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Der Apotheker von Chamounix.

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Der Apotheker von Chamounix


Zweiter Teil

I

Im gebenedeiten Jahre
Achtzehn hundert ein und fünfzig
Füllte Deutschland ein durchdringend
Starker Duft von Patchouli,

Als die Gräfin Ida Hahn-Hahn
Mit Geräusch katholisch wurde;
Was dies heißen will, weiß jeder,
Der im Traum pferdlos geritten!

Hochgestellte Theologen
Nun turnierten mit der Gräfin,
Und das alte Luthertum
Stritt mit einer neuen Nonne.

Zwar sie ließ sich nicht verschüchtern;
Am Spinettlein sang sie zierlich
Und mit leicht belegter Stimme:
"Ach, das Kreuz hat seine Reize!"*)

Und desselben Jahres wallte
Eine Wolke Rosenduftes
Auf gen Himmel, und dazwischen
Roch's nach jungem Most von Chios.

Denn nach vielen glaubenslosen
Und verpönten Heidentagen
Dachte sich mit großem Pompe
Heinrich Heine zu bekehren.

Kunstreich baut' er einen Hügel
Aus antiken Tempeltrümmern,
Den behing er mit Tapeten,
Ganz mit Bilderwerk durchwoben.

Weiße Nymphen, schwarze Nonnen,
Gold'ne Ritter, dunkle Mönche
Wandelten auf grünem Rasen
Unter blühenden Granaten.

Diademe, Schmuck und Waffen,
Kreuze, Kämme, Sonnenstrahlen
Und das Licht der blonden Haare
Waren echt in Gold gewirket.

Und in brennend roter Seide
Glänzten all' die schönen Lippen;
Nur das Fleisch in blasser Seide
Mahnte an Pariser Tricot.

Doch die Tropfen roten Blutes,
Welche mancher Brust entquollen,
Waren köstliche Rubinen
Und die Thränen gute Perlen.

Ebenso als Tau der Blumen
Spielten blitzende Brillanten;
Jeder Wuch'rer nähm' die Sachen
Unbedenklich als Versatz.

Freilich hingen die Tapeten
Etwas locker auf dem Marmor,
Mancher Herr und manche Dame
Hing in Falten schnöd' gebrochen.

Ein Rabbiner trug am Rücken
Wie ein Dromedar zwei Höcker;
Dieses waren zwei verborg'ne
Wack're Karyatidenbrüste.

Einem schmalen Schmachtetasso
Ragte lächerlich ein Hängbauch,
Weil er über eines Satyrs
Dickes Steingesäß gespannt.

Also war der Berg beschaffen,
Und der Dichter rief dem Volke;
Ein gewähltes Publikum
Sammelte sich auf der Fläche:

Ritterschaft der alten Schmecker
Mit dem Tellertuch am Halse
Und dem Stocher in den Zähnen;
Auch das Heer der Schulpennäler.

Als die Völker so versammelt,
Da bestieg er, einen Strauß
Frischer Blumen in den Händen,
Feierlich den hübschen Berg,

Lächelt' lieblich von der Höhe,
Warf den Blumenstrauß herunter,
Nahm die schön geschweifte Lyra;
Unten herrschte große Stille.

Und er griff mit hagrer Hand
In die schön geschweifte Lyra,
Rührte rasch die neuen Saiten,
Daß sie blitzten im Ertönen,

Gleich dem sonnigen Geflimmer
Eines Quells auf Frühlingsbergen.
Schön ist's, wenn die junge Sonne
Spielet auf den Wassersaiten.

Diese Weise kennt er wohl,
Und sie wird ihm nachgesungen
Von des Rheines Quellgebirgen
Zu der Nordsee Wolkengürtel,

Und der Studio im Grünen
Singt sie, wenn die Lust ihn rühret.
Jetzo aber spielte Heinrich
Hastig ein Präludium,

Riß den Finger durch die Saiten,
Und im gleichen Zug mit Grazie
Schwenkt die Hand er in die Lüfte,
Schlug ein Schnippchen, rümpft die Nase,

Und indem der Ton verklungen
Und die Nase sich verzogen,
Rief er aus den Namen Gottes,
Proklamiert das höchste Wesen. –

Seit der Advokat von Arras
Sich die Kompetenz gewährte,
Feierlich mit roter Hand
Eine Gottheit zu verfassen,

Hatte niemand das Vergnügen
Sich gestattet. Angenehmer
Schauer fuhr in die Gebeine
Der Blasierten, die da unten

Sehnlich auf den Witz geharret.
Aufgehoben ward zum Spaße,
Fast gerührt, der exclusive
Kammer-Atheismus; lustig

Gährt's und brodelt's in den Häuptern,
Und goutiert ward die Begehung
Mytholog'scher Urzustände,
Welche Götter einst gebaren.

Tausendfach entstanden Götter,
Die sich in den Haaren lagen;
So viel Köpfe, so viel Sinne,
Keiner kann aus seiner Haut.

Keiner kann aus seinem Felle;
Aber unverschämt ist jeder,
Jeder tanzt auf seinem Seile
Seine kurze Spanne Zeit.

Jeder schnappet nach dem andern,
Schreit und ruft: Ich tanze besser!
Schreit und fällt und – hält den Schnabel
Gleich in alle Ewigkeit.

Denn des Schweigens hohe Schule
Ist das Grab, und Christ wie Heide,
Pfaff und Hanswurst, alle Schreier
Lernen schweigen in der Erde.

*) Vers aus einem Gedichte der Gräfin.

 

II

Aber nun, im Ernst zu reden,
War der Held mit Pein geschlagen;
In dem unheilbaren Leiden
Liegend auf dem Lorbeerbette,

Fiel er heim dem altgewohnten
Menschlichen Gedankengange
Der Gebrechlichen und Kranken,
Wie noch manchem wird geschehen.

Wer da stirbt, der wünscht zu leben,
Wer da hungert, wünscht sich Brot;
Aber macht der Wunsch ihn satt,
Und ist keiner noch verhungert?

Sind die grünen Bäume klüger
Oder jene, welche dorren?
Pfeift der Vogel, der den Pips hat,
Schöner, als wenn er gesund ist?

Heinrich Heine hat den Pips,
Und der Tod ist ihm verschrieben,
Ohne nun sich stark zu zieren,
Wendet er sich gleich zu Gott.

Und er hebt sich mitternächtig
Schwankend von dem Schmerzenslager,
Hüllt sich in ein frisches Hemde,
Zieht ein langes Lorbeerreis

Aus dem Kissen seines Ruhmes,
Schlingt es um den blassen Scheitel,
Um den Gipfel seines Daseins;
Auch das Büchlein Romancero,

Fromm in schwarzen Samt gebunden
Und mit feierlichem Goldschnitt,
Nimmt er zwischen beide Hände,
Und er macht sich auf zu Gott.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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