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Keller an Hettner - 31.01.1860

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 31.01.1860


Lieber Hettner!

Damit Du nicht etwa glaubst, ich hätte Deinen 2ten Band erhalten und schreibe Dir aus Nachlässigkeit nicht darüber, so melde Dir hiermit, daß ersteres nicht geschehen ist. Es ist dies wahrscheinlich wieder einmal eine von Vieweg’s Willkürlichkeiten; denn Vischer hat das Buch bereits. Ich werde sein Exemplar lesen, wenn er es nicht mehr braucht, bitte Dich aber, Vieweg darüber nicht zu coramiren, es wird die Zeit schon kommen, wo ich ihm seine Sünden auf’s Mal zu Gemüth führen werde. Deine Grüße an Vischer zu erwidern, habe ich jüngst vergessen, obgleich er es mir aufgetragen hatte. Er hat auch Verlagsverdruß, indem er einen neuen Band „kritische Gänge“ bei Cotta herausgeben wollte, worin seine Aufsätze aus den ehemaligen Jahrbüchern der Gegenwart mitenthalten sein sollten, die vor länger als 12 Jahren erschienen sind. Auf Cotta’s Begehren fragte er beim Verleger der verschollenen Jahrbücher überflüssiger Weise an, und der sagte natürlich nein, es sei denn, daß Vischer das Honorar mit ihm theile. Dies mag Vischer auch nicht thun, und so bleiben jene hübschen Arbeiten bis auf Weiteres liegen.

Auerbach hat in Berlin bei der Prinz Regentin wieder einmal ein Drama vorgelesen; es juckt ihn gewiß nach den ausgesetzten 1000 Thalern Preis, welche dem Gutzkow so viel Schmerzen machen. Man schrieb mir, daß Auerbach alte Freunde sehr hochmüthig vernachlässige, mit denen er früher viel zusammen war. Der Kalender, welchen er so ostensibel durch die ganze deutsche Welt versendet, ist doch eine zu magere Wurst, um damit nach der Speckseite großer Wirkungen zu werfen. Ich kann nicht begreifen, daß er mit seiner Verständigkeit nicht einsieht, daß er tiefer in das Vermögen seiner Phantasie und Kunst hineingreifen und das Jahr hindurch gar füglich ein reichhaltigeres Buch vorbereiten sollte, wenn er alljährlich ein ganzes großes Volk bescheeren will. Statt dessen stoppelt er ein Heft zusammen, das an Gehalt mit Dutzenden von ähnlichen Unternehmungen nicht einmal wetteifert!

So eben habe ich das neue Drama von Heyse gelesen. Es ist eine durchaus hübsche und gediegene Arbeit, die, das Tagesniveau betrachtet, nicht viel zu wünschen übrig läßt.

Wie es mit der Angelegenheit des Polytechnikums steht, weiß ich nicht, da der Präsident Kappeler seit mehreren Wochen in der Bundesversammlung zu Bern sitzt.

Ein ärgerliches Gelächter haben mir dieser Tage einige Hefte der Zeitschrift „Teut“ erregt, worin ein Rudel Schwachköpfe die Stiftung einer neuen „Sturm und Drangperiode“ verkünden, aus deren Gährung [sich] die potenzirten künftigen Göthe und Schiller hervorgehen sollen. An sittlicher Haltung und an allgemeinem Verstand ist man seit hundert Jahren im Ganzen nicht viel vorwärts gekommen, sonst wären dergleichen Kindereien nicht möglich. Auch in der Schweiz hat der Dr. Eckardt, ein vollendeter Marktschreier und falscher Prophet, der zudem gar keine Kenntnisse besitzt, einen ästhetischen und dilettantischen Schreibeschwindel entfacht unter dem Stichwort „nationaler Kunst u Literatur<“>, wie man ihn hier früher nie gekannt hat. Ein ganzes Bataillon von drucksüchtigen Pfaffen, Gerichtsschreibern, Sekretärs, Kellnern und Hande<<l>>skommis hat die Canaille auf die Füße gebracht, fordert sie auf, ihm „nationale Dramen“ zu liefern, „Volksgedichte“, „Volksromane“ etc. und belobt ihren Fleiß. Es ist eine völlige Sündfluth, die der Bursche losgelassen hat. Die Gebildeten, welche dem Treiben zusehen, werden von ihm als schlechte Patrioten denunzirt (er selbst ist nämlich ein geborner Wiener od. Oestreicher) auch in Religion macht er und erbot sich den Berner Behörden, die pantheistische Vischer’sche Aesthetik in’s Christliche zu übertragen, wenn man ihn anstelle. Vor dem Ausland gerirt er sich als geistigen Reformer der Schweiz und wird von dortigen Wasserköpfen als solcher begrüßt, wie von dem traurigen Marggraf etc.

Kurz, es geht jetzt allenthalben, trotz der Schillerfeier, wieder zu, als ob weder ein Lessing noch ein Schiller je gelebt hätte. Kerle, welche von den Xenien zerbissen worden wären, tanzen und berufen sich auf dieselben. Gott besser’s.

Bestens grüßend

Dein

G. Keller

Zürich d. 31 / 1 1860.

  
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