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Der Apotheker von Chamounix.

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VIII

Wieder war der Herbst gekommen
Und noch immer wandelt' Titus
In den Schlingen Rosalorens,
In dem schnöden Bann des Todes.

Und er ahnte nicht, warum sie,
Wenn er kaum das Haus betrat,
Sorglich ihm die Binde löste
Und sie weit vom Feuer legte.

Statt des tückischen Gestrickes
Schlang sie dann die weichen Arme
Wieder um des Jägers Schultern,
Um den Hals des Apothekers.

Nicht verzieh sie ihm die dunkle
Untreu, sein verstocktes Schweigen;
Und mit Furcht und Haß erfüllt' ihn
Gleicher Zeit ihr eig'nes Schweigen.

Claras frühes Sterben dünkt ihm
Eine bittere Kritik
Ohne Worte; deren Stachel
Pflanzt' er weiter ohne Worte.

Und sie kos'ten falsch und glühend,
Und sie spielten grimmig lüstern
Mit den Leibern, wie mit Puppen,
Während sich die Seelen haßten.

Und sie tranken süße Küsse
Ohne Dank und ohne Güte,
Wie zwei nächtliche Lemuren
Aus dem gleichen Kruge naschen. –

Eines Tages lief die Kunde
Hundertstimmig durch die Thäler,
Daß ein alter und gewalt'ger
Steinbock in den Bergen hause;

Von der Herde, die der König
Ehrenmann am Monte Rosa
Sich zur Jagd herangezogen,
Habe sich das Tier verlaufen.

Einsam springe jetzt der Steinbock
Auf den höchsten Felsengräten,
Wie seit Menschenaltern keiner
Jemals sei gesehen worden.

Und die Jäger sprangen, gierig
Wie die Teufel, von den Sitzen;
Jach das edle Tier zu fällen,
Griffen sie zu ihren Büchsen.

Titus auch entriß sich stürmisch
Seiner Feindin glatten Armen;
Täglich stieg er früh vor Tage
Jagend ins Granitgebirge.

Klettert' hin und klettert' wieder,
Auf und nieder durch die Gletscher,
Wild erregt durch edle Fährten;
Kühn und listig floh das Tier.

Manchmal sah er's oben stehen
In des Herbstes Rosensonne,
Wie ein Traum von hohen Zinnen
Sah es lauschend in die Tiefen.

Doch sobald die Büchse blitzte
Schwand es, eh' der Knall erfolgte,
In die Wolken, in den Bergduft,
Und die Kugel schlug auf Felsen.

So geschah es, daß der Jäger
Finster auf den Firnen irrte,
Und das schöne Wild, es äffte
Seine tolle Leidenschaft.

Rosaloren packt' indessen
Bange Neubegier und Unruh';
Mit dem Wirbel der Gefühle
Wandelt' sich in ihr die Seele.

Ahnend, daß ein Ende nahe,
Faßt' sie Grausen, Furcht und Reue,
Und es trieb sie wie mit Peitschen,
Seinen Spuren nachzugehen.

Aufwärts in die steile Bergwelt
Jagt' die Angst sie, immer höher,
Daß die Schuhe bald in Fetzen
An den zarten Füßen hingen.

Und die Hände, nur gewöhnt an
Leichtes Thun und leichte Spiele,
Bluteten vom rauhen Steine,
Aber wahllos drang sie aufwärts.

Grau getürmte Wände hüllten
Ihren Pfad in kalte Schatten;
Drüben sah sie auf dem Rasen
Friedliche Marmotten spielen.

In der Sonne vor dem Hause
Saß die Murmelfrau und säugte
Ihre Buben, die zu naschen
Ab und zu vom Spiele kamen.

Doch der Mann, der scharfbewehrte,
Rüstig mäht' er Gras und Kräuter;
Kundig wie ein Pharmazeute
Wählt' er nur, was fein und würzig.

Ausgebreitet lag die Ernte,
Trocknend in dem warmen Scheine,
Und die Kinder schlugen fröhlich
Purzelbäume auf den Mahden.

Doch der alte Schwiegervater
Legt' sich jetzo auf den Rücken,
Der schon lange kahl gescheuert,
Und er streckt' empor die Beine.

Und mit Heu, das herrlich duftet,
Wird er emsig hoch beladen,
Daß ein Fuder zierlich schwillt,
Fast von eines Zwergleins Höhe.

Und am Schwänzel mit den Zähnen
Wird das Fuhrwerk jetzt gezogen;
Stattlich schwankt es nach der Tenne,
Nach der klug gebauten Hofstatt.

Lust und Freude rings umhüpft es,
Nur die Murmelmutter sorgt sich;
Denn hoch oben auf dem Heuberg
Sitzt ein Bübchen, macht sein Männchen.

Wird es nicht den Kopf sich stoßen
An des Thores niederm Bogen?
Aber sieh den Schelm, er duckt sich,
Jubelnd fährt er mit hinunter!

Und sie sprangen und sie sangen,
Tranken aus den klaren Quellen;
Und der Alte kroch zu Tage,
Putzte lachend sich den Pelz.

Rosalore sieht den Frieden
Dieser guten Murmelleute,
Und mit kummervollem Neide
Schaut sie das bescheid'ne Glück.

Aber ruhlos aufwärts trieb die
Seele sie durch eine Wolke
Schweren Nebels, der die Locken
Ihr von Feuchte triefen machte.

Dunkel ward es vor den Augen;
Suchend streckte sie die Hände,
Wo sie mit den Füßen vortrat
Gähnte rings ein düst'res Nichts.

Denn sie stand auf schmaler Platte
Eines schwarzen Felsenturmes,
Dran die Nebel niedertauten,
Die sein Haupt in Dunkel hüllten.

Doch auf einer Nachbarkuppe,
Die im hellen Scheine glänzte,
Ragte Titus, welcher spähend
Ausschaut' nach dem selt'nen Wilde.

Da der Morgen kalt gewesen,
Trug er noch die lange Binde,
Jene schlimme Bajadere,
Zweimal um den Hals gewickelt,

Doch gelockert, um den Kolben
Des Gewehrs hindurch zu schieben
An die Wange, und so starrt' er
Mordbegierig in die Wüste.

Und auf einmal steht der Steinbock
Wie gemalt auf dunkler Klippe
Gegenüber; zierlich steht er,
Alle Füße nah beisammen.

Ahnend nicht, daß nur die Spieg'lung
Lichtdurchwirkter Nebelzüge
Ihn betrogen, zielte Titus,
Drückte und die Kugel flog.

Und von jener schwarzen Säule
Scholl ein lauter Menschenschrei,
Wiederhallend in den Bergen
Durch die Einsamkeit der Wildnis.

Taumelnd dreht sich dort ein Weib
Durch den Nebel; rücklings stürzend
Aus der Wolke in den Abgrund,
Ging es kurzen Weg's verloren,

Während in des Jägers Rücken,
Ungeseh'n von ihm, der wahre
Steinbock floh in weiten Sätzen
Von der nächsten Felsenkuppe.

Titus stand, der Apotheker,
Ein bis zweimal zehn Sekunden,
Als ein Räuchlein von verbrannter
Wolle stieg in seine Nase.

Und er merkt', daß Rosalorens
Schöne Binde leise schwelte:
Achtlos will den kleinen Schaden
Mit der Hand er schnell verwischen.

"Diese schlechten Zünderhütchen,"
Brummt er, "wollen nicht mehr taugen;
Funken speien sie zur Seite!
Oder mag der Hahn nicht schließen?"

Doch da fährt die Feuerschlange
Zischend erst, dann laut erbrüllend
In die Lüfte; hoch im Bogen
Fliegt der Kopf des armen Titus.

Zwiefach geht er so zu Grunde,
Doppelt geht er so zu Grabe;
Oben zuckt sein Herz verblutend,
In der Tiefe stirbt das Haupt ihm!

 

IX

Schon die nächste Mitternacht
Geh'n sie mit dem Totenvolke,
Das in ungeheurem Zuge
Hoch von Grat zu Grat muß wandern.

Fern her von der Rhone höchsten
Quellen zu Liguriens Gipfeln
Ueber Schluchten, Alpentriften
Unaufhaltsam kommt's gegangen.

Hunderttausendweise trappelt's
Her wie dunkle Wolkenbänder
An den Wänden, auf den Kämmen,
Steigt's die jähen Pfade nieder.

Taucht dann hinter einem Sattel
Hell empor des Mondes Scheibe,
Sieht man sie vorüberwallen
An dem Glanze, Mann für Mann.

Schaut zerstreut man, in Gedanken,
Hört man deutlich einen Marsch,
Trommelschlag und helle Pfeifen,
Fernhin eine alte Weise.

Einfach, doch unsäglich traurig,
Herzbewegend tönt die Weise.
Horcht man aber wachen Sinnes,
So verschallt's, und niemals wieder

Kann man sich des Tons entsinnen.
Aber endlos kommt's gezogen,
Breit zu sechsen und zu zwölfen
Bis zum Morgen-Vesperläuten,

Bis noch wenige zerstreut,
Säumig auf dem Heerweg folgen
Und zuletzt das blasse Paar
Jener beiden Toten wandert.

Stolpernd schleppt er an der Hand
Eine blutgetränkte Schärpe,
Während hinter ihm das Weib
Seinen Kopf trägt in der Schürze.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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