XIII
Der schönste Tannenbaum, den ich gesehn, Das war ein Freiheitsbaum von
sechszig Ellen, Am Schützenfest, im Wipfel Purpurwehn, Aus seinem Stamme
flossen klare Wellen.
Vier Röhren gossen den lebend'gen Quell In die granitgehau'ne runde
Schale; Die braunen Schützen drängten sich zur Stell' Und schwenkten
ihre silbernen Pokale.
Unübersehbar schwoll die Menschenflut, Von allen Enden schallten
Männerchöre; Vom Himmelszelt floß Julisonnenglut, Erglüh'nd ob meines
Vaterlandes Ehre.
Dicht im Gedräng, dort an des Beckens Rand Sang laut ich mit, ein
fünfzehnjähr'ger Junge; Mir gegenüber an dem Brunnen stand Ein zierlich
Mädchen von roman'scher Zunge.
Sie kam aus der Grisonen letztem Thal, Trug Alpenrosen in den schwarzen
Flechten Und füllte ihres Vaters Siegpokal, Drin schien ihr Aug' gleich
Sommersternennächten.
Sie ließ in kindlich unbefang'ner Ruh Vom hellen Quell den Becher
überfließen, Sah drin dem Widerspiel der Sonne zu, Bis ihr gefiel, den
vollen auszugießen.
Dann mich gewahrend, warf sie wohlgemut Aus ihrem Haar ein Röslein in
den Bronnen, Erregt' im Wasser eine Wellenflut, Bis ich erfreut den
Blumengruß gewonnen.
Ich fühlte da die junge Freiheitslust, Des Vaterlandes Lieb' im Herzen
keimen; Es wogt' und rauscht' in meiner Knabenbrust Wie Frühlingssturm
in hohen Tannenbäumen.
XIV
Und wieder schlägt's – ein Viertel erst und Zwölfe! Ein Viertelstündchen
erst, daß Gott mir helfe, Verging, seit ich mich wieder regen kann! Ich
träumte, daß schon mancher Tag verrann!
Doch bin ich frei, das Weh hat sich gewendet, Der seine Strahlen durch
das Weltall sendet, Er löst auch Zeit und Raum in diesem Schrein – Ich
bin allein und dennoch nicht allein!
Getrennt bin ich von meinem herben Leiden, Und wie ein Meer, von dem ich
mich will scheiden, Lass' brausen ich mein siedend heißes Blut Und steh'
am Ufer als ein Mann von Mut.
So toset nur, ihr ungetreuen Wogen, Lange genug bin ich mit euch
gezogen! Ich übersing' euch, wie ein Ferg' am Strand, Und tausch' euch
an ein gutes Heimatland!
Schon seh' ich schimmernd fließen Zeit in Zeiten, Verlieren sich in
unbegrenzte Weiten Gefilde, Bergeshöhen, Wolkenflug: Die Ewigkeit in
Einem Atemzug!
Der letzte Hauch ein wallend' Meer von Leben, Wo fliehend die Gedanken
mir entschweben! Fahr' hin, o Selbst! vergängliches Idol, Wer du auch
bist, leb' wohl du, fahre wohl!
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