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VII
Suchend ging er wieder vorwärts,
Als ein seltsam kühles Wehen
Und ein schneidend Windesbrausen
Ihm das blasse Antlitz fegte.
Und sein weißes Linnenhemdchen
Flattert' wie ein Blatt im Sturme,
Aus dem Sturme rief ein Wesen:
"Folge mir, so wirst du finden!"
"Endlich, endlich," sagte Heinrich,
"Scheint sich etwas zu ereignen!
Fröstelnd schlottert mir die Seele,
Und doch bin ich guten Mutes!"
Unverdrossen und begierig
Schwankt' er mit dem Wirbelwinde,
Hielt sich mühsam kämpfend aufrecht;
Ohr und Nase wurden eisig,
Spröde seine Nasenspitze,
Daß er an der dicken Finst're
Fast sie abgebrochen hätte,
Denn es ward erbärmlich dunkel;
Und der Wind mit rauhen Händen
Rieb so gröblich seine Ohren,
Wie kein ird'scher Schultyrann
Seiner Buben Köpfe walket.
Taumelnd, schwindelnd ächzte Heinrich:
"Ach was sind das für Manieren?
Geht es also zu im Himmel,
Möcht' ich erst die Hölle sehen!"
Doch jetzt legte sich das Wetter
Es begann ein feines Tönen,
Und ein lieblich rotes Glänzen
Brach gemächlich durch das Dunkel.
Diesem Glanze folgt' er eifrig,
Näher kam er ihm und näher,
Bis er selbst in rotem Scheine
Glühte wie bengalisch Feuer.
Und dem Herde dieses Feuers
Stand er endlich gegenüber:
Ein Altar war aufgerichtet
Und darauf von rotem Glase
Lag ein mächtig großer Teller,
Auf dem Teller eine Glocke
Von demselben roten Glase,
Unter dieser glüht' der Lichtquell.
Aus der Glocke tönte jetzo
Gar melodisch eine Stimme:
Hebe diesen Deckel auf
Und du wirst das Leben schauen!
"Ländlich, sittlich!" sagte Heinrich,
"Die skurrile Form, sie soll mich
Nie und nimmermehr verhindern,
Einen guten Kern zu suchen!"
Und er griff die Glock' am Knopfe
Keck und kühn mit beiden Händen;
Wer nicht wich und wankte, war das
Gläserne Mysterium.
Wie er zerrte und sich stemmte,
Daß ihm bald die Arme schmerzten,
Haftet' unverrückt die Glocke;
Dennoch unversehens wich sie,
Und so plötzlich: auf dem Boden
Saß er von dem starken Rucke,
Keine Glocke in den Händen,
Kein Altar war mehr zu sehen,
Sondern dicht ihm gegenüber
Saß sein Erdfeind Ludwig Börne,
Der ihn so gehänselt hatte,
Lachend jetzo wie ein Dämon!
VIII
Schleunig endete das Lachen,
Als ihm Heinrich ins Gesicht spie;
Und erbost, gleich wilden Katzen,
Prusteten die Zwei sich an,
Schneuzten, daß es weithin zischte!
Lessings Schatten, angelocket,
Kam herbei und sah dem Streite
Menschlich liebenswürdig zu.
Doch es wollt' ihm nicht gefallen,
Schüttelte den dicken Haarzopf,
Und er packte unvermutet
Den Lebend'gen und den Toten,
Beide mit der einen Faust,
Hielt am Kragen in die Luft sie,
Wie ein Jägersmann zwei Hasen
Fröhlich den Gefährten zeigt.
"Wollt ihr Ruhe geben!" rief er,
"Wahrlich, wär't ihr nicht die Meister
Neuer Künste, die uns Alten
Noch verborgen sind gewesen,
"Beide schmiss' ich in die Tinte!
Seht hier!" und mit wenig Schritten
Trug er sie zu einem Pförtchen,
Einer Art von Hinterthüre,
Stieß sie auf und stellt' die armen
Sünder flugs auf ihre Beine.
"Seht, das ist die andre Seite
Unsers wohl besorgten Himmels!"
Und sie sah'n in fahlem Lichte
Weißlichgrau ein Feld sich dehnen,
Das sich hie und da bewegte,
Ohne daß man sah wovon.
Denn es war die Schimmeldecke
Ueber einem Tintenmeere;
Manchmal hob sie sich und zuckte,
Wie vom Kampf der Abgrundstiere.
Einen langen Schifferhaken
Nun ergriff der tapf're Lessing,
Riß damit ein tüchtig Loch
In den weißlichgrauen Schimmel,
Daß die gallig bitt're Flut
Schwarz aufquellend überfloß
Und auch stracks ein paar Skandäler
Pfauchend aus der Tiefe stiegen,
Abgebrühte Ungeheuer,
Abenteuerliche Würme,
So die triefend schwarzen Häupter
Grinsend aus den Wellen hoben.
Und dazwischen schwammen traurig
Abgebiss'ne Bein' und Arme,
Abgeschnitt'ne Menschenehren
Und zerfress'ne gute Namen.
Wieder grollt' der tapf're Lessing:
"Nehmet wahr die Willkürbestien,
Wie sie bitt're Tinte saufen,
Alle, die nicht rechtthun mochten!
"Dankt dem Schöpfer, ihr zwei Lümmel,
Daß er euch Talent verliehen!
Sicher würdet sonst ihr patschen
Unter diesem Dunkelvolke!"
Ja, sie patschten und sie plumpten
Gar zu grauslich in der Schwarzflut;
Manchmal kamen ganze Klumpen,
Rattenkönige, zum Vorschein,
Manchmal jagten sie zu Scharen
Hinter einem einz'gen fetten
Rundgeschwoll'nen Tintenmolche,
Oder zaus'ten einen magern.
Je zuweilen schlug der gute
Lessing seinen Eisenhaken,
Wie im Traum vergang'ner Tage,
Einem Seehund auf die Schnauze,
Oder stört' ein breites Haimaul
Aus der Tiefe, dem die schwarzen
Schnüre aus den Ecken flossen,
Als es grimmig klaffend auffuhr.
Immer liegt ein solcher Kraken
Grämlich lauernd auf dem Grunde;
Aber kommt ein neuer Tintrich,
Wird er fürchterlich rumoren.
An dem Fischteich stand Herr Heinrich,
Und es ward ihm bang zu Mute;
Er beschaute seine Hände
Gleich der bangen Lady Macbeth.
Schaut' und rief mit schlauem Lächeln:
"Rein ist meine Hand von Tinte,
Denn schon lang' schrieb ich mit Bleistift
Meine allerschlimmsten Sachen!"
Da erhielt er einen Stoß
Hinterrücks von Ludwig Börne,
Daß er köpflings untertauchte
In die dunkle bitt're Nacht.
Und mit schreckgelähmter Seele
Fuhr er trostlos in die Tiefe,
Die so unerforschlich dunkelt',
Wie der Satz im Schreibekübel
Eines federsiechen Schmierers;
Aber mählich ward es lichter,
Und am Ende schaut' er um sich
In der hellsten Morgensonne.
Freundlich schien sie auf sein Lager
In der alten Stadt Paris,
Und er lag in seinen Kissen
Wohlgepflegt und ziemlich munter.
Manch ein Eckermännchen harrte
Aufmerksam an seinem Bette,
Schreibbereit mit seinem Griffel,
Den es still im Aermel barg.
Jetzt besann er sich und sagte:
"Liebe Herr'n und edle Freunde,
Nur Geduld noch! und dann bitt' ich,
Unterschiebt mir keine Witze!
"Denn soeben träumt' ich seltsam,
Und ich werd' im Himmel froh sein,
Wenn ich nicht noch fremde Späße
Einst auf dem Gewissen habe!
"Ja, mir schwanen böse Dinge!
Wenn die Säue wieder grasen
Und die tollen Tische tanzen,
Wird man mein Gespenst beschwören.
"Spuken läßt man mich an Orten,
Wo das dümmste Holz wird klopfen,
Und Sottisen muß ich sagen
Aus dem Hirne alter Weiber."
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