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Der Apotheker von Chamounix.

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XI

Westlich sank die rote Sonne:
Doch im Osten, wo der Rhein geht
Und die deutschen Wälder schlafen,
Steht der Mond am blauen Himmel.

Leise kommt der weise Wandler,
Traurig kommt der traute Träumer
Aus den Eichen, aus den Linden,
Mit dem treuen kalten Antlitz.

Als des Nachtgerichtes Wärtel
Kommt er hier die Schau zu halten,
Schließt mit seinem Silberschlüssel
Lautlos auf die stillen Gräber.

Oeffnet reich' und arme Mäler,
Und es steigt die schlummertrunk'ne
Wohnerschaft aus ihren Betten,
Nachbar und die Nachbarin.

Nachbarsleut' aus Nord und Süden,
Fern vom Osten und vom Westen,
Unruhvoller Kirmeströdel,
Der im Tanze hingesunken.

Sieh, das Haar der Trauerweide,
Bis zur Erde niederhängend,
Oeffnet sich, aus seinem Schatten
Tritt die Tänz'rin von Sevilla,

Schlägt zurück den dichten Schleier
Ihrer schwarzen Sammethaare,
Daß aus seinem tiefen Schatten
Arm und Busen silbern leuchten.

Horch, sie rührt die Castagnetten
Mit vier weißen Totenbeinchen,
Feinen Knöchlein eines Kindes,
Welche hell und lieblich klingen.

Aus dem Schatten der Cypresse,
Schlank und dunkel, wie sie selber,
Löset sich des Tibro Tochter,
Die den Saltarello tanzet.

Kaum gesellt sie sich zu jener
Mit geschwung'nem Tamburine,
Dessen Reif der Mond durchleuchtet,
So erbraust die Sykomore,

Denn aus ihren Wurzeln windet
Heftig sich die Bajadere,
Und sie schwingt sich auf die Zehen,
Die am Ganges einst gewirbelt.

Mit den zimmetfarb'nen Armen
Wetzt und schlägt sie gold'ne Cymbeln,
Hält sie weithin auseinander,
Zeigt sie lächelnd wie zwei Monde.

Bald liegt ihr Gewand am Boden,
Doch kein Aug' sieht ihre Reize,
Einen blassen Lichtstreif einzig
Läßt der Wirbeltanz erscheinen.

Von dem wilden Schall der Becken
Zittert eine hohe Tanne,
Deren Aeste, schwarz und düster,
Einen Rasen tief beschatten.

Aus dem Rasen steigt die Böhmin,
Steigt die böhm'sche Musikantin
Mit den böhm'schen Diamanten
Um den Hals und an den Armen.

An den weißen Handgelenken
Funkelt es mit sieben Farben,
Wenn sie auf der Geige spielet,
Die sie an die Achsel drückt,

An die Achsel rund und blendend,
Wie sie quillt aus grünem Sammet;
Und im Schatten starker Brauen
Glüh'n die Augen süß und dunkel.

Also zieht sie mit dem Bogen
Klagend, singend lange Töne,
Welche bebend, immer stärker,
Sich in einen Walzer schlingen.

Manch gedieg'nes Muttersöhnchen
Hat sie mit dem Fiedelbogen,
Mit dem Glüh'n der dunkeln Augen
Wortlos und behend verführt.

Jetzo rauscht es in der Fichte
Und es knacken ihre Aeste;
Aus der schwanken Krone springet
Hohen Sprungs die Amazone,

Springt die schöne Reiterpolin,
Die getanzt auf der Schabracke
Manchesmal, daß die Pariser
Außer sich vor Freuden klatschten.

Tadellos am ganzen Leibe,
War kein Zoll, den sie nicht tollkühn
In der Luft zu wenden wußte
Ueber dem gejagten Pferde.

Uebern Handschuh, durch das Reifchen,
Vor- und rückwärts, eine Schlange,
Und das Unterste zu oberst
Stob und flog sie um sich selber.

Alles das genügt' ihr nicht.
Einen Großen zu gewinnen,
Der im Circus mächtig prunkte,
Wagte sie das Unerhörte.

Fort jetzt mit der alten Leier!
Fort jetzt mit dem Nacheinander!
Rief sie; jetzt das Nebeneinander
Gilt's mit einem Blitz zu zeigen!

Und schon schwebt sie in den Lüften,
Unbeschreiblich in der Lage –
Doch den Gaul erreicht sie nimmer
Und im Sand brach sie den Hals.

Aber lachend springt die Polin
Nun auf Heinrichs neuen Hügel,
Tanzt darauf, als wär' es eines
Circusschimmels breiter Rücken.

Aber seht! Ein Grabmal öffnet
Seine erzgegoss'ne Thüre
Und in starrer schwarzer Seide
Rauscht hervor die falsche Gräfin.

Rauscht die reizende Lorette,
In Lutetia geboren,
Welche ihre lange Grabschrift
Leider selber nicht kann lesen.

Manche Million gewonnen
Hat sie in den Blütetagen
Dieses Kaiserreichs des Friedens,
Spielend im Champagnerrausche.

Da entging ein Mann ihr nimmer,
Stattlich mit Manschett' und Degen;
Und nach Kirchen und Spitälern
Fuhr sie fürhin mit zwei Füchsen.

Doch die allzu strenge Tugend
Knickte vor der Zeit ihr Leben;
Der Gemahl ließ sie bestatten,
Wie es einer Gräfin ziemte.

Aber jetzt erwachen wieder
Ihre vielgeliebten Nücken
Von dem Ball der großen Oper,
Aus den Sommergartennächten.

Plötzlich schüttelt sie die Locken,
Ihre braunen Seidenlocken,
Wiegt die schön gewölbten Schultern,
Und sie schürzt das Kleid zum Tanze.

Schneller dreht sie schon die Hüften,
Und sie wirft den fein beschuhten
Fuß empor zum keuschen Monde,
Dreimal wohl in der Sekunde.

Jetzo rauschen alle Bäume
Von dem mitternächt'gen Winde,
Welcher kalt die Luft durchwehet
Und die köstlichen Gewänder.

Enger schließen die Gespenster
Sich zusammen und sie geben
Sich die weichen weißen Hände,
Die nur Zuckerbrot gebrochen.

Ihre krausen Tänze mischen
Sich zu einem runden Reigen
Um das Grab des toten Dichters,
Es umkreisend bittren Ernstes.

Wundersam gestaltet sich
Nun das Spiel und schmerzlich zucken
Jetzt die Lippen und die Wangen,
Und sie singen stöhnend, klagend:

Moder sind wir, Staub und Moder!
Klagt, ihr Armen! Klaget Schwestern!
In den zierbegabten Brüsten
Hat uns nie ein Herz geschlagen!

Moder sind wir, Staub und Moder!
Hätten wir ein Herz besessen,
O wie hätten wir's gezeigt,
Wie ein Kindlein süß gepflegt.

Moder sind wir, Staub und Asche!
Herzlos, ungelehrt und kindisch
Lebten wir ein sündig Leben,
Wie wir's besser nicht verstanden.

Moder sind wir, Staub und Asche!
Doch wir schienen, was wir waren;
Ohne Herz und ohne Wissen
Gaben wir uns, wie wir waren!

Und der Aff' hier, dieser Dichter,
Der ein wohlgebildet Herz,
Das getaucht in edle Rheinflut,
In der reichen Brust getragen:

Kindisch hielt er es verborgen,
Mühte sich mit Staubgebärden
Uns zu gleichen und den reichen
Schatz beharrlich zu verleugnen!

Moder sind wir, Staub und Asche,
Aber unverfälschter Moder!
Schwestern! Duldet keinen Heuchler,
Der ein Herz ins Grab geschmuggelt!

Er, der sich mit Prahlen rühmte,
Tigerkrallen zu besitzen,
(Mäuse fing er mit den Krallen
Grausam freilich wie ein Kätzchen),

Dieser große Herzverleugner
Sei von uns heraufbeschworen,
Daß er büße sein Vergehen,
Eh' er sich des Schlafs erfreut!

Rege dich und steig' herauf
An das kluge Licht des Mondes!
Mancher narrt die gold'ne Sonne,
Doch der Mond, er sieht die Herzen!

Manches glaubt die gold'ne Sonne,
Denn sie funkelt selbstzufrieden;
Das bescheid'ne Mondesviertel
Zwinkert still durch Menschenrippen.

 

XII

Leise regen sich die Schollen
Und entlassen Heinrichs Schatten,
Leicht und luftig schon die Füße,
Doch noch erdenschwer die Stirne.

Wie ein Kind, aus erstem Schlafe
Aufgeschreckt, die Augen reibet,
Unwirsch klagt und nicht erkennt,
Weder sich, noch wo es ist,

Drückt er die gerung'nen Hände
An die schwer umflorten Augen,
Und er seufzet tief und schüttelt
Schwach das Haupt zum Protestieren.

Doch wie eine Windsbraut wirbelt
Sich empor mit ihm der Reigen;
In die Luft wie eine Lerche
Jählings schießt die blasse Schar,

Und nach Süden geht der Zug;
Ueber monderhellten Wolken
Und vorbei den blanken Sternen
Schwebt der neue Frauenlob.

Sechs enthüllte Schultern tragen,
Zwölf verschränkte Arme wiegen
Ihn durch die azurnen Höhen,
Und schon lacht der Dichter wieder.

Doch er sieht nichts von den Sternen;
Denn die weh'nden Rabenhaare
Seiner Trägerinnen decken
Wie ein Schleier ihm die Augen.

Unter ihm erglänzen silbern
Zwölf beflügelt leichte Füße,
Gleich den Schwingen weißer Tauben
Schimmern weithin ihre Sohlen.

Alles flattert, weht und leuchtet,
Haar, Gewänder, Knie' und Füße;
Einem aufgeflog'nen Grabmal
Gleicht es, von verweg'nem Stile.

Könnt' er ewig also schweben,
Fahren durch den weichen Aether,
Ach, dem Schelmen wohl gefiel' es,
Und er würde nicht sich rühren!

Doch ein minder gutes Ziel
Ist ihm ja schon längst beschieden;
Nach Südosten unaufhaltsam
Durch die Lüfte fährt die Sippschaft.

In der Tiefe dunkelt Frankreich,
Rechtshin blinket die Loire,
Und schon bellen auch die Füchse
In den Wäldern der Côte d'or.

Auf der Saone grünen Weiden
Schlafen träumend Tier' und Hirten,
Doch schon dunkeln auch die Tannen
Schwarz empor am Juraberg.

Schaut dort vor dem großen Spiegel
Ihres Sees die edle Genf –
Wahrlich ein Grisettenhäubchen
Trägt sie traurig auf dem Ohr,

Während ihre alte Krone,
Ihre gold'ne Mauerkrone
Auf dem grünen Tisch verschleudert
Dort ein Thor und alter Schächer!

Weiter! Laut erbraust die Arve,
Schäumend durch Gestein und Klüfte,
Wände ragen über Wolken,
Ein Lawinenchor erdröhnt.

Jetzt aus ihren Riesenschleiern
Endlich blitzt die nackte Wüste,
Und mit allen seinen Schrecken
Tritt hervor der weiße Berg.

Flattert dort, vom Sturm verschlagen,
Eine Hand voll Schmetterlinge
An dem ew'gen Eis der Firnen,
Auf dem tausendjähr'gen Schnee?

Nein, es sind die Totenmädchen
Von Paris mit unserm Dichter,
Dem sie eine Kammer suchen
Für sein Purgatorium.

 

XIII

Von Gestein, schwarz und verwittert,
Zieht sich weit ein Berggesimse,
Wunderliche Eisgebilde
Stehen längs darauf gereiht.

Auf dem schmalen Gletschersteige
Wandeln jetzt die Tänzerinnen,
Und sie tragen unverdrossen
Ihre leichte Schattenbürde.

Aus dem Berge tritt ein Männchen
Ihnen weiß und starr entgegen;
Von dem Scheitel bis zur Zehe
Klirrt von Eis ihm Haar und Bart.

Und ein Büschel seines Bartes
Hält es hoch wie eine Rute
Von bereiftem Birkenreisig;
Glashell glänzen seine Augen.

Freundlich schwingt der Zwerg die Rute,
Und er ruft mit guter Laune:
"Kommt ihr, meine Schar zu mehren,
Meine Herde, die ich hüte?

Meine Schäflein, meine Kühlein,
Meine Bosheitsdilettanten,
Die wir hier im kühlen Eise
Für den Himmel temperieren?

Seht, sie sitzen wohl geordnet
Mir im Block, in Zack' und Nadel,
Und das böse Höllenmütchen
Kühlt sich langsam, aber sicher!"

Alle Mädchen rufen lachend:
"Freilich! diesen tollen Burschen
Bringen wir, mit Höllenkünsten
Hat die Schwachen er geärgert!

Hinter einer Satyrmaske
Hielt er störrisch sich verborgen,
Und durch ihre leeren Augen
Schabte Rübchen er den Leuten.

Wie ein volles Veilchentöpfchen
War sein Herz, das aufgegangen
Just am schönsten Frühlingsmorgen,
Alle Kelche schwabblig voll

Von dem klarsten Taugeflunker;
Aber gräuliche Gesichter
Schnitt er, als ob er im Busen
Schnöd' ein Nest von Disteln trüge."

"Her mit ihm! ich kenn' die Sorte!"
Rief das weiße Männchen munter,
"Folgt mir nur! Wie an den Augen
Ich erkenne, ist's ein Deutscher!

Seht den Schalk! Die Sündermaske
Will um keinen Preis er lassen!
Wart' nur, in Krystall geprägt
Wollen wir sie aufbewahren!

Haben eine schöne Sammlung
Solcher abgelegten Larven,
Welche uns're Burg verzieren,
Während ihre alten Eigner

Lange schon im Paradiese
Harmlos wie die Zicklein spielen.
Vorwärts mit dem guten Kauze,
Daß wir sein Quartier besorgen!"

Und er führt den Zug der Geister
Hurtig fort durch das Gefror'ne,
Drin gar schnurrig, wunderbarlich
Allerlei Gestalten sitzen.

Manche fletschen noch die Zähne,
Manche strecken noch die Zunge,
Andre sitzen still gekauert,
Wie das Kind im Mutterleibe,

Und beginnen in den Urstand
Ihrer Unschuld rückzukehren,
Und sie werden klug und weislich
Mit sich selber wieder einig.

Jetzo ragt ein hoher schmaler
Zinken mächtig in die Lüfte,
Gleich dem Speere eines Kriegers
Spießt er eine Wolkenflocke.

"Halt! Hier ist ein leerer Zacken!"
Schreien unverweilt die Weiber;
"Prächtig kann da unser Wildfang
In die höchste Spitze fahren!"

Doch der Alte ruft: "Mit nichten!
Dieser schöne lange Zapfen
Muß noch stets zur Höhe wachsen
Für den längsten aller Sünder!

Denn es wird ihn einst bewohnen
Jener lange Karl, der Heinzen,
Der seit manchen langen Jahren
Theoretisch Köpfe schneidet,

Aber friedevollen Herzens
Noch kein Tröpflein Bluts vergossen,
Während lautlos die Tyrannen
Schlachten, daß die Erde raucht.

Aber hier ist, was wir suchen!
Ein verführtes Mädchen sitzt mir,
Schon geläutert, hier im Eise;
Lassen wir das Täubchen fliegen!

Und den ungezog'nen Dichter
Sperren wir an seiner Stelle
In den kühlen Mädchenzwinger,
Ins krystall'ne Kämmerlein."

Also sprach der kleine Hüter;
Mit dem Trüppchen armer Seelen
Hielt er an vor einer Säule,
Die mit klaren Silberkanten

Wie mit Filigran gefaßt,
Und mit spiegelnden Facetten
In der Bergnacht tiefes Schwarzblau
Sich erhob und lieblich glänzte.

Alle standen vor dem Türmchen;
Heinrich auch ward aufgestellt,
Und sie sah'n ein schönes Wunder
Mit verblüfften Totenaugen.

Hinter dem erhellten Eise
Stand der Morgenstern am Himmel,
Groß und glänzend, und sein Licht
Strahlte durch die klare Wohnung.

Einen zarten Frauenumriß
Zeichnete der Glanz des Sternes
Freundlich in das reine Prisma
Der gefeiten Himmelswasser;

Ohne deren Lauterkeit
Nur um einen Hauch zu trüben,
Schwebt darin das Lichtgebilde
Gleich dem Umriß eines Engels,

Den ein Meister in das Trinkglas
Seiner Liebsten leis begraben.
Doch im dunkelblauen Feuer
Blühten zwei gar süße Augen,

Glühten ruhig gleich zwei Sternen,
Die im fernen Osten leuchten;
Alles andre war so lauter
Wie das Wasser junger Quellen.

Nun erschloß das Hütergreischen
Leis und sanft die lichte Zelle,
Klatschte freundlich in die Hände –
Und das schöne Bild entfloh.

Lächelnd schwebt' es auf zum Himmel,
Wo die großen Sterne flammten.
Dieses war das holde Clärchen
Aus dem Thal von Chamounix.

"Schnell jetzt, eh' das Nest erkaltet,
Schnell hinein den Versedrechsler!
Einen wackern Harfenengel
Will ich aus dem Sünder machen!"

Also rief das weiße Männlein;
Und sie schoben ihn zur Stelle.
Aber siehe da! mein Heinrich
Ward auf einmal wild und munter,

Sperrte sich mit Hand' und Füßen,
Strampelte mit beiden Beinen,
Schlug umher und rief gewaltig:
"Macht mir keine schlechten Witze!

Ihr erträumtes, schnöd' erfund'nes
Lumpenpack der Phantasie
Eines schnöden Nachgebor'nen!
Was! Ihr wollt mich maltraitieren?

Laßt mich, daß aus meinem toten
Armen Hirn ich schnell Euch solche
Höhnisch grimm'ge Spottgeburten
Auf den magern Buckel jage,

Daß Ihr heulend mir davon stäubt,
Froh, wenn in des Thoren Schädel,
Dem Ihr unbedacht entsprungen,
Wieder könnt zurücke kriechen!"

"Ruhig, ruhig!" sprach der Alte,
"Schicke dich! Du hast gesprochen!
Nun durchaus mußt Du erdulden
Auch der andern Spruch und Rede!

Kein Atom von Deinem Werte
Wird man Dir herunter kratzen,
Wie Du bist, wirst Du bestehen!
Einlogiert nun ohne Zaudern!"

Und den Störrischen berührte
Er mit seiner Silberrute;
Sieh, da huscht' er still und willig
In die funkelnde Behausung.

Schon erglänzten von Krystallen
Leichenhemd und Kranz und Locken,
Und der Alte schloß die Wohnung
Mit dem Hauche seines Mundes,

Mit dem Hauche starr und eisig.
Aus der Tiefe rief das Schneehuhn
Durch die stillen Alpentriften
Seinen ersten Morgengruß.

Plötzlich schwanden jene Nymphen
Aufgeschreckt in alle Lüfte,
Schneller, als ein Flug von Spatzen
Einem Flintenschuß entflattert.

Doch der Alte, still und einsam,
Reinigte mit seinem Barte
Wohlgefällig noch die hellen
Spiegelscheiben an dem Eise,

Welches schon der Frühschein streifte,
Daß es anfing zu erglühen
Zwischen silbergrauem Aether
Und der dunkelblauen Tiefe.

Und die weißbereiften Haare
Knisternd auf dem Felsen schleppend
Ging das kleine Geistermännchen
Endlich in den Berg hinein. –

Zierlich ist das winz'ge Mücklein,
Das im gold'nen Bernstein sitzet;
In der fernen Ostseesonne
Schimmert es am Hals der Frauen.

Und erhaben ist der Mammut,
Der im Eisberg eingeschlossen,
Von dem Nordlicht falb erhellet,
Auf dem dunklen Meere schwimmt.

Myriaden wohl von Jahren
Künden beide, Mück' und Mammut;
Doch das Maß für ihre Größe
Reichet über meinen Sinn.

Manchmal scheint das Rüsseltier
Winzig mir wie eine Mücke;
Manchmal wieder schwillt die Mücke
Mir zum Elefanten auf!

Aber mein in Eis gesetzter
Trauter Herr und Zeitgenosse
Tritt mir immer menschlich sittlich
Und belehrend freundlich nah.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
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