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Keller an Hettner - 29.08.1851

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 29.08.1851


Berlin d. 29 August 51.

So eben, liebster Hettner, empfange ich Ihre Zeilen, welche mich bei ähnlichen Gedanken, die ich seit einigen Tagen über unsere Verbindung hegte, betrafen. Also einstweilen die Nachricht, daß ich allerdings noch in Berlin bin und zwar immer in der alten Wohnung und auch hierselbst verbleiben werde bis zum Spätherbste, da ich endlich hier, schon im Begriffe, mich davon zu machen, noch gute neue Freunde und Bekannte gefunden und mich entschlossen habe, in Berlin den Grundstein zu meiner restaurirten poetischen Carrière zu legen.

Aus verschiedenen Rücksichten ist es mir unmöglich, ihrem lockenden Vorschlage einer Thüringerreise zu entsprechen, hauptsächlich verhindert mich die Arbeit. Ich habe unerwartet einen Seitenpfad, einen bedeckten Schleichweg in die Flanken des jetzigen Theaterintendanten gefunden, mit Umgehung des furchtbaren Rötscher’schen Vorwerkes, und werde den guten Mann mit einem soeben fabrizirt werdenden Lustspiele überfallen. Wenn Alles gut geht, so kehre ich im Winter, nach einem Besuch in der Schweiz, wieder hieher zurück und suche mich dann, zu vermehrter Uebung, einigermaßen am Theater festzusetzen, wo sich für unsern Bachmayr dann vielleicht auch etwas thun läßt. Ich habe mit Vergnügen Ihren Aufsatz gelesen. Schon längst habe ich auch einen in petto, weiß aber nicht wohin damit, da mir Alle die Notabilitäten der Blätter gleichgiltig oder feindlich scheinen. Zudem kann ich meinen Namen nicht darunter schreiben, da ich, selbst bald mit mehreren Produkten hervortretend, nicht vorher als herausfordernder Rezensent auftreten mag und kann.

Diesen Herbst soll es mit mir endlich vorwärtsgehen, ich kann fast nicht mehr atmen in der alten, verdorbenen Athmosphäre der Vergangenheit und freue mich auf ein wohlgemuthes, rasches und anspruchloses Produziren von Lust- Trauer- und allen möglichen Spielen; denn es ist meine Ueberzeugung, daß man nur durch harmlose und nichtgrüblerische Arbeit, mit welcher man nicht den Himmel stürmen will, endlich zu etwas Gesundem u Glücklichem gelangt.

Ich habe seither die Judith v. Hebbel gesehen von seiner Frau (ich glaube ich saß im Parkett neben ihm, wenn mich nicht einige Zeichen u Symptome trügen) und es machte mir großen Eindruck. Es ist ein ganz gewaltiges und tiefes Stück, wenigstens so viel ich darunter verstand; dies Ringen der Vorweltmenschen mit den Göttern und dem Gotte, die sie in ihrer Naturwüchsigkeit sich geschaffen, ist ein majestätisches Schauspiel. Ich dachte fortwährend an Feuerbach, und wie der einfache und klare Gedanke, dessen allseitige Ausführung seine Lebensaufgabe ist, sich so schön bewährt, daß man ihn überall anwenden kann, in der Kirche, wie im Theater und auf dem Markte, im sprüchebeschriebenen Mausoleum der Berliner-Könige, wie in ihrer Schloßkirche und auf dem Perron der Bahnhöfe, wo Friedr. Wilhelm seine Reden hält.

Ich lebe jetzt in einem angenehmen Kreise einiger geistreichen Leute, einige Kaufleute, Beamte und Privatgelehrte, ruhige und solide Männer von freier Gesinnung, obgleich sie nicht mit einer Partei gehen.

Die Hauptbekanntschaft ist jedoch der Dichter Scherenberg, welcher das Epos Waterloo gemacht hat und nun ein großes Epos über Friedrich den Großen macht. Er ist ein ganzer u voller Dichter, fast fünfzig Jahr alt, aber von jungem Herzen. Er hat sich nach vielen Schicksalen erst jetzt Bahn gebrochen. Der Gegenstand seines Gedichtes wandte ihm natürlich die Aufmerksamkeit u die Gunst des Treubundes und der spezifischen Preußen zu, so daß auf demokratischer Seite und auswärts das Vorurtheil herrscht, als wäre er selbst ein Treubündler. Dem ist aber nicht so; er läßt die Leute machen, Wrangel und andere Generale besuchen ihn in seiner einfachen Wohnung, aber er geht nirgends hin und lebt ganz frei u still für sich. Ich bin überzeugt, daß dieser Mann einer der größten Poeten der nächsten zwanzig und letzten zwanzig Jahre ist. Er hat viel dramatische Einsicht u Erfahrung u wahrscheinlich werden wir einige Zeit zusammen halten und arbeiten, wobei es noch zustatten kommt, daß ihm hier die Thüren offen stehen. So geht es in der Welt!

Doch bitte ich Sie, diese Projekte noch geheim zu halten, vorzüglich weil ich nicht immer über ungelegte Eier gackern mag, ehe die alten einmal in der Welt sind.

Ich sehe einem weiteren Briefe und bald Ihren dramaturg. Studien entgegen.

Haben Sie keine Lust, sich Berlin wieder einmal anzusehen?

Kennen Sie einen Dr. Widmann in Jena, der einen Roman „Tannhäuser“ geschrieben hat? es wird unter meinen Bekannten viel von ihm gesprochen und er intressirt mich gewisser Antezedenzien wegen. Was thut er dort und für was gilt er?

Also viele Grüße und Empfehlungen

von Ihrem
Gottfr. Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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