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Der Apotheker von Chamounix.

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IV

Als nun jenes Wort gefallen,
Claras unbekannter Name
Dicht an Rosalorens Ohr,
Harrte diese bleich und schweigend.

Harrte, bis Herr Titus wieder
Ins Gebirg ging, wie er sagte;
Alsdann in die Apotheke
Schlich behend sie zu dem Diener,

Zu dem Zwerge, der im Zwielicht
Seiner Laborantenküche
Haus'te, fast so breit als hoch
Und mit einem Kropf behangen.

Gruselnd kraut' sie ihm die Borsten:
"Sag' mir, Thomas, wer ist Clara?
Kennst du solch ein Frauenzimmer?"
Sinnend senkt er seinen Kopf.

Dann begann er fein zu grinsen:
"Frau, ich glaub', ich kenn' ein solches,
Und ich kann's sogar euch zeigen,
Denn es ist nicht weit von hier!

"Ist ein Hexlein oder Geistlein,
Ist vielleicht wohl gar ein Teuflein;
Denn es sitzt in einer Flasche,
Folgt mir, wollet ihr es schauen!"

Zornig rümpft sie drauf die Nase
Und besieht den eklen Spötter;
Aber ernsthaft geht er, und sie
Folgt ihm in die Apotheke.

Dorten hängt das Embryönchen,
Spannelang und ganz verhutzelt,
In dem trüben Spiritus,
In dem staubbedeckten Glase.

Und er weis't ihr das Persönchen,
Das sie niemals noch gesehen;
Titus hat es jüngst erworben
Neben einem alten Bandwurm.

Als ein alter Arzt gestorben,
Kauft' er diese schönen Sachen,
Um sein kleines Apotheklein
Mit Gelehrsamkeit zu zieren.

Rosalore steht erschrocken;
Aber Thomas reckt und streckt sich
Auf den Zehen, und er flüstert:
"Seht ihr sie? Das ist sie, glaub' ich!

"Wißt! in einer Vollmondnacht
Wacht' ich auf an einem Husten,
Und ich hörte lachen, singen,
Kosen von gedämpften Stimmen.

"Schlich hieher, besorgt zu wachen,
Guckt umher und durch das Fenster;
Noch vernahm ich jene Stimmen,
Doch kein Wesen konnt' ich sehen.

"Und mir graute; mich zu stärken,
Sucht' ich hinter diesen Gläsern
Mir ein Tröpflein kräft'gen Geistes
Von der Wurzel Enzian.

"Wie ich das geschliff'ne Zäpfchen
Drehte, daß es leise Piep macht',
Sah ich ungewollten Blickes
Nach der Flasche mit dem Hexlein.

"Aber nichts war mehr darin,
Als das trübliche Gewässer;
Halb verwundert gafft' umher ich, –
Himmel! was geschah mir da?

"Dort am Fenster glitt ein weißes
Großes Frauenbild vorüber
Und im selben Augenblicke
In die Thüre, und zerfloß!

"Als ich dürftig mich erholt
Mit dem Schlücklein, auf den Schrecken,
Saß das Ding hier, dieses gelbe,
Wie vorher an seinem Ort.

"Doch was meint ihr, schönste Dame?
Bald darauf am hellen Mittag,
Als ich hier Rhabarber siebte,
Sah ich draußen auf der Wiese

"Meinen Herren sanft spazieren,
Auf und ab im Sonnenscheine,
Mit der allerschönsten Frauen,
Deren Antlitz mir bekannt war!

"Eilig schielt' ich nach der Flasche.
Sie war leer! Jetzt nach der Wiese
Schaut' ich wieder, wo der Meister
Eben noch die Hexe küßte.

"Einen Hut mit Schleier trug sie;
Und mit tiefen Komplimenten
Grüßt' er sie, bis sie verschwand
Hinter jenen Lärchenbäumen.

"Aber hier im Weingeistglase
Saß das Ding an seinem Ort,
Auf den miserabeln Beinchen
Hockend wie ein alter Schneider!"

So belog der Schalk die Schöne;
Und voll Eifersucht, Entsetzen,
Und mit aufgesträubten Haaren
Lief sie aus der Apotheke.

 

V

Ruhig sprach sie andern Tages,
Da er harmlos sie besuchte:
"Lieber Titus, sei so gütig,
Bring' ein Pfund mir deines Pulvers,

"Deiner weißen Feuerwolle,
Wo du mit die Tiere schießest;
Mein Herr Vetter in San Remo
Wünscht davon zur Vogeljagd,

"Mein Herr Vetter, der Curato;
Denn ich hab' sie ihm gerühmt,
Und ich soll ihm mit der Post
Wohlverpackt ein Pröbchen senden."

""Wie, ein Pfund?"" versetzte Titus,
""Einen ganzen Sack voll gäb' es!
Dieses wäre zu gefährlich,
Und ein Viertelpfund genügt!""

"Nein! zum mindesten ein halbes
Muß es sein!" rief Rosalore;
"Mein Herr Vetter will auch andern
Guten Freunden davon schenken!"

Also trug der kleine Thomas
Bald ein Kistlein mit dem Zeuge,
Gut verschlossen und vernagelt,
Auf dem Kopfe keuchend her.

Doch mit nichten sandte sie
Diese Fracht dem Herrn Curato
In San Remo; sondern sachte
Schob sie unters Bett das Kästlein.

Warm und lang ein Strümpfepaar,
Ueber Knieeshöhe reichend,
Von der dicksten roten Wolle
Strickte sie nun für den Jäger.

Als die Strümpfe fertig waren,
Nahm sie feinste bunte Wolle,
Strickte prächtig siebenfarbig
Einen Hals- und Nasenwärmer.

Künstlich ließ zu Schlangenringen
Sie die Maschen sich gestalten,
Und die schwarzen Fischbeinstäbchen
Tanzten eifrig in den Nächten,

Wo der Liebste, wie er sagte,
Jagend auf den Anstand ging.
Als die schöne Schärpe fertig,
Holte sie die Schießbaumwolle,

Weiß und zart und lind und mollig,
Füllt' und stopft' damit die Binde,
Daß sie rund und wohlgenährt
Schimmerte gleich einer Boa.

Eines herbstlich kühlen Morgens
Zog er an die roten Strümpfe,
Und sie wickelte die Boa
Kosend zweimal um den Hals ihm.

Und die bunten Zipfel fielen
Stattlich nieder bis zum Gürtel,
Daß er aussah wie ein Britte,
Der den Montblanc will besteigen.

Freute sich des warmen Schmuckes
Für die Jagd an Wintertagen;
Männiglich hat ihn im Thale
Angestaunt, wo er einherging.

Die Besorgnis jener Nacht
Schwand nun ganz aus seinem Herzen;
Sonntag war es, und am Abend
Spielte Clara mit der Binde.

 

VI

Traurig saß das Embryönchen
Im Gewölb' der Apotheke;
Traurig war der Apotheker,
Und er wußte nicht warum.

Denn daß wegen ihrer Sünden
Ihnen unbehaglich wäre,
Fällt den schnöden Männern leider
Selten oder niemals ein.

Zwischen zwei geliebten Frauen,
Ruhlos wie ein Weberschiffchen,
Flog sein Herzblut hin und wieder,
Daß er irr' und dämlich wurde.

Und im Ueberfluß beschlich ihn
Das Gefühl der nackten Armut;
Heimatlos war seine Seele,
Und kein Ende konnt' er sehen.

Aber Rosalore sah es,
Wußte, daß die Todesschlange
Lauernd ihm am Halse liege
Und des Funkens ruhig harre.

Selber glich sie dieser Schlange,
Ringelnd sich mit allen Reizen,
Titus wärmend mit den Gluten
Der in Haß verkehrten Liebe.

Leidend ließ er es geschehen;
Aber all' das tolle Treiben,
Die gespenstigen Manieren,
Sitten des verlor'nen Volkes

Trug er auf den Blumenhügel,
In der Clara stilles Häuschen,
Claras mit den unschuldvollen
Blauen Genzianenaugen.

Und in ihre quellenklare
Wissenslose Mädchenliebe
Streut' er böse Leidenschaften
Der Verwild'rung und Verderbnis.

Aber ihre Lebensgeister
Flohen schaudernd vor dem Unheil,
Stritten keinesweges tapfer
Mit dem unbekannten Feinde.

Als der Frühling neu geworden,
War die Flucht auch schon beendigt,
Und der letzte Hauch verließ
Scheidend einen jungen Busen.

 

VII

In die schönste Alpenflora
Wird man Claras Leib begraben;
Ihre Seele aber wandert
Unaufhaltsam in die Gletscher.

Hoch am Montblanc ragt ein Zacken
Lautern Eises in die tiefe
Dunkelblaue Himmelsdecke;
Dies ist ihre Büßerwohnung.

In dem frostigen Gehäuse,
Das im Früh- und Spätlicht schimmert,
Wird gebannt sie einsam sitzen,
Etwas seitwärts von den andern.

Dort verbüßt sie die Manieren
Der Verzweiflung und der Sünde,
Die mit unschuldvollem Herzen
Sie getragen hat im Leben.

Denn die Schlimmen, die mit frommen
Worten einst die Welt betrogen,
Mit Gebarung der Gerechten,
Braten ewig in der Hölle.

Doch die Guten, die in schlimme
Sitten einst sich eingewickelt,
Müssen sich von diesen rein'gen,
Bis sie weiß sind wie der Montblanc.

Nicht der Wolf im Lämmleinspelze
Ist allein ein schlechter Tartüffe:
Auch das Lamm im Tigerfelle
Macht sich arger Sünde schuldig.

Und mit solchen armen Seelen
Ist der ganze Berg bevölkert,
Die für böse Teufel galten
Und im Herzen Englein waren.

An den himmelhohen Wänden
Auf den wolkigen Gesimsen
Steh'n sie längs in Eis gereihet,
Gleich des Apothekers Büchsen.

Also wandert Claras Seele
Traurig einsam ihres Weges;
Nur die treuen Bienen folgen,
Leise summend, langen Zuges.

Immer höher führt die Straße
Durch Gehölz und über Felsen,
Wo am Berghang in der Sonne
Sitzt ein Hirt auf einem Steine,

Sitzt ein junger Ziegenhirt,
Schön wie Milch und Blut ein Knabe;
Ruhig weiden seine Tiere,
Doch er sieht die arme Seele.

Weil er ein Quatemberkind,
Sieht er und erkennt die Clara
An dem breiten Binsenhute
Und den blauen Blumenaugen.

Als sie nun herangekommen,
Bleibt sie vor dem Hirten stehen;
Alle Bienen hängen schwebend
Ueber ihr im Sonnenscheine.

Traurig, aber mild und lieblich,
Schaut sie an den Jungen, welcher
Freudig überrascht sie grüßet
Und ihr blöd' die Hand will reichen.

"Lange weiß ich", spricht sie lächelnd,
"Daß du mir bist gut gewesen!
Habe Dank, du lieber Knabe,
Aber gieb mir nicht die Hand!

"Denn in diesem Augenblicke
Bin ich eben erst gestorben,
Und nun geh' ich, wo du weißt,
Daß wir der Erlösung harren.

"Wisse, meine kleine Habe,
Die jetzt herrenlos geworden,
Hab' ich dir verschreiben lassen;
Geh' jetzt hin und nimm mein Häuschen!

"Pflege meine armen Bienen!
Unter ihrem Hüttendache
Liegt ein Häuflein Gold's verborgen;
Nimm ein gutes Weib und hause!"

Blaß mit überströmten Augen
Auf den Knieen lag der Knabe,
Streckte nach ihr aus die Arme,
Aber schon war sie verschwunden.

Sehnend eilt er, sie zu suchen,
Und erreicht ein Meer des Eises.
An dem Rand der stundenweiten
Wüste schwirrten Claras Bienen.

Endlich ließen sie sich nieder,
Hier auf Steine, dort auf Gräser,
Manche krochen auf dem Eise
Traurig mit erstarrten Füßchen.

Knieend betete das Hirtlein
Für die Seele der Geschied'nen;
Dann erhoben sich die Bienen.
Eine Wolke, lieblich klingend,

Fuhren sie durch Lenzeslüfte
Sonnig heimwärts und zerstreuten
Mählich sich zu den Geschäften
Und den Mühen aller Tage.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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