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Der Apotheker von Chamounix.

Description:  Poem by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Der Apotheker von Chamounix


Erster Teil

I

In dem Thal von Chamounix
Lebten zwei gefreite Liebste,
Die sich liebten, wie die Sünde
Liebt und wieder wird geliebet.

Und sie hießen die gefreiten,
Weil sie thaten, was sie wollten,
Nur der Leidenschaft ergeben
Und das Ende schlecht bedenkend.

Lachend sprachen sie zusammen:
Weil wir uns schon beide haben,
Brauchen wir uns nicht zu nehmen,
Bis es uns vielleicht gefällt!

Frei sind wir und auch so stürmisch,
Wie des weiten Himmels Lüfte;
Doch ein Faden leichter Seide
Bindet uns wie starke Ketten!

Sie, die schöne Rosalore,
Fern am Mittelmeer geboren,
Handelte mit Putz und Handschuh'n
Für die fremden Nationen.

Er, der hübsche schlanke Titus,
Hielt ein kleines Apotheklein;
Die Essenzen und Latwergen
Braut' ein Zwerg im Hinterhäuschen.

Titus war zugleich ein Jäger,
Drum erfreut' ihn die Erfindung
Jener schlauen Schießbaumwolle,
Die der Zwerg bereiten mußte.

Wenn er nicht der Wache pflag
Nächtlich in der Apotheke,
Wo ein ungebor'nes Menschlein
In der Weingeistflasche saß,

Stand er unter hohen Arven,
Wo der Mond den Schnee beglänzte,
Im Gewehr die weiße Ladung;
Weiß auch stieg der Berg zum Himmel.

That er aber keins von beiden,
Lag er, wo's noch weißer war,
An dem Busen, der im Dunkeln
Magisch wie ein Mondlicht leuchtet!

Dort vergaß er Schnee und Hasen,
Bären und die Balsambüchsen;
Denn dies alles, Glanz und Balsam,
Fabelei und hohe Jagd

Fand er dreimal schöner wieder
An der Seite der Geliebten;
Die Mysterien und Wunder,
Fährlichkeiten, Abenteuer,

Leidenschaften und Gebärden
Waren unerschöpflich neu
In den stählern fest verschränkten
Weichen Armen Rosalorens.

Wenn er nicht mehr ihres Wesens
Wilde Macht ermessen konnte
Und berauscht es ihr gestand,
Schloß zufrieden sie die Augen,

Legt ihr Kinn auf seine Achsel,
Lächelt neben seiner Wange
Still in seine krausen Locken,
Was er freilich nicht bemerkte.

Einstmals aber lag sein Kinn
Gleicherzeit auf ihrer Schulter;
Während Rosalore traulich
In die Tituslocken lächelt',

Flüstert er in das Gewirre
Ihrer sammetschwarzen Flechten
Dicht an einem Rosenöhrchen
Träumend: O du süße Clara!

Weit auf sperrte sie die Augen,
Horchte lautlos noch ein Weilchen,
Ließ die Arme mählich locker,
Fast unmerklich, um den Aermsten,

Der ob seinem Wort erschrocken,
Doch zu spät, nun mäuschenstill war.
Still blieb es den Rest der Nacht,
Daß kein Atem war zu hören.

 

II

Eine Clara lebte wirklich,
Eine süße, junge, feine,
Und bescheiden wie ein Veilchen,
Still in einem Seitenthälchen.

Dort auf einem Blumenhügel,
Lag das Häuschen ihres Vaters,
Mild umwandelt von der Sonne
Und umflogen von den Bienen.

Denn ein wack'rer Immenkönig
War der Vater, doch das Mägdlein
Sein getreuer Stellvertreter
Und ein Mütterchen der Bienen.

Viele lange Sommertage
Samt den Nächten weilte jener
In des Berges höchster Wildnis
Als ein vielbewährter Führer.

Und gelockt vom Gold der Fremden
Wagt' er hundertmal das Leben,
Um den Einsatz zu gewinnen
Und ein kleines Gut zu sparen.

Blank geprägt in einem Beutel,
Erb' und Mahlschatz seines Kindes,
Barg er, mit und ohne Kön'ge,
Die französische Geschichte

Von den letzten siebzig Jahren.
Und die neu'sten Stücke zeigten
Wieder eines Kaisers Bildnis,
Freilich nun mit einem Spitzbart.

Aber hinten stand geschrieben,
Noch das Wörtchen Republik,
Wie ein putziger Bedienter
Hinten auf dem Wagen steht.

Und der Bienenvater sagte,
Wenn er seine Füchse zählte:
Gold, du bist ein starker Knecht,
Kannst auf beiden Achseln tragen!

Wirst gewiß mein leichtes Kind,
Das nicht schwerer als ein Lämmchen,
Wirst gewiß mein Clärchen tragen,
Daß ein Weibchen es mag werden!

Eines Tages aber führt' er
Eine ruhelose Brittin
Auf den Berg und fiel zu Tode,
Weil sie jeden Rat verschmähte.

Sie, das Unkraut, kam davon;
Und mit ihren langen Beinen
Läuft sie heut noch im Gebirge,
Eine grause Gletscherspinne.

Doch dem Kind des toten Führers
Gab sie eine Rolle Goldes
Oder zwei. Das holde Mädchen
Blieb allein nun mit den Bienen.

 

III

Golden strahlt die Morgensonne
Auf den Raum vor Claras Hütte
Und auf ihre kleinen Hände,
Welche Honigwaben halten.

Friedlich hält sie eine Wabe
Ueber'm Kruge, leicht zur Seite
Neiget sie das stille Antlitz,
Bild der Einsamkeit und Unschuld.

Wie Krystall so hell entfließet
All' den Zellen reine Süße;
Funkelnd in der Sonne Glanz
Trieft der holde Tau hernieder.

Friedlich summen auch die Bienen,
Nur das Hündlein bellt gewaltig,
All' die Stille unterbrechend;
Denn es kommt ein Mann gegangen.

Titus ist's, der Apotheker,
Der seit Jahren dieses Weges
Nicht gekommen und die schöne
Unschuld voll Erstaunen sieht.

Wie ein Baum, der hier gewachsen,
Bleibt er stehen bei dem Anblick;
Wie die Luft im Laube flüstert,
Fängt er langsam an zu reden.

Fast mit blödem Ungeschicke
Grüßt er sie, als wär's ein Engel,
Und sie schaut den schlanken Jäger
Arglos mit den Veilchenaugen.

Schüchtern fragt er, ob der Honig
Feil, und wünscht zu kosten,
Und sie eilt, ein silbern Löfflein
Aus der Truhe schnell zu holen.

Freundlich reicht sie jetzt ein Pröbchen,
Und das off'ne Mündchen atmet,
Und am Löfflein hängt ihr Auge,
Ob der Handel auch gelinge?

Und wie sie den Mann betrachtet,
Schießt das Blut ihr in die Wangen,
Denn sie sieht die Blumenwürze
Ihres Honigs ihn versüßen,

Daß die Augen ihm erglänzen
Und der Mund im Zauber lächelt,
Während ungewohnte Rosen
Auf den braunen Wangen stehen.

Ja, der lange Mensch errötet;
Angeglüht wird auch das Mädchen
Von dem Widerschein der eig'nen,
Unbewußten Lieblichkeit.

Aber schnell besinnt sich Titus,
Und er kauft die Honigernte
Gütig, ohne nur zu feilschen,
Und er geht mit Schmeichelworten.

Selben Tag's mit einem Es'lein
Kommt der Zwerg, das Gut zu holen;
Ei! sagt er, jetzt will ich glauben,
Daß mein braver Herr verliebt ist!

Bänglich pocht ihr Herz im Leibe,
Als er, auf dem Tiere sitzend
Und den großen Krug im Arme,
In dem blauen Duft verschwindet.

Liegt sie dann in Schlummerträumen
Süß verloren, weckt das Herz
Sorglich sie mit leisem Pochen
Alle Stunden in der Nacht.

Doch am andern Morgen trägt sie
Ihren Mahlschatz zu der Quelle,
Wäscht ihn eifrig, und die gold'nen
Münzen legt sie an die Sonne.

Wieder bellt das Hündchen, eilig
Wirft sie auf das Gold ein Tuch;
Denn schon kommt der Apotheker,
Um den Honig ihr zu zahlen.

Diesmal bleibt er eine Stunde,
Sittig und bescheiden plaudernd;
Fast der Sitte nicht mehr kundig,
Mißgerät ihm manches Wörtlein,

Aengstlich sucht er es zu heilen;
Doch versteht die Unschuld wenig
Was gefehlt und was verbessert;
Daß er nicht mißfallen möchte,

Dieses nur versteht sie wohl,
Und es rührt das junge Herz. –
Still verschwiegen zieht er fürhin,
Wenn er jagt, des selben Weges.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     
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