V
Horch! Stimmen und Geschrei, doch kaum zu hören; Dumpf und verworren
tönt es, wie von Ferne, Und ich erkenne, die allnächtlich stören Der
Toten Schlaf, den stillen Gang der Sterne:
Der trunk'ne Küster, aus der Schenke kommen, Setzt sich noch in den
Mondschein vor dem Hause, Kräht einen Psalm; doch kaum hat sie's
vernommen, So stürzt sein Weib hervor, daß sie ihn zause,
Heißt ihn hinein gehn und beschilt ihn grimmig, Hell kräht und
unverdrossen der Geselle; So mischen sich geübt und doppelstimmig Ihr
Katzmiaulen und sein Mondsgebelle.
Sie muß ganz nah sein, da ich es kann hören, Die überkomm'ne alte
Pfründerhöhle; Laß sehn, ob das Gesindel ist zu stören: Schrei was du
kannst, o du vergrab'ne Seele!
Die Thür schlägt zu – der Lärm hat sich verloren, Es hülfe nichts, wenn
ich zu Tod mich riefe! Sie stopfen furchtsam ihre breiten Ohren Vor
jedem Ruf des Lebens aus der Tiefe.
VI
Als endlich sie den Sarg hier abgesetzt, Den Deckel hoben noch zu guter
letzt, In jenem Augenblick hab' ich gesehn, Wie just die Sonne schied im
Untergehn.
Beleuchtet von dem abendroten Strahl Sah ich all' die Gesichter noch ein
Mal, Den Turmknopf oben in der goldnen Ruh – Es war ein Blitz, sie
schlossen wieder zu.
Ich sah auch zwischen Auf- und Niederschlag, Wie Märzenschnee rings auf
den Gräbern lag; Das Wetter muß seither gebrochen sein, Denn feucht
dringt es in diesen leichten Schrein.
Ich hör' ein Knistern, wie wenn sacht und leis Sich Schollen lösen von
des Winters Eis; Ich ärmster Lenzfreund bin ja auch erwacht Und kann
nicht regen mich in dunkler Nacht!
Wie jeglich Samenkorn sich mächtig dehnt, Der junge Halm ans warme Licht
sich sehnt, So reck' ich den gefangnen, meinen Leib, Doch ist's ein
fruchtlos grimmer Zeitvertreib!
Hört man nicht klopfen laut da obenwärts Hier mein zum Blühen so
bereites Herz? Sie wissen nicht, wie es da unten thut, Und keine
Wünschelrute zeigt dies Blut!
Käm' auch geschlichen so von ungefähr Ein alter Schatz- und
Quellengräber her, Sein Stäblein, nur auf Geld und Gut gericht' Es
spürt' das warme rote Brünnlein nicht.
VII
Horch – endlich zittert es durch meine Bretter! Was für ein zauberhaft
metallner Klang, Was ist das für ein unterirdisch Wetter, Das mir
erschütternd in die Ohren drang?
Jach unterbrach es meine bangen Klagen, Ich lauschte zählend, still,
fast hoffnungsvoll: Eilf – zwölf – wahrhaftig es hat zwölf
geschlagen, Das war die Turmuhr, die so dröhnend scholl!
Es ist die große Glock', das Kind der Lüfte, Das klingt ins tiefste
Fundament herab, Bahnt sich den Weg durch Mauern und durch Grüfte Und
singt sein Lied in mein verlass'nes Grab.
Gewiß sind jetzt die Dächer warm beschienen Vom sonnigen Lenz, vom
lichten Aetherblau! Nun kräuselt sich der Rauch aus den Kaminen, Die
Leute lockend von der grünen Au'.
Was höhnst du mich, du Glockenlied, im Grabe, Du Rufer in des Herrgotts
Speisesaal! Mahnst ungebeten, daß ich Hunger habe Und nicht kann hin zum
ärmlich stillen Mahl? –
VII
Da hab' ich gar die Rose aufgegessen, Die sie mir in die starre Hand
gegeben! Daß ich noch einmal würde Rosen essen, Hätt' nimmer ich
geglaubt in meinem Leben!
Ich möcht' nur wissen, ob es eine rote, Ob eine weiße Rose das
gewesen? Gib täglich uns, o Herr! von deinem Brote, Und wenn du willst,
erlös' uns von dem Bösen!
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