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Melos an Keller - 30.04.1877

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 30.04.1877


Cannstatt d. 30. April 1877.

Sehr verehrter, lieber Freund.

Für Ihren so sehr lieben Brief vom 3. März hätte ich Ihnen längst einen recht herzlichen Dank sagen sollen, da er mir eine jener Freuden war, die nur selten am Horizonte des Lebens aufsteigen, dann aber auch als Sterne erster Größe stehen bleiben, um uns noch oft mit ihrem sanften Lichte zu erquicken. Freilich haben die Poeten das vor andern gewöhnlichen Menschenkindern voraus, daß sie fortwährend durch ihre Werke neue Herzensfreude, neue Erquickung für den Geist schaffen, und uns durch solche geistige Nahrung im schönsten Verkehr mit ihnen halten u. zum allerwärmsten Dank verpflichten. Solche bevorzugte Menschen können natürlich von den unbevorzugten nur auf direkte oder indirekte Weise erfahren, weshalb Sie selbstverständlich auch nichts von mir hörten. Uebrigens gab’s auch nicht viel zu hören, u. Sie haben keinesfalls etwas dadurch verloren, da ich mein ganzes Leben in verschiedenen Ländern u. Familien geschulmeistert habe u. somit selbst in keine leichte, aber recht heilsame u. nützliche Schule ging.

Auf diese Weise bin ich nun auch in eine sehr passende Einleitung hinein gerathen, um Ihnen gleich für die köstlichen, genußreichen Stunden zu danken, die mir durch Ihre Züricher Novellen in der „Rundschau“ wurden. Leider bin ich nur jetzt auf’s Zappeln angewiesen, da ich erst das Märzheft gelesen habe, welches mit dem „Hanswurstel“ abschließt. Nun bin ich sehr gespannt zu hören, wie sich Grasmücke, Capitain u. Amsel noch benehmen werden u. wie Frau Marianne, die originellste aller Haushälterinnen, die mich lachen u. weinen ließ, die ausgewählte Gesellschaft bewirthen wird. Erst habe ich Ihre trefflichen Erzählungen für mich gelesen – dann habe ich sie meiner Schwester vorgelesen – u. wir haben uns wieder gemeinsam daran erfreut. Das ist der Prüfstein einer echten Novelle u. des wahrhaft Guten, daß man es immer u. immer wieder mit neuer Freude u. neuem Genuße lesen kann. Jedenfalls lösen Sie Ihr „Pensum“ meisterhaft. Ich wünschte nur, daß Sie noch recht lange daran zu lösen hätten. Wie oft mußte ich beim Lesen daran denken, wie sich unser theurer Ferdinand an dieser echten Poesie, an diesem köstlichen Humor erquickt haben würde. Ich meinte seine treuen, ausdrucksvollen Augen leuchten, seinen Mund lächeln zu sehen. – Wissen Sie wohl, daß ich ein paar Nächte von Ihrem Johannes Hadlaub geträumt habe? Das liebliche Bild des zehnjährigen Knaben, „der barfuß im langen blauen Leinenrock, von reichem blondem Goldhaar Gesicht u. Schultern umwallt, ein hohes Schilfrohr in Händen tragend,“ die kleine Heerde Kühe vor sich her treibend – stand u. steht noch immer vor meinem geistigen Auge. Ein schönes Bild nach dem andern taucht vor demselben auf, u. ich könnte nicht fertig werden Ihnen davon zu erzählen, wenn ich nicht befürchten müßte allzu weitläufig zu werden, wie es dämliche Art ist.

Vielleicht haben Sie unterdessen auch etwas gelesen, was Ihnen Freude gemacht hat. Kommen Ihnen die Monatshefte von Oscar Blumenthal in die Hand? Im Märzheft (No. 3.) steht ein Aufsatz von Adolf Strodtmann über Freiligrath, der auch einen längern Passus über Gottfried Keller enthält. Ueber Hasenclever’s Urtheil werden Sie lachen, über das Ferdinands sich freuen, wenn es Ihnen auch nicht neu sein wird. Ist es doch, als hörte man den theuern Heimgegangenen sprechen! Strodtmann muß sich in seinem Tagebuch viele Notizen gemacht haben, sonst könnte er die Gespräche nicht so getreu wiedergeben. Ganz correct ist er indessen auch nicht überall; namentlich ist der Passus mit Amely Bölte falsch. Richtig ist nur die Indiscretion, die sie begangen hatte, sonst verhielt sich aber die Sache anders.

Die zahlreich angeführten Gedichte im Strodtmann’schen Artikel werden Sie nun wohl alle in der neuen Ausgabe der gesammelten Dichtungen beisammen haben. Ida hat Herrn Weibert Autrag gegeben, Ihnen Ferdinands Dichtungen zukommen zu lassen, deren Druck nun endlich vollendet ist. Da das Buch aber per Buchhändlergelegenheit geht, so ist es auch möglich, daß es noch nicht in Ihren Händen ist. Sie werden manches schöne, alte Gedicht Ferdinands finden, welches Ihnen noch neu sein wird, da es jetzt zum erstenMal gedruckt wurde. Nun haben Sie Alles beisammen; auch die Gedichte, welche Sie in den „Neuen Gedichten“ vermißten. Ida wünscht von Herzen, daß Ihnen das Buch eine kleine Freude sein möge, u. sendet es Ihnen mit den freundschaftlichsten Grüßen. Sie darf kaum hoffen, daß es mit ihren armen Augen besser wird, weshalb sie dieselben auch schonen muß, wo es nur angeht. Leider hat sie ohnehin immer noch mehr zu schreiben, als ihr gut ist. Wo es eben geht, bin ich gern Ida’s Sekretair, d. h. wo Menschen freundlich u. nachsichtig genug sind mit meiner Schreibselei fürlieb zu nehmen. Und das setze ich von Ihnen voraus, lieber Freund u. Altersgenosse. Es stimmt aber doch nicht ganz, wie ich zu meiner nicht geringen Enttäuschung gelesen habe. Ich glaube Sie haben sich verschrieben, oder sich zum Spaß ein Jahr älter machen wollen; denn ich weiß doch zu genau wie oft über unser gleiches Alter gescherzt wurde. Auch bildete ich mir etwas darauf ein, an demselben Tage und in demselben Jahre mit dem berühmten Schweizer Dichter geboren zu sein. Der 19. Juli trifft zu; aber mein Taufzeugniß lautet vom Jahre 1820. Sehen Sie nur noch einmal zu; ich bin meiner Sache gewiß. Natürlich werde auch ich mich sehr freuen mit Ihnen Gevatter zu stehen, schon deshalb, weil wir uns dann wiedersehen würden. Und wenn Sie sich zu einem neuen Frack emporschwingen, so werde ich mich wohl zu einer neuen Fahne entschließen müssen. Vor der Hand gibt uns Percy wenig Aussicht zu solchen außergewöhnlichen Ausgaben, da es mir scheint, als wenn er noch keine „unschuldige kleine Anbetung in seinem Herzen eingerichtet hätte“. Wer kann’s aber wissen? Sein Herz kann auch schon „angepickt“ sein, obwohl ich nicht glaube, daß er sich von einem Distelfink ein zierliches Körbchen geholt hat. Percy hat uns erst vor acht Tagen verlassen, nachdem er volle zwei Monate hier verlebt, um sich vollständig auszuruhen, zu erholen u. zu kräftigen. Er hat denn auch redlich den Wunsch seines Arztes erfüllt, u. als er uns verließ merkte man ihm, Gott sei Dank, nichts mehr von der überstandenen Krankheit an. Auch unser Kätchen war 14 Tage hier, hat uns aber leider schon vor 8 Tagen verlassen, um noch 5-6 Wochen in Kreuznach die Cur zu gebrauchen. Schwester Ida gedenkt die geliebte Tochter noch ein paar Wochen zu besuchen, so lange sie in unsrer Nähe weilt.

Die Bibliothek unseres theuern Heimgegangenen ist noch nicht verkauft. Die Stadt Lahr hatte angefragt, aber dieselbe wohl für ihre Mittel zu werthvoll gefunden. Jetzt ist ein Catalog der Bibliothek gemacht worden aber derselbe ist noch nicht gedruckt. Es wäre gar schön, wenn die Sammlung beisammen bleiben könnte! Es thut uns allen so weh, wenn diese schönen Bücher, die Ferdinand wahrhaft zärtlich liebte, in alle Himmelsgegenden zerstreut werden sollten. Und doch wird es wohl so werden! Wenn ich reich wäre, so gründete ich in Cannstatt ein Freiligrath-Museum, u. ließe die Bibliothek mit ihrer ganzen Einrichtung u. ihren Bildern, die nur Ferdinand so sinnig zu ordnen wußte, unangetastet. Das wäre das schönste Denkmal für alle Zeiten! Nächstes Jahr, so Gott will, soll am 18. März das Denkmal beendet sein, welches man auf dem Grabe Ferdinands zu errichten gedenkt. Wie Ferdinand im Herzen des Volkes lebt u. leben wird, welche Liebe ihm auch über Grab u. Tod hinaus folgt, das hat uns deutlich wieder sein Todestag bewiesen. Von allen Seiten kamen Zeichen der Liebe u. des Gedenkens. Der hiesige Gesangverein zog mit umflorter Fahne zum Grabeshügel auf den Uffkirchhof, u. legte nach einigen Gesängen u. einer kurzen Ansprache, einen Kranz dort nieder. Die theure Stätte war wiederum mit Lorbeerkränzen u. blühenden Frühlingskindern ganz bedeckt.

Aber es ist hohe Zeit zu schließen, denn ich bemerke mit Schrecken, daß ich schon zum dritten Bogen greifen mußte. Werden Sie auch Geduld haben die lange Epistel zu lesen? Es sind keine Züricher Novellen, in die man sich versenken kann. Ich bin doch schrecklich fremd in Zürich geworden, denn wenn ich auch noch mit Freude an einige einsame Spaziergänge an den Ufern der Sihl, auf der Geßner’s-Insel etc. zurück denke, so weiß ich nichts von einer Steingasse, einer Elendenherberge, einem Eselsgäßlein, einer Weggengasse, einer Schlüsselgasse, Storchengasse u. Kämbelgasse. In welcher Gasse resp. Straße, wohnen Sie eigentlich?

Da ich voraussetze, daß Sie gar nicht mehr wissen wie ich aussehe, jedenfalls nicht wissen können wie ich jetzt aussehe, so lege ich Ihnen meine Photographie bei. Die schwarzen Locken haben sich in graue verwandelt, u. da mich niemand unter die Haube gebracht hat, so habe ich dies Geschäft selber besorgt. Der Photograph hat auch ziemlich geschickt die unzähligen Falten u. Runzeln retouchirt, so daß ich auf dem Bilde ordentlich anständig aussehe. Sie würden das auch finden, wenn Sie das Original sehen könnten.

Mit den herzlichsten Grüßen und besten Wünschen, verbleibe ich in

alter Freundschaft
Ihre
Maria Melos.

  
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