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Der Apotheker von Chamounix.

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V

Murrend zog der Kranke weiter
Viele kurze Menschenschritte,
Bis er stieß auf eine starke,
Lieblich heit're Säule Lichtes,

Die in allen Farben strahlte
Und von tausend Bildern lebte;
Felsgebirg und gold'ne Auen,
Festes Land und weite Meere,

Land und Leute, Meer und Schiffe,
Liebe Weiber, kecke Männer,
Hohe Türme, weiße Wolken
Und die zahllos schlanken Tiere:

Ei, das zog und flog so fleißig,
Rasch und fleißig, unablässig!
Doch wer schafft und webt das alles?
Zwei weitoff'ne Sonnenaugen

Webten, webten unermüdlich,
Wie zwei gold'ne Schwesterspinnen;
In der Mitte dieses Lebens
Glühte solch' ein Doppelstern.

Und es webt sich und es dreht sich –
Plötzlich aber steht es still,
Und der ganze Spuk verschwindet
Bis auf jene Zauberaugen,

Angehörig einem alten,
Feierlichen schönen Manne;
Ruhig steht er da und heiter,
Und er sagt: "Hier riecht's nach Erde!"

Heine grüßet: "Dieses Duften
Kommt von mir, o Herr und Goethe!
Doch entschuld'ge, daß so kräftig
Ich nach Arzeneien dufte!"

Jener drauf: "Sie riechen herrlich!
Und ich seh' die vielgeliebten
Pflanzen all' der Höh'n und Tiefen
Mit den duftig feinen Oelen,

"Mit den heilsam edeln Salzen;
Feines Harz in lautern Tropfen
Seh' ich in der Sonne blinken,
Sehet jenen weißen Tropfen!

"Wie Krystall hängt er am Baume,
Gelbes Licht durchblitzt ihn fröhlich
Und es wird azurnes Blau,
Froh und lehrreich war die Erde! – "

Er versank in tiefes Sinnen
Und dann sprach er, leicht erseufzend:
"Eines nur bereu' ich dennoch,
Wenn ich überhaupt bereue!

"Wo ein Herz ist, wie das meine,
Da versammeln sich die Raben
Mit den schönen Zuckeraugen
Und den anspruchsvollen Schnäbeln.

"Schwarze Raben, weiße Raben!
Und ich habe mich vertändelt;
Ach, am Ende war ich König,
Aber ohne Königin!"

"Allzuwarm ist auch nicht gut,
Golden ist die Mittelstraße!"
Rief ein and'rer hoher Schatten,
Der sich aus dem Dämmer nahte.

"Feurig wußt' ich auch zu singen,
Aber ohne mich zu brennen;
Mäßig war mein Liebeskummer,
Niemals raubt' er mir den Schlaf!

"Zeitig baut' ich meinen Herd,
Saß dabei und schürt' und schaffte,
Und zunächst am hellen Feuer
Weilte mir ein holdes Weib.

"So verlor ich keine Zeit,
Und das Herz war mir beruhigt;
Nötig war mir diese Weise,
Denn mein Leben war zu kurz.

"Wohl die Hälfte meiner Bahn
Ist mit hellem Licht beschienen;
Doch die and're blieb im Dunkel;
Klag' und tanz' mit mir, o Freund!"

Und vereint begannen beide,
Sich in einem Kreis zu drehen,
Und sie wirkten ein Gewebe
Mit den großen Weberschiffen,

Daß Gestalten auf Gestalten
Leuchtend sich vorüberjagten
Und die beiden guten Helden
Dicht in ihren Reigen hüllten.

Mit im Tanze ging Mephisto,
Sprühend wie ein heißes Eisen,
Eine weißerglühte Klinge
Eben aus der Ess' gezogen.

Und so grimmig war der Teufel,
Heinrich wäre fast gestorben,
Er, der selber prahl'risch glaubte
Weidlich schlimm und bös zu sein!

Solcherlei Gedankenstärke
Wollt' ihm nimmermehr behagen;
"Hier ist nicht zum Wort zu kommen!"
Brummt' er und begab sich fürbaß.

 

VI

Als er lange Zeit gegangen,
Kam einher ein schlichter Waller,
Freudlos, doch auch kummerlos,
Seines Weges fest geschritten.

Und er summte diese Worte:
"Was ich wert bin, weiß die Welt;
Was sie wert ist, hab' ich redlich
Zu ergründen mich beflissen.

"Vom Bedürfnis müd' getrieben
Sehnte sich mein Sinn nach Golde;
Dem Geschick verzeih' ich's nimmer,
Ohne Groll mag ich es sagen.

"Denn Verzeih'n und nicht Verzeihen,
Keines rühret mehr mein Herz;
Ruhig wandl' ich vor der Helle,
Die der Morgenstern verkündet."

"Guter Freund! Könnt ihr mir sagen,
Ist der liebe Gott zu finden
In der Gegend, wo ihr herkommt?"
Also fragt ihn Meister Heine.

Jener drauf erwidert freundlich:
"Wer ein Mann ist, hilft sich selber!
Suchet, wessen ihr bedürfet
Und was will sich finden lassen!

"Doch ich rat' euch, thut die Kräuter
Dort vorerst von euer'm Kopfe!
Denn er ist ein großer Herr,
Der sich nicht läßt imponieren.

"Ferner stellt euch stramm und fest
Und vernichtet euer Siechtum;
Denn wer einem Gott will nahen,
Muß den Menschen erst verwinden.

"Könnt ihr nicht, so geht und sterbt erst,
Und das weit're wird sich finden –
Gebt indessen mir das Buch dort,
Neugier quälet mich darnach!

"Ist's ein geistlich Buch?" "Gewiß!
Les't es nur," sprach Heinrich foppend;
Denn weil jener kindlich blickte,
Hielt er ihn für einen Kindskopf.

Also gab er ihm die Lieder,
Für sich selber aber grollt' er:
"Lies, du Prahlhans, und bewund're,
Was wir heutzutage schaffen!

"Schaffen auf dem Bett des Todes,
Abgewelkt vor Schmerz die Glieder,
Wie die Echo ohne Körper
Wiederhallte laut von Liedern!

"Schau' die lust'ge Geistesflamme,
Die aus einem traurig tönern'
Lampenscherben leuchtend züngelt,
Und dann nenn' mich einen Schwächling!

"Suchen muß ich aber dennoch,
Wie ich einen Trost gewinne;
Unter diesen Selbstvergnügten,
Freilich, hauset kaum ein Gott!"

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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