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Weltliteratur, die dieses Prädikat verdient.
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Der grüne Heinrich (Gebundene Ausgabe) Mit der Absicht mir wieder einmal einen wirklich historischen Roman zu Gemüte zu führen, mit dieser Intension bin ich rangegangen. Ich wollte keinen Roman lesen, in dem, ausgehend von der heutigen Vorstellung, fiktiv versucht wird, die Vergangenheit darzustellen, gerade so, wie es der Fantasie nach wohl gewesen sein könnte, auch wenn sich dafür an den verfügbaren Quellen entlang orientiert wurde. Nein! Ich wollte vor allem eine authentisch verfasste Geschichte aus der damaligen Zeit erleben, ein Original.
Dafür hatte ich mir die zweite Fassung des Romans vorgenommen, in dem der gesamte Stoff aus Heinrichs Ich-Perspektive geschildert wird, und wonach die Geschichte entgegen der tragischeren Urfassung zu einem versöhnlichen Ende findet.
Ich ahnte schon vorher: "Der grüne Heinrich", das wird ein Brocken. Ich hatte recht, aber ich wurde alles andere als enttäuscht.
Was einem zuerst auffällt, ist die antiquierte Ausdrucksweise, doch das darf sie durch die Authentizität natürlich auch sein. Ich musste immer wieder schmunzeln, ob über obsolete Bezeichnungen und Umschreibungen wie auch über die ein oder andere genial getroffene altdeutsche Wortkreation. Gottfried Keller besticht im "Grünen Heinrich" neben dem, was im Roman dargestellt wird, durch höchste Sprachkunst. Seine Sätze in brillantem Deutsch sind mitunter die reinsten Kompositionen und erzeugen geradezu eine Melodie. Fast jeder einzelne Satz tut das wohlgemerkt!
Natürlich muss man sich explizit Zeit für diese Lektüre nehmen. (Ich habe an dem Roman Stück für Stück ein dreiviertel Jahr lang gelesen. Es gab Monate, in denen ich ganz andere Sachen gelesen hatte und einige Zeit hab ich "den Heinrich" ehrlich gesagt auch einfach liegen gelassen.) Doch es lohnt sich!
Durch die vollmundige romantische Sprache mit all ihren Facetten, Schnörkeln und Ausschmückungen wird das Lesen, für den, der sich darauf einlässt, zu einem Fest der Sinne. Beispielsweise: "... Nach einigem Herumstreifen gelangte ich an die Stelle, wo ich bei meiner Ankunft aus dem Walde herausgetreten war und die abendliche Regenlandschaft mit dem Gute und der alten Kirche erblickt hatte. ..." Oder, wenn es einmal das leibliche Wohl betrifft: "... So beschäftigte er sich eifrig weiter mit der großen Schüssel, die vor ihm stand. Dieselbe enthielt die Anhängsel und Profilstücke eines frisch geschlachteten Schweines, die Ohren, die Schnauze und den Ringelschwanz, alles soeben gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend. Er pries das aufgetürmte Gericht als unübertrefflich an einfacher Zartheit und Unschuld und trank einen tüchtigen Krug goldbraunen Bieres dazu. ..."
Freilich kommt das Werk hier und da schon recht angestaubt daher. Von daher kann ich "Den grünen Heinrich" nicht direkt über den grünen Klee hinweg loben.
Ein Manko sind die Längen und Überlängen, die ein Lektor heutzutage wohl gnadenlos streichen oder zumindest kürzen würde, denn die ausufernden Passagen und Nebensächlichkeiten gehen sehr zu Lasten der Spannung. Die Geschichte wabert über weite Strecken recht langsam dahin.
Was dieses Problem wiederum aufwiegt, sind die präzisen Beschreibungen des Autors, die meist bis weit in die Detailtiefe hineinreichen. Im Kopf des Lesers entstehen dadurch leicht "psychische Echos". Und das ist grandios. Gottfried Keller erzeugt einzigartig starke Bilder, wenngleich sich diese Bilder öfter auf Exposition als auf die Handlung beziehen. Damals schrieb man halt so.
Als ein guter Roman gilt für mich, wenn durch das, was erzählt wird und in welcher Art es erzählt wird, ein Wechselspiel mit meinen eigenen Gefühlen, meinem Bewusstsein und dem Unbewussten entsteht. Und diese Kunst versteht Gottfried Keller meisterlich.
Ich kann nicht sagen, wie oft während des Lesens allein Bilder aus meiner Kindheit in mir aufgestiegen sind, Dinge, die mir seit Jahrzehnten nicht mehr in Erinnerung kamen. Selten hat das ein Buch bei mir geschafft.
Zur Story an sich: Wie in jeder guten Geschichte wurde geleibt, gelebt, geliebt und gelitten, doch wie ging das Leben an sich vonstatten? Wie gingen die Menschen mit den Zwängen ihrer Zeit um? Weil all das sozusagen aus erster Hand empfunden und aufgeschrieben wurde, hatte mich die Beleuchtung dieser Aspekte besonders interessiert. Die einstigen Tatsachen: Kommunikation über Entfernungen erfolgt nur durch Briefe. Es gibt keinen Strom. Gereist wird im Wesentlichen mit Postkutschen. Die Industrialisierung und der Eisenbahnbau stehen gerade ganz am Anfang usw. ... Der Tod gehört nahezu zur Selbstverständlichkeit des Alltages. Er begegnet den Menschen noch häufiger als im Alter bei Krankheiten, wo oftmals niemand weiß, was dem Kranken wirklich fehlt. Die Figur der Anna ist hier ein trauriges Beispiel. Das jugendliche Mädchen wird über Monate schwächer und schwächer. Ihrem Dahinsiechen kann das Umfeld nur zusehen, bis sie unabwendbar einfach stirbt. Aber auch zu gebären ist für die Frauen dieser Zeit eine riskante Angelegenheit und, und, und ... Im Vergleich zu diesen Umständen kann man kaum ermessen, in welchem Luxus wir heutzutage leben.
Dann: Zu den Gepflogenheiten und Erwartungen von einander: In der Gesellschaft, aber auch im kleinen privaten - zwischenmenschlichen und zwischengeschlechtlichen - Bereich ging es nach der herrschenden Überzeugung und Erziehung weitgehend zünftig-sitzsam zu. Soweit die Überlieferung und soweit auch ganz richtig. Aber nicht nur. Hier verblüffte mich, mit welcher Frische, Freiheit und Beweglichkeit im Denken die Figur der Judith an den Leser gebracht wird. Judith war mir sehr sympathisch, nicht nur weil sie unbekümmert und frivol mit ihrem jungen Witwendasein umgegangen war, sondern weil sie ein Symbol für Mut und Lebensklugheit ist, ein Beweis, dass es auch damals Menschen gab, die über den Tellerrand blickten, und sich nicht mit den Gewohnheiten und überspannten Moralvorstellungen abfanden.
Ferner hatte mich ein wenig überrascht, wie sehr der Glaube Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur kritisiert, sondern vehement bezweifelt und sogar gänzlich in Frage gestellt wurde. Zu diesem Thema liefert der Roman gleich mehrere Passagen. Weil's sich's so schön liest, noch ein Beispielsatz hierzu, in dem sich Heinrich innerlich an der aufoktroyierten Bibeltreue reibt: "... Was unter fernen östlichen Palmen vor Jahrtausenden teils sich begeben, teils von heiligen Träumern geträumt und niedergeschrieben worden war, ein Buch der Sage, das wurde hier [im Religionsunterricht] als das höchste und ernsthafteste Lebenserfordernis, als die erste Bedingung Bürger zu sein, Wort für Wort durchgesprochen und der Glaube daran auf das Genaueste reguliert. ..."
Glaube, Un- und Andersgläubigkeit betrifft einen größeren Themenkomplex, der in der Geschichte in unterschiedlicher Betrachtung immer wieder auftaucht und mit dem Hauptthema überlappt. Das Hauptthema beinhaltet - wie kann es anders sein - die Fragen um die Sinnsuche im Leben, im Spezielleren die Qual der richtigen Berufswahl; das Suchen und Herausfinden, was einem selbst liegt, und den darauf folgenden Versuch, mit dem, für das man sich entschieden hat, zu Ruhm und Ehre gelangen zu wollen; es sind die Versuche der Erfüllung der ureigenen (edlen) Ziele entgegenzustreben, und schließlich an den Umständen und an sich selbst zu scheitern... Damit bleibt dieses Buch nach wie vor ein ganzes Stück weit aktuell. Und wohl auch deshalb hallt die Geschichte in mir immer noch nach.
Zusammenfassend kann ich mit Fug und Recht sagen: Mir hat dieser Wälzer mehr gegeben, als ich erwartet hatte. Trotz mancher zäher Phasen (daher ein Punktabzug) war es ein Genuss.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 11. Januar 2012 |