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Assing an Keller - 31.10.1872

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 31.10.1872


Florenz, den 31. Oktober 1872.

Lieber, verehrter Herr Keller,

Sie haben mir mit Ihrem Brief eine große Freude gemacht. Ich danke Ihnen herzlich für die schöne Plauderstunde. Mir ist jedes Wort von Ihnen lieb und angenehm, und es ist schön daß Sie mich nicht ganz vergessen, sondern sich einmal wieder meiner erinnert haben. Sie sind ein eben so großer Schweiger, als Sie ein großer Schriftsteller sind; ich bin dafür um so plauderhafter, weil ich immer Angst habe, daß man sonst in dem kurzen Leben zu viel zurückbehält. Es stirbt doch ohnehin beinahe Jeder mit so manchem nie Ausgesprochenen.

Ich habe oft an Sie gedacht, und hoffte eigentlich Sie diesen Sommer in Zürich zu begrüßen, worauf ich mich sehr freute. Aber eine verfehlte Verabredung mit Freiligrath's verhinderte mich daran. Als ich in Stuttgart ankam, wollten diese eben ihre Schweizerreise antreten, und ich erwartete dort ihre Rückkehr, obgleich sie länger ausblieben, als sie festgesetzt, da ich doch nicht treulos unterdessen davon gehen wollte. Als sie endlich wiederkamen, mußte ich fort, und hatte die Zeit obendrein für meinen Schweizerausflug verloren, denn ich war und bin sehr beschäftigt, und zwar – hiemit beantworte ich zugleich eine Ihrer Fragen – mit Pückler's Biographie, eine in vieler Beziehung schwierige, aber mir doch sehr liebe Aufgabe, die mich oft wie in Zauberkreise gebannt hält. Was daraus wird, wie das Urtheil der Anderen sein wird, das weiß der Himmel. Ich habe niemand etwas davon gezeigt; Sie hätte ich aber gern zuweilen um Rath fragen mögen. Ich hoffe Sie sagen mir recht aufrichtig Lob und Tadel wie es kommt. Ich bin nicht wie Mad. Wesendonck. Sehr aber würde ich mich freuen wenn Sie nicht bloß tadelten, und freundlich und nachsichtig erwägen wollten daß grade für mich es keinen schwierigeren und oft bedenklichen Stoff zur Behandlung geben konnte als grade diesen. Ist es nicht ein seltsames Geschick daß nach meinem Onkel nun auch Pückler sich in meine Hände gelegt hat? Außer mit der Biographie habe ich mit dem unendlich reichen Nachlaß sehr viel zu thun. Oft bedaure ich, daß ich meinem Onkel das nicht alles zeigen kann. Außerordentlich treffend ist Ihre Bemerkung über die fehlenden Hälften der meisten Briefwechsel. Sie sind der Erste, der das sagt, denn die Gewöhnlichkeit erhebt ja immer wieder den Vorwurf daß man überhaupt dergleichen bekannt macht. Könnte man alles vollständig haben, wäre auch meine Ideal, aber bei wie vielem im Leben muß man sich mit Stückwerk begnügen, und die Kraft der Phantasie, oder des geistigen somnambülen Ahnungsvermögens das Fehlende ersetzen. Sind doch sogar viele der schönsten Statuen des Alterthums unvollständig, wie die Venus von Milo und die Psyche von Capua. Bei Pückler sind übrigens mehr als in irgend einem anderen Nachlaß die Briefwechsel vollständig, weil er alles mit künstlerischer Ordnung verwahrte, und von seinen eigenen Briefen fast immer Kopieen behielt. Die Korrespondenz mit Bettina ist in der That sehr wunderlich. Ich hoffe, manches Andere von ihm wird Ihnen besser gefallen.

Freilich haben Sie ein Recht zu fragen, und ich werde auf alles antworten. Ich glaube zuweilen läuft auch ein wenig Malice in Ihre große Güte gegen mich mit unter, aber es thut nichts. Zum Beispiel was die rothe Feder betrifft, die, wie ich erst viel später erfuhr, Sie nie leiden konnten. Ich habe deßhalb auch keine wieder getragen. Anstatt der rothen Feder trage ich jetzt meine grauen Haare, die leider, wie ich fürchte, noch weniger Aussicht auf Ihren Beifall haben können. Mein Amethystenhalsband habe ich noch, und werde es anlegen wenn Sie in meinem Gesellschaftssalon erscheinen, um einen so besonderen Festtag zu feiern. Ach, wie allerliebst wäre es, wenn Sie einmal hieherkämen, und ich Ihnen meinen Garten und mein Arbeitszimmer zeigen könnte, das Sie gewiß durch die Bilder und Bücher ein wenig an die Mauerstraße erinnern würde. Aber Sie müßten nicht zu eilig sein, zum Beispiel einen Winter bleiben, damit man recht viel so plaudern könnte wie Ihr heutiger Brief ist, der, neben aller anderen Freude, die er mir macht, mich auch außerordentlich amüsirt. So wie Sie ist in der That sonst niemand. Ich sehe alle die Leute vor mir, die Sie skizziren. Welch eine schiefe Richtung hat Dr. Frese genommen! Die Freunde der Mad. Duncker scheinen alle traurig zu endigen. Ich freue mich daß Sie nie recht in diese Kathegorie gehört haben. Daß Mad. Wesendonck, die feine, preziöse Frau, sich so unvernünftig und undankbar gegen Sie benommen hat, thut mir leid. Wo man etwas Gutes thut, wird man beinahe immer dafür bestraft. Und die elende Heirath! Daß eine Mutter das Unglück ihrer Tochter so geflissentlich vorbereiten mag, wie man Blumen aussäet! – Den alten Stein bedaure ich; ergiebt sich die Gelegenheit, so bitte ich daß Sie ihn von mir grüßen. Der hat auch schon lange geschwiegen. – O, beinahe hätte ich den Frack vergessen! Bei mir kann Jeder tragen, was er Lust hat, Frack oder nicht, wie es ihm beliebt, und ist auf jede Art gleich willkommen. Für mich wäre es ein besonderes Vergnügen wenn Ihr beobachtendes Auge über die bunten Elemente meiner Geselligkeit streifte, die ich meine Florentiner Mosaik nenne.

Daß Sie sich nun darüber lustig machen, daß ich Ihre Kraftausdrücke erwähnt, ist wahrlich zu arg. Vielleicht hätten Sie aber doch einige weggelassen, wenn ich recht schön gebeten hätte. Wie dem aber auch sei, ich liebe Ihr Buch auch so wie es ist, und daß Sie Neues vorbereiten, gehört für mich zu den angenehmsten und erwünschtesten Nachrichten.

An Ihrer Reise nach München nehme ich auch großen Antheil. Gewiß schwebte dort der Geist der silbernen Agnes wie ein Stern über Ihrem Haupte, diese arme silberne Agnes, deren Schöpfer Sie sind, und die ich so lieb habe!

Ihre Frage, wie ich mit Garibaldi und dem Pabst stehe, hat mich amüsirt. Mit dem ersten nicht gut, dessen kopflose französische Expedition mich sehr betrübt hat, mit dem anderen so schlecht, als er es wahrlich verdient. An Mazzini habe ich einen edlen geliebten Freund verloren, mit dem ich fortlebe wie mit meinen anderen theuren Dahingeschiedenen. Mir ist es wohlthuend daß Sie so lebhaft meines Onkels gedenken. Mit Paul Lindau habe ich ein paar Briefe gewechselt, weil er mich um Beiträge für sein Blatt bat; ich gab ihm einen Artikel, den Minister Schön betreffend, aus dem Nachlaß meines Onkels. Wenn Sie mir aber etwas von ihm empfehlen wollen, denn ich kenne leider noch nichts von ihm, so lasse ich es mir sogleich kommen.

Nochmals tausend Dank für Ihren lieben Brief! Wie würde ich mich freuen, wenn ich bald wieder von Ihnen hörte! In aufrichtiger Freundschaft und mit vielen Wünschen und Grüßen für Sie

Ihre ergebene
Ludmilla Assing.
Den 8. November.

  
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