seien. Wir führen zuweilen, Betty und ich, eine kleine Scene auf, in der ich Keller spiele. Sie können denken wie natürlich das ist. Es handelt sich um ein bijou, was Sie fallen ließen. So nannten Sie wenigstens irgend ein, einer Schaale entfallenes, Ding. – Meine Schwester hebt es auf, – unerhört freundlich huldvoll von einem schönen großen stolzen Mädchen. Sie präsentirt es Ihnen und Sie kratzen es ihr ungestüm und barsch aus der Hand, und legen es an Ort und Stelle, ohne Dank ohne irgend ein schmeichelhaftes oder erstauntes Wort. – Betty steht erstarrt vor Ihnen. Als revange für Ihren mir in der Kneipe angethanenen Unglimpf gebe ich Ihnen diese Geschichte zum Besten. – Kürzlich habe ich übrigens auch eine Frauenrolle gespielt, wir haben [bei] bei meinem Schwager ein kleines Konversationsstück aufgeführt, in dem ich, ein Referendar Roth und ein Genfer, Herr Tilen,, mitspielten. Es ward sehr munter und frischweg gespielt, obgleich kein Stichwort bei mir haftete, ich richtete mich nur nach der Situation, und nach dem Gedankengang. Sonst sind die Gesellschaften hier immer so ziemlich dieselben, ich bin gar nicht blasirt, und wo man mir nur einigermaßen Freiheit gestattet, amüsire ich mich ganz leidlich, und die ewigen Klagen und Entzückungen mache ich nicht nach. Man muß das Leben, besonders die Menschen nicht zu schwerfällig behandeln, sich nicht zu bequem gehen lassen, und von andern nicht zu viel verlangen, und sein Glück und seine Befriedigung wo anders gefunden haben. –

Unsern Bekannten und Freunden gehts gut außer Vehse, zu 6 Monaten verurtheilt, sitzt er deren schon 1, und wäre so leidlich zufrieden wenn nur nicht aus allen Ecken neue Befürchtungen für neue Processe auftauchten, und wenn er sich nicht Vorwürfe machte, seine liebe vortreffliche Tochter so gekränkt und in Fatalitäten gebracht zu haben. – Er geht, sobald seine Haft um ist, nach Genf, und Sie werden weniger schlecht gegen ihn sein, denken und handeln, wenn er der Gast und Schützling Ihres Vaterlandes ist. Fräulein v. Schlichtkrull ist den ganzen Winter krank gewesen, und kann noch kaum das Zimmer verlassen, sie quält sich trotzdem sehr mit alten französischen Diplomaten Intriganten und Regenten herum. Dr. Frese läßt Sie grüßen, und damit will ich mich empfehlen, ich habe ja bei dem langen Briefe ohnehin schon wieder das Gefühl, – fürchterlich wird der Briefbote leiden müssen, wie hier der Knabe Mai, der Ihnen die meinigen brachte, hoffentlich dürfen Sie in Ihrer Mutter Haus nicht so Donnerwettern, wie hier in dem chambre garni der Bauhofsgasse.

Machen Sie Berlin nicht zu schlecht in Zürich sonst gehts Zürich schlecht, wenn ich mal hinkomme, ich kann nicht so gut prügeln und schimpfen wie Sie, aber spotten kann ich besser. – Da Niemand diesen Brief liest, und Sie am besten wissen, daß ich Sie nicht zu schlimm geschildert, so verzeihen Sie mir wohl, wenn ich von Ihren Tugenden, Talenten, Poesie u. s. w. gar nichts gesagt, sondern nur, – nun ich weiß das ja Alles auch und schätze Sie sehr wegen Ihres Mangels an Sentimentalität und Ihrer Verachtung hergebrachten Unsinns.

Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter, wie viel lieber wird sie Ihren Koffer ausgepackt als eingepackt haben.

Von Herzen
Lina Duncker

Zeit zu einem Gruße herunter zu setzen finde ich doch noch, sowie Ihnen zu sagen, daß mir Ihr Manuskript zu jeder Zeit willkommen u. es mich finden soll, wenn Sie es bald senden können. Sollte ich nicht hier sein, wenn es kommt, so werde ich gleichwol Sorge tragen, daß ihm ein guter Empfang bereitet u. es in gutem Kleide u mit den nöthigen Pauken u Trompeten in die Welt hinausgesandt werde

Ihr
Franz Duncker
d. 29/2. 56.

  
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