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Gottfried Keller an Maria Melos - 31.01.1878Zürich 31 I. 78 Verehrte, gütige u liebenswürdigste Fräulein u Freundin! Sie haben nun gesehen, wie pedantisch ich im Briefschreiben bin und in der Dankbarkeit; ich will mich aber nicht lang rechtfertigen oder entschuldigen, zumal ich Ihnen zutraue, daß Sie es mich nicht entgelten lassen. Auch haben Sie einige Strafe verdient wegen der verdächtigen Flattusen, die Sie meinem alten Marterroman machen. Den Zürchernovellen, die ich sogleich kunstreich zu verpacken gedenke, lege ich zwei Photographieen bei, wie Sie zur Hälfte befohlen haben; es ist aber keine natürlich und ungezwungen ausgefallen, die kleinere sieht aus wie ein Schulmeister und die größere wie ein Schuster; nur in der Verwitterung sind beide treu. Uebrigens sehe ich so eben, daß ich das Papier verkehrt aufgelegt habe. Die Frau Ludmilla Assing habe ich letztes Jahr nicht sehen können. Sie zitirte mich brieflich auf eine bestimmte Zeit in den Gasthof, es war mir nicht möglich hinzugehen und so verschwand sie denn wieder vom hiesigen Horizonte, ohne daß ich etwas Weiteres vernahm Letzten Sonntag mußte ich an ein Leichenbegängniß in Hottingen und kam auf dem Wege an dem Hause oder den Häusern vorüber, wo im Jahr 1846 Freiligraths und Wilhelm Schulz gewohnt haben und eine gewisse Fräulein Marie Melos. Fast alles ist todt aus jener Zeit. Einen verrückten Lehrer Ludolf, der auch in dem Zangger-Hause wohnte, traf ich später in Heidelberg noch viel verrückter. Die Geburtstagssitten kann ich hier nun nicht mehr ändern, und wenn ich aller Welt gratulirte, so würde mir es doch Niemand thun, als Sie. Ich will mich daher lediglich an Sie halten in diesem Punkt und wir wollen, so lange Sie mir noch gewogen bleiben, fleißige gegenseitige Gratulanten sein. So eben entdecke ich in Ihrem lieben Briefe wieder die anonyme Verehrerin, welche Sie zu kennen vorgeben. Behalten Sie mir dieselbe warm und den Namen für sich, so komme ich nicht in Versuchung. Meine Schwester dankt höflich für den freundlichen Gruß und erwidert denselben herzlichst d. h. so herzlich die nüchterne Person es mit gutem Willen im Stande ist; denn sie hat niemals aus den himmlischen Quellen der oberen Bergpartieen getrunken, wo die Schafheerden der Dichtersippschaften weiden und die Musen auf kleinen Melkstühlen sitzen. Dafür füge ich aber um so feuriger meine eigenen Grüße bei als Ihr ergebener Gottfr. Keller. |
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